Der Grüne Alexander Van der Bellen ist neuer Bundespräsident.
Marina, 23, Studentin der Geschichtswissenschaften, aus Innsbruck

Wer seine Heimat liebe, der spalte sie nicht, das sagte der FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache in einem Interview am Wahlsonntag. Ich saß vor dem Fernseher und mir wurde schlecht. So ein Satz ausgerechnet vom Chef jener Partei, die alles für Stimmen tut. Die nicht einmal davor zurückschreckt, mit offensichtlichen Lügen und menschenfeindlicher Hetze auf Stimmenfang zu gehen.

Dieser Satz beschreibt meine Gefühle während der vergangenen Monate, während des gestrigen Wahlsonntags und auch in diesem Moment: Ich kann es einfach nicht glauben.

Die vergangenen Tage waren geprägt von Aufregung, Nervosität und Angst. Ich war angespannt, pessimistisch und hoffnungsvoll zugleich. Ich erwartete das Schlimmste und dachte mir gleichzeitig immer, es könne doch einfach nicht möglich sein, dass mehr als die Hälfte der Österreicher und Österreicherinnen Norbert Hofer von der FPÖ wählen würde. Dann kamen die ersten Hochrechnungen und ich fühlte mich, als hätte mir jemand zugleich in den Magen geboxt und mich in Eiswasser geworfen.

Auch wenn Norbert Hofer jetzt letztlich verloren hat: Ich bin unfassbar traurig, dass so viele Menschen ihre Stimmen einem Kandidaten und einer Partei geschenkt haben, die meiner Meinung nach nichts in der Politik zu suchen haben. Halb Österreich steht hinter einer Ideologie, hinter Ansichten, hinter Werten, die bei mir Übelkeit verursachen.

Österreich hat gewählt. Hier gibt's die News:

Tamim, 24, Pädagogikstudent aus Innsbruck. Er flüchtete einst mit seiner Familie aus Afghanistan nach Österreich.

Seien wir doch einmal ehrlich: Dank der Flüchtlinge hat es die FPÖ überhaupt so weit gebracht. Egal, ob in den Zeitungen, im Fernsehen oder im Internet: Überall geht es nur noch um Flüchtlinge. Und natürlich überwiegt die negative Berichterstattung.

So werden Ängste geschürt, die viele Wähler in die Arme der FPÖ getrieben haben. Ich denke, dass sich viele Medien hier ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind.

Als ehemaliger Flüchtling kann ich mich sehr gut in die Situation vieler neu Angekommener hineinversetzen. Es ist anfangs schwierig, Fuß zu fassen. Man muss die deutsche Sprache erlernen und möglichst versuchen, sich fortzubilden. Nur so kommt man hier weiter. Bei vielen neuen Flüchtlingen fällt mir auf, dass sie keinerlei Interesse daran haben. Das ist meiner Meinung nach falsch.

Und klar, es gibt auch Flüchtlinge, die hier Probleme machen. Sie sind gewalttätig, belästigen Frauen oder stehlen. Aber das machen sie meist nicht, weil sie Flüchtlinge sind. Man darf derartige Beispiele nicht leugnen, allerdings dürfen sie auch nicht zur Pauschalisierung missbraucht werden.

In der Fotostrecke: Die Wahl im Rückblick
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Miriam, 21, Jurastudentin aus Wien

Die Menschen haben Angst. Man merkt, wie Personen, die "fremd" aussehen, schief angesehen werden. In Bus oder Bahn bleiben die Plätze neben ihnen jetzt noch häufiger frei. Jungen Frauen wird geraten, abends nur in Gruppen hinauszugehen. Viele meiden öffentliche Plätze oder Veranstaltungen.

Aber Hass gegen Fremdes hilft niemandem weiter. Es braucht mehr Offenheit, mehr Gemeinsamkeit – und zwar von jeder Seite. Es ist nicht hilfreich, sich mit seiner jeweiligen politischen Einstellung auf ein Podest zu stellen.

Man muss auf die Leute eingehen und versuchen, ihre Ängste zu verstehen. Nur so kann man ihnen entgegenwirken. Vor allem in Bezug auf die Flüchtlingspolitik ist Empathie jetzt besonders wichtig. Natürlich ist es eine Herausforderung, sich abwechselnd in die Position eines Flüchtenden, eines besorgten Einwohners oder eines Helfers im Flüchtlingsheim zu versetzen. Aber der Versuch ist es wert.

Stefanie, 19, Schülerin

Eigentlich habe ich die parteiunabhängige Kandidatin Irmgard Griss gewählt. Ich mochte ihre Art, sie hat immer alles so gut erklärt, bei ihr ist es mir leichter gefallen, ihre Positionen nachzuvollziehen.

Jetzt betrachte ich Van der Bellen als den besseren Bundespräsidenten, deswegen freue ich mich, dass er gewonnen hat. Das klingt jetzt wie eine Wahlkampfphrase, aber er ist halt der Präsident für alle. Nicht nur für die Österreicher, sondern auch für Ausländer. Er ist für die Europäische Union und gegen eine "Grenzen zu"-Politik.

Wer Flüchtlingen skeptisch gegenübersteht, der hat Norbert Hofer gewählt. Wahrscheinlich, weil er ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Und für die Unentschlossenen wird wohl seine sympathische Art entscheidend gewesen sein – ich finde ihn ja auch sympathisch, aber mir gefallen seine Ansichten nicht.

Die Wahl war knapp. Deswegen habe ich jetzt ein bisschen Angst, wie die anderen Länder über uns denken.

Hanna, 25, Journalistin aus Wien

Ich habe am Wahlabend, am 24. April, richtig Angst gehabt. Angst, dass wir gerade bei etwas Schlimmem dabei sind. Bei etwas Historischem, das wir nicht aufhalten können. Und jetzt? Jetzt hat Van der Bellen gewonnen. Und trotzdem können wir nicht mehr ignorieren, dass 50 Prozent der Österreicher einen FPÖ-Politiker gewählt haben.

Norbert Hofer sieht nicht, welche Symbolik es hat, wenn er eine blaue Kornblume trägt, die NSDAP-Mitglieder in Österreich vor dem Anschluss trugen. Er verteidigt diese Blume im Jahr 2016. Er wettert gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, wenn es ihn beim Lügen erwischt. Live im Fernsehen. Mit seinem Lächeln und einer kreidesüßen Stimme biegt er alles so hin, dass er das Opfer ist.

Hinzukommt, dass die FPÖ Minderheiten diskriminiert: Hofer ist gegen die Ehe für alle. Er möchte nicht, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren können. Er hat das Parteiprogramm der FPÖ geschrieben. Jener Partei, die Flüchtlinge Invasoren nennt und die eine Politik wie Viktor Orban verfolgt, Ministerpräsident in Ungarn. Dabei bietet die FPÖ keine ernstzunehmenden Lösungen, sondern einfache Antworten auf schwierige Fragen.

Alexander, 24, Student der Volkswirtschaft

Österreich ist sehr gespalten: Ein guter Freund von mir hat im ersten Wahlgang die unabhängige Kandidatin Griss gewählt und jetzt Hofer. Er sagt, Alexander Van der Bellen sei ein "Antidemokrat"; "so ein Linker" könne kein Bundespräsident sein. Dabei ist mein Freund eigentlich gar nicht rechts. Viele haben Hofer gewählt, um ein Zeichen zu setzen.

Wenn ich bei mir an der U-Bahn-Station sehe, wie zwei Vollproleten eine Afrikanerin mit Kopftuch als "Scheiß Ausländer" bezeichnen, denk ich mir: Wo bin ich hier? Früher haben sie das nur geflüstert. Gleichzeitig denke ich mir manchmal – und ich weiß, das ist ein Vorurteil –, dass einige schon irgendwie bedrohlich aussehen. Insgesamt ist das Thema Zuwanderung total präsent.

Mit Van der Bellen haben die meisten das "kleinere Übel" gewählt. Ein Grüner ist für Österreicher per se eher unpopulär. Ich glaube nicht, dass unter Hofer alles schlecht gewesen wäre, er hätte Österreich im Ausland auch gut vertreten. Aber der Van der Bellen ist staatsmännischer, ich bin im Herzen ein Linker und Europa ist mir einfach zu wichtig.

Maximilian, 21, Kellner

Bei dieser Wahl habe ich Van der Bellen gewählt, normalerweise wähle ich rot. Ich habe die Wahl mit Blick auf 2018 getroffen: Wenn bei den nächsten Wahlen die FPÖ und Heinz-Christian Strache gewinnen, dann will ich in der Hofburg jemanden haben, der ihm seine Grenzen aufzeigt. Vor allem sollte der Bundeskanzler keine EU-Austrittsfantasien bekommen. Ich will ein Bekenntnis zu Europa im Regierungsprogramm wissen, weil ich gegen eine Spaltung bin.

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Viele Menschen, gerade Arbeiter, sind derzeit echt sauer, weil der Staat die Flüchtlinge finanziell unterstützt. Und dann kommt der Martin Schulz und sagt: Wir müssen den Flüchtlingen mehr legale Wege nach Europa schaffen. Viele fürchten sich vor mehr Zuwanderung aus dem islamischen Raum und kultureller Veränderung.

Gleichzeitig wird die FPÖ im eigenen Land immer noch ausgegrenzt. Auch der neue Bundeskanzler, Christian Kern, hält – noch – daran fest. Da denken sich die Leute eben: "Die da oben interessiert nicht, was ich sage". Deswegen wählen sie wieder und wieder FPÖ – bis irgendwann der Strache mit Abstand Erster wird und wir einen FPÖ-Bundeskanzler haben.


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Rechtspopulist Hofer verliert Wahl in Österreich

Alexander Van der Bellen von der Grünen hat die Präsidentschaftswahl in Österreich für sich entschieden. Sein Konkurrent, der Rechtspopulist Norbert Hofer von der FPÖ, gestand auf Facebook seine Niederlage ein: "Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst."

Van der Bellen erreichte 50,35 Prozent der Stimmen, Hofer 49,64 Prozent, wie der Innenminister Wolfgang Sobotka auf einer Pressekonferenz bekannt gab – ein Unterschied von lediglich 31.026 Stimmen. derstandard.at