Österreich hat gewählt – und dem Rechtspopulisten Norbert Hofer eine Absage erteilt. Stattdessen wird Alexander Van der Bellen als Bundespräsident an der Spitze des Landes stehen (bento).

Bei der Stichwahl zum Bundespräsidenten haben laut vorläufigem Ergebnis ohne Briefwahlstimmen 51,7 Prozent der Wähler für den Grünen Van der Bellen gestimmt. Hofer erhielt 48,3 Prozent.

Auf Facebook trauern viele Hofer-Fans um die Niederlage: Er sei der "Sieger der Herzen", ein Kämpfer gegen "EU-Lobbyisten" und Wähler von Van der Bellen seien alle "rückgratlos" und "keine wahren Österreicher".

Anders sieht es aus, wenn man auf der Straße nachfragt. Wir haben Menschen in Österreich in der Wahlnacht interviewt: Was haltet ihr vom Ergebnis?
Paul, 26, Student
Paul, 26

"Ich bin der Ansicht, dass wir ein grundlegendes Problem in unserer Gesellschaft haben – nämlich, dass wir nicht mehr wissen, wie wir politisch miteinander diskutieren. Für mich ist das einer der Gründe dafür, dass sich die FPÖ in einer permanenten Oppositionsrolle befindet und sämtliche politischen Maßnahmen der Konkurrenten schlecht redet.

Die Reaktionen auf Twitter

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Ich halte einen konstruktiven Diskussionszugang für wichtig, um wirklich politische Probleme lösen zu können. Van der Bellen ist für mich daher sehr qualifiziert: Er ist gebildet, am Dialog interessiert und in der Lage, zu differenzieren.

Ich glaube, dass er sich konstruktiv in das politische System Österreichs einbringen kann – zudem war er während meiner Teenagerzeit der Politiker, der mich am stärksten prägte, in den ich großes Vertrauen hatte und habe."

Verena, 20, Studentin
Verena, 20

"Ich war selten so gespannt auf ein Ergebnis, wie auf das dieser Bundespräsidentenwahl. Ich hatte die Befürchtung, dass Österreich sich für Norbert Hofer entscheiden würde, ein Kandidat, der meiner Meinung nach schlichtweg unwählbar ist.

Da ich weder an den Brexit, noch an einen Sieg Trumps geglaubt habe, hätte es mich wenig überrascht, wenn Hofer als Sieger dieser Wahl hervorgegangen wäre. Gott sei dank hat Österreich Vernunft bewiesen.

Mir ist ein Stein vom Herz gefallen
Verena

Da ich Van der Bellen im ersten Wahlgang, bei der ersten und nun auch bei der zweiten Stichwahl gewählt habe, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, als ich erfahren habe, dass er gewonnen hat. Van der Bellen steht für Weltoffenheit und Toleranz, er versucht, Menschen zu verbinden, anstatt sie zu entzweien und wird uns als Gesicht Österreichs sicherlich gut vertreten.

Trotzdem hat sich fast die Hälfte der Österreicher für Hofer und damit für die FPÖ entschieden, was mir Angst macht vor der bald stattfindenden Nationalratswahl."

Und du? Was sagst du zum Wahlergebnis in Österreich?
Nader, 25, Gastronom
Nader, 25

"Ich bin nicht wählen gegangen, weil ich schlichtweg keine Lust dazu hatte.

Den zweiten Wahlgang und das ganze Drumherum fand ich sehr nervig. Mir fiel auf, dass viele Menschen in meinem Bekanntenkreis ähnlich dachten. Ich bin stark davon ausgegangen, dass Alexander Van der Bellen wieder gewinnen wird.

Ich war nicht wählen, weil ich keine Lust hatte
Nader

Anfangs habe ich ihn auch unterstützt. Mittlerweile ist das allerdings nicht mehr der Fall. Letztendlich war ich weder für Van der Bellen, noch für Hofer.

Je mehr ich Van der Bellen zuhörte, desto mehr wurde mir gewusst, dass dieser alte Professor nur wenig Ahnung von den Sorgen der Menschen hat. Vieles, was er von sich gab, fand ich realitätsfern.

Dieser alte Professor hat nur wenig Ahnung
Nader über Van der Bellen

Hofer ist hingegen ein Rechtsradikaler. Deshalb ist es auch gut, dass er verloren hat. Ich denke aber auch, dass das politische Establishment sich unter Van der Bellen nicht verändern wird.

Falls doch, wäre das natürlich toll. Im Endeffekt wäre es schon eine große Sache, wenn er auch nur ein Fünftel seiner Wahlversprechen hält."

David, 25, Grafiker
David, 25

"'G'schafft!', schrieb mir am Wahlabend ein Freund aus Wien, der das dortige Van der Bellen-Team unterstützt hatte. Die Wahl war wirklich wichtig für unsere Zukunft – und sie ist wohl gut ausgegangen.

Doch wie soll man damit umgehen, dass fast die Hälfte Österreichs für einen Kandidaten gestimmt hat, der eindeutig zu viele Berührungspunkte mit Rechtsradikalen und deren Gedankengut hat?

Wie soll man damit umgehen?
David

Die Angst vor dem Fremden ist merklich gestiegen. Viele Menschen meinen, dass sie etwas verlieren, wenn man Schutzsuchenden etwas abgibt. Es gibt keine differenzierten Meinungen mehr, man ist entweder für oder gegen einen gesamten Themenkomplex. Ich frage mich, ob die Stimmung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts der heutigen ähnlich gewesen ist."

Hendrik, 22, Student
Hendrik, 22

"Die Wahl war anders als jede, die ich bisher miterlebt habe. Bis jetzt war es einem egal, was die Mitmenschen wählen.

Doch seit der ersten Wahl vor einem halben Jahr könnte die Wut auf Andersdenkende kaum größer sein. Das ist beängstigend, aber oft auch nachvollziehbar, da die Ansichten von Hofer und Van der Bellen kaum unterschiedlicher sein könnten. Ich stehe zu 100 Prozent hinter Van der Bellen.

Die FPÖ nutzt Angst und Sorgen, um Wähler zu generieren. Das funktioniert bei Menschen, die leicht zu beeinflussen sind. Die Vergangenheit und die Gegenwart haben bewiesen, dass Populismus funktioniert – daher liegt es an uns, diese Personen aufzuklären. Wer dann noch immer FPÖ wählt, weiß wenigstens, was er damit verursacht."

Farah, 25, Studentin
Farah, 25

"Ich bin sehr erleichtert, dass Alexander Van der Bellen gewonnen hat. Die Weltpolitik der letzten Monate fühlt sich an wie 'The Walking Dead' schauen. Nach ein paar Folgen rechnet man einfach mit dem Schlimmsten.

Wir leben mittlerweile in einer Angstgesellschaft. Rechtspopulisten nutzen das aus. Die Angst ist das Instrument für ihren Aufschwung geworden – und zwar in ganz Europa. Ich frage mich oft, wie wir da wieder heraus kommen. Aber mir fällt keine Antwort ein. Auch in Österreich hatte ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Ein Sieg Norbert Hofers hätte mich keineswegs überrascht."


Gerechtigkeit

"Wir sind sicher, dass uns die Armee nun aufgreift." Und dann wurde Banas Twitter-Account gelöscht

Bana aus Aleppo existiert nicht mehr. Zumindest existiert ihr Twitter-Account nicht mehr. Seit etwas mehr als zwei Monaten hatte das siebenjährige Mädchen regelmäßig aus Aleppo getwittert – sie gab dem Wahnsinn des Krieges eine traurige Stimme. Jetzt ist der Account gelöscht.

Der letzte Tweet stammt von Sonntagabend: "Wir sind sicher, dass uns die Armee nun aufgreift", schreibt Banas Mutter Fatima. "Wir sehen uns an einem anderen Tag wieder, liebe Welt. Tschüss."