Der Wahl-O-Mat ist tot, lang lebe der Wahl-O-Mat!

Am Sonntag findet die Europawahl statt. Und in Deutschland buhlen 41 Parteien um Plätze im Europaparlament. Ein gute Möglichkeit, einen ersten Überblick zu erhalten, ist der Wahl-O-Mat. Aktuell ist der allerdings offline. Die Kleinpartei Volt hatte gegen das Tool geklagt, weil man sich nicht genügend berücksichtigt fühlte. (Mehr dazu erfährst du hier.)

Wie können wir vor der Europawahl am 26. Mai trotzdem Parteien vergleichen, ohne alle Programme durchlesen zu müssen? Hier sind sechs Alternativen: 

1 Der WahlSwiper

Der Swiper funktioniert ähnlich wie Tinder. Anstatt Dates bekommst du aber Fragen – die du Richtung "Ja" oder "Nein" wischen kannst. Insgesamt sind es 35 Aussagen, dann kannst du wie beim Wahl-O-Mat Parteien zum Vergleich auswählen. 

Den WahlSwiper gibt es als App für Android oder iOS und als Browser-Version.

2 Der Wahl-Kompass

Der Kompass wurde von der Uni Münster erstellt. Er basiert wie der Wahl-O-Mat auf Thesen, zu denen du dich positioneren kannst. Allerdings nicht nur mit "stimme zu" oder "stimme nicht zu" – sondern mit einer fünfstufigen Skala von "stimme vollkommen zu" bis "stimme überhaupt nicht zu". So soll das Ergebnis weiter verfeinert werden. 

Im Wahl-Kompass sind leider nicht alle Parteien vertreten, dafür wird dein Ergebnis nicht in einer Liste angezeigt, sondern auf einem politischen Koordinatensystem.

3 Die Homepage Ausgewählt.eu

Anders als die Thesen-Tools versucht sich "Ausgewählt.eu" als eine Art Polit-Twitter – nur ohne den Zynismus. Die Seite hat die nach ihrer Meinung sieben wichtigsten Themen zur Europawahl herausgesucht und alle Parteien geben, in nur 280 Zeichen ihre Position dazu zu erklären.

So musst du dich nicht durch Thesen klicken und bekommst auf einen Blick angezeigt, was beispielsweise die CDU/CSU zu "Europas Zukunft" oder die Linke zu "Flucht & Migration" zu sagen hat.

4 Die Plattform YourVoteMatters.eu

Die Plattform "YourVoteMatters.eu" wurde von fünf europäischen Organisationen gemeinsam entwickelt – und ist eine Art Mix aus Wahl-O-Mat mit Eskalationsstufe. Du beantwortest 25 Fragen mit "Dafür", "Enthalten" sowie "Gegen" – dann kannst du deine Auswahl mit "!", "!!" oder "!!!" markieren. 

Was gut ist: Die Fragen unterscheiden sich von den üblichen Thesen, weil sie sich an Themen orientieren, über die die europäischen Abgeordnetinnen und Abgeordneten in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich abgestimmt haben. Im Ergebnis siehst du dann nicht nur, wie nah du welcher Partei aus Deutschland stehst – sondern kannst dich auch mit einzelnen Politikerinnen und Politikern oder sogar Parteien anderer EU-Länder vergleichen.

5 Das Tool von DeinWal

Auch das Portal DeinWal.de funktioniert so ähnlich wie "YourVoteMatters". Es geht also nicht darum, was Parteien in ihren Programmen versprechen – sondern was sie bisher getan haben. Aus über 200 real stattgefundenen Abstimmungen haben die Macher 28 Fragen ausgewählt. Zu jeder wird dein Standpunkt abgefragt.

Die Seite hat einen Haken: Weil nur die vergangene Legislaturperiode durchleuchtet wurde, kannst du dich auch nur mit Parteien vergleichen, die da im Europaparlament saßen. Newcomer wie Volt sind also wieder nicht gelistet. 

6 Der Wahl-O-Mat von "EU and I".

Das wohl umfangreichste Tool für Wahlentscheidung ist von "EU and I", einem Programm von der EU-finanzierten Seite "Spaceu2019", die auf allen Sprachen Interesse an der Europawahl schaffen will. Weil die EU dahinter steckt, ist dieser Wahl-O-Mat auch am umfangreichsten. 

Er fragt klassisch Thesen ab – vergleicht dich dann aber mit allen Parteien der EU und bietet dir zudem die Möglichkeit, deine Positionen in einem Koordinatensystem zu verorten. Wie genau das Tool funktioniert, erfährst du hier:


Gerechtigkeit

Der Wahl-O-Mat ist nicht perfekt – aber nun hat ihn Volt kaputt gemacht
Andere Kleinparteien zeigen, dass es auch ohne Klage geht

Es gibt Regeln, die unsere Welt zusammenhalten: Mit vollem Mund spricht man nicht, in der Bahn steht man für ältere Menschen auf – und vor wichtigen Wahlen befragt man den Wahl-O-Mat. Doch zumindest mit Letzterem ist jetzt Schluss: Das Verwaltungsgericht Köln hat das Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung vor der Europawahl in seiner jetzigen Form verboten. Geklagt hatte die proeuropäische Kleinpartei Volt, die sich benachteiligt sah.

Das Ergebnis: Eine Woche vor der Europawahl ist das vermutlich bekannteste Wahlhilfe-Tool Deutschlands plötzlich offline.

Während Alternativen wie WahlSwiper, Wahlkompass oder Ausgewählt.eu noch einmal intensiver für sich werben, dürften sich viele Menschen fragen, ob sie jetzt dauerhaft auf den bekannteren Wahl-O-Mat verzichten müssen und was das bedeutet. Wählen ohne Wahl-O-Mat – wie ging das noch einmal?

Tatsächlich gibt es gute Gründe, den Wahl-O-Mat auch kritisch zu sehen: Er verkürzt komplizierte Themen auf simple Ja/Nein-Fragen und gibt abseitigen und extremen Forderungen regelmäßig eine Plattform ("Soll die Todesstrafe wieder eingeführt werden?"). Andere Themen wie die EU-Urheberrechtsreform kommen in der aktuellen Ausgabe trotz monatelanger Diskussion einfach gar nicht vor. Auch wie Parteien bislang tatsächlich abgestimmt haben, spielt im Wahl-O-Mat keine Rolle.

Doch um all diese Kritikpunkte ging es in der Klage von Volt nicht.

Die Kleinpartei klagte nur, weil sie sich auf der Ergebnisseite hinter den großen Parteien versteckt sah. Der Grund: Die Seite zeigt immer nur acht Parteien an, für kleinere Parteien sinkt deshalb möglicherweise die Chance, neben CDU/CSU, SPD und Co. noch für den Vergleich ausgewählt zu werden. Lässt sich das wirklich nicht ändern? Auch in den sozialen Netzwerken bezweifeln das viele.