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Dieser Satz kann kaum ein gutes Ende nehmen - trotzdem verwenden ihn viele. Aber: Wann ist man überhaupt ein Rassist? Wann ein Nazi?
Warum nennt sich fast niemand Rassist?

Fast niemand identifiziert sich mit dem Begriff “Rassist”. Unter anderem, weil das Wort oft mit “Nazi” gleichgesetzt wird. Rassisten und Nazis sind aber nicht dasselbe, erklärt Karen Schönwälder, Gruppenleiterin zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften am Max-Planck-Institut. Sie sagt: “Jeder Nazi ist ein Rassist, aber nicht jeder Rassist ist ein Nazi.

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Rassismus als “Form der Fremdenfeindlichkeit, die sich auf tatsächliche oder behauptete Rassenunterschiede stützt”. (Zur vollständigen Definition) Nationalsozialismus hingegen bezeichnet die “völkisch-antisemitisch-nationalrevolutionäre Bewegung in der Zwischenkriegszeit, [...] die unter der Führung Hitlers in Deutschland von 1933 bis 1945 eine totalitäre Diktatur errichtete”. (Zur vollständigen Definition)

Muss uns die Stimmung in Deutschland Angst machen?

"Geschichte wiederholt sich nicht”, sagt Klaus Schubert, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Münster. “Aber man sollte wachsam sein für die neueren Entwicklungen, die sich jenseits (oder in der Nachfolge) des Nationalsozialismus gerade in Deutschland zeigen.” Menschen, die Sätze mit “Ich bin kein Rassist, aber...” beginnen, sind ein Symptom dieser Entwicklungen.

Auf was kann sich Rassismus beziehen?

Die Ethnologin Manuala Bojadžijev hat sich auf Rassismusforschung spezialisiert und erklärt: Rassismus muss sich nicht zwingend auf äußere Merkmale beziehen - sondern auch auf Ethnien oder Kulturen. Auch die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung schließt diesen Kontext ein: “Rassisten behaupten, dass Menschen sich nicht nur in ihren biologischen Merkmalen, z.B. Hautfarbe, unterscheiden, sondern dass ihr gesamtes Wesen von ihrer 'Rassezugehörigkeit' geprägt sei.” Rassistische Äußerungen müssen sich demnach nicht unbedingt auf äußerliche Merkmale einer Person beziehen.

Eine Ethnie ist eine “Menschengruppe mit einheitlicher Kultur” (Duden). Ethnische Rassendiskriminierung kann sich demnach auch auf Religion oder soziale Werte beziehen, die Menschen teilen. Dieser Satz zum Beispiel kann also auch als rassistisch bezeichnet werden: "Die wollen alle nach Deutschland, weil es hier so schön ist, aber halten an ihrem archaischen Glauben fest".

Archaischer Glaube?

In diesem Artikel geht es um fremdenfeindlichen Mist von Whatsapp-Freunden. Manche Nutzer kritisierten, dass in dem Text dieser Satz als rassistisch bezeichnet wurde: "Die wollen alle nach Deutschland, weil es hier so schön ist, aber halten an ihrem archaischen Glauben fest."
Gibt es unterschiedliche menschliche Rassen?

Nein. In seinem Politiklexikon schreibt Politikprofessor Schubert deutlich: “Trotz äußerlicher und persönlicher Unterschiede zwischen Menschen [ist] jegliche Form der Einteilung und Abgrenzung in Rassen willkürlich, konstruiert und wissenschaftlich nicht belastbar.” Bereits 1965 erließ die UN eine Konvention für die “Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung”.

Warum sagt überhaupt jemand “Ich bin kein Rassist, aber...”?

Bojadžijev benennt zwei Gründe: Zum einen sei es unter Rechten üblich, mit Tabubrüchen zu arbeiten. Also: “Niemand sagt das, deshalb darf man das jetzt mal sagen. Diese Geste tut so, als wäre sie besonders widerständig. Es wirkt dadurch so, als wären sie die Unterdrückten.” Zum anderen wird in Deutschland sehr wenig über Rassismus gesprochen. Daher gebe es wenig Kenntnis darüber, was Rassismus ist. Wenn jemand in Deutschland gesagt bekomme: “Du bist Rassist”, führe das bei ihm zu einer Abwehrreaktion – weil er sich nicht mit dem Bild identifizieren will, das er von einem Rassisten hat.

Das neue, bunte Deutschland, das sich aus vielen unterschiedlichen Kulturen zusammensetzt, wäre unserer Urgroßelterngeneration fremd. “Den Menschen ist damals eingetrichtert worden, die Nationen müssten unter sich bleiben. In unserer Gesellschaft gibt es heute noch viele Menschen, die das denken. Das sind keine Nazis, die sind nicht rechtsradikal, aber sie bringen diffuse bürgerliche Ängste mit”, erklärt Schubert.

Diese diffusen bürgerlichen Ängste enden manchmal in rassistischen Aussagen. Aber: Nicht jeder, der so etwas von sich gibt, ist zwangsläufig ein Rassist. Manche dieser Menschen haben einfach nicht richtig nachgedacht. Rassistisch sind ihre Aussagen trotzdem.