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Wählen ist für Menschen mit Migrationshintergrund oft ätzend. Zeit, dass Parteien Verantwortung dafür übernehmen

Für mich ist der Gang zur Wahlurne eine Katastrophe. Das gilt immer, aber bei Regionalwahlen ganz besonders. Gerade pilgern in Hamburg die Menschen in Grundschulen und Turnhallen, um ihre Stimmen abzugeben, und in knapp drei Wochen wird in meiner Heimat, in München, wieder gewählt. Und wieder weiß ich nicht wirklich, was ich machen soll.

Meine Mama musste mich früher oft zwingen: "Wenn du schon einen deutschen Pass hast, dann wähl wenigstens auch!" – reichte zwar meist, um an mein schlechtes Gewissen zu appellieren. Aber Spaß oder Freude daran hatte ich noch nie als Bürger in diesem Land. Denn das Ergebnis ist, zumindest hier in München, jede Legislaturperiode gleich: Ein alter, weißer Mann wird Bürgermeister. Und, Überraschung, im Stadtrat sitzen auch fast nur alte, weiße Männer. Letzteres ist in ganz Deutschland so.

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

 In unserer aktuellen Podcast-Folge zu "Racial Profiling und Polizeigewalt gegen Schwarze" erzählen wir die Geschichte dutzender Schwarzer und nicht-weißer Männer die, das in Österreich und Deutschland alltäglich erleben. Sechs davon kann man hier nachlesen: 

Für eine bitternötige Abwechslung hätte zum Beispiel Sener Sahin sorgen können. Der Deutsche mit türkischen Wurzeln wurde von der örtlichen CSU Wallerstein gefragt, ob er gerne für das Amt des Bürgermeisters kandidieren möchte. Er willigte ein – und musste kurz darauf zurückziehen. Der Tenor in Wallerstein sei angeblich, ein Moslem und die CSU, das passe nicht zusammen. (Süddeutsche Zeitung) Und die Partei zog sich auf das beschwichtigende Argument: "Wir von der CSU waren dafür, aber unsere Wähler, die verstehen das nicht," zurück. 

Das kann natürlich nicht klargehen. Denn diese Argumentation zeigt uns, den Menschen mit Migrationshintergrund: Völlig egal, wie gut deine Einstellungen zur Mehrheit der Gesellschaft oder einer Partei passen – so lange du nicht die richtige Hautfarbe und den richtigen Glauben hast, werden wir dich nicht akzeptieren. Und so eine Geschichte geht in muslimischen Communitys schneller rum als eine Tüte Bizir. 

Ich weiß, dass sich nur wenige Menschen zu hundert Prozent von einem Kandidaten repräsentiert fühlen. Aber hier werden die Bedürfnisse ganzer Gruppen von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert. 

Wer ist verantwortlich?

Bei der Frage, wer an diesem Umstand Schuld ist, wird der Zeigefinger gerne auf Kanaken und Kanakinnen gerichtet: "Die wollen sich nicht einbringen!" Dabei stimmt das nicht. Viele dürfen es einfach nicht. 

Kein EU-Pass bedeutet auch: kein Mitbestimmungsrecht. Menschen wie mein Vater, die seit mehr als 30 Jahren Steuern zahlen, gehören weniger zu Deutschland, als die Gianlucas dieser Welt, die frisch aus Rom hergezogen sind. "Der hat viel mehr Bezug zu seinem eigenen Heimatland, darf aber meinen Bürgermeister bestimmen", resümiert Erol Akbulut von der SPD München. Er ist 1975 in München geboren und tauschte vor einem Jahr seinen türkischen gegen den deutschen Pass: "Davor habe ich mich überhaupt nicht dazugehörig gefühlt!" 

Ein deutscher Pass heißt für viele aber, ihren alten aufzugeben - und alles, was damit einhergeht. Mein Vater wäre zum Beispiel zwar gerne Deutscher, der Preis wäre für ihn jedoch sehr hoch: ohne Pass kein Familienerbe. Und das ist in seinem Fall das Land, das seit Generationen vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben wird: Oliven, Datteln, Kakteen und größtenteils Sand, aber eben unser Sand. Ohne für alle Migrantinnen sprechen zu können: Für ihn würde ohne Zweifel eine Verbindung zum Geburtsland schwinden. Heimat ist aber heilig, besonders für Diaspora-Palästinenser. Und er würde sogar riskieren, nicht mehr einreisen zu dürfen.

Ein klassischer Teufelskreis

Doch mit diesen Problemen setzt sich kaum jemand auseinander – weil, und damit wären wir wieder am Anfang, zu wenige Menschen mit Migrationserfahrung in den Parteien vertreten sind.

Deswegen setze ich direkt ein Kreuz, wenn ein arabischer oder türkischer Nachname auf den Wahllisten auftaucht. Mir ist völlig bewusst, dass die Taktik kurz gedacht ist, doch so kann ehrliche Frustration auch aussehen.

Leider landen meine Kreuze meist fast auf dem Schreibtisch, so weit unten sind die Plätze der zur Wahl stehenden Migrantinnen gelistet.

Es ist ein geradezu klassischer Teufelskreis: Nur wenige Migrations-Deutsche dürfen überhaupt mitmachen in der Demokratie. Die, die sich politisch engagieren, stoßen mit ihren fremd klingenden Namen auf Skepsis bei den Wählern und manchmal auch bei den Parteigenossen, weshalb sie oft unten auf den Listen landen. Und weil sie nirgendwo zu sehen sind, gehen weniger Migranten wählen, weil da gefühlt eh niemand ist, der sie repräsentiert.

An der Frage, wie Parteien mit diesem Teufelskreis umgehen, zeigt sich für mich daher auch, wie ernst sie es mit dem Schutz von Minderheiten meinen, wie sehr sie dieses System zu einem menschenfreundlichen machen wollen. Gerade weil es nicht in ihrem Interesse liegt, sich für etwas einzusetzen, was ihnen kaum zusätzliche Wähler bringt und manche alte Wähler sogar verschrecken könnte. Und bisher muss man sagen: So richtig ernst scheinen sie es nicht zu meinen. 

Schade eigentlich. Ich hätte gern einmal Spaß beim Wählen.

In der aktuellen Folge der "Kanackischen Welle" treffen Malcolm und Marcel sechs Lokalpolitikerinnen und -politiker mit Migrationshintergrund. Hören könnt ihr sie hier.


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