Bild: Julia Jaroschewski
Er hetzt gegen arme Menschen, die wählen ihn trotzdem

Es war ein Aufkleber, der den Angreifer provozierte: "Ele não", "Er nicht", stand darauf. Als Gabi Coelho mit diesem Aufkleber durch eine Stadt im Südostens Brasiliens lief, riss ein Mann an ihrem Rucksack, schüttelte sie und beschimpfte sie als "linker Affe" und "schwarzer Affe". Erst als ein Fremder einschritt, konnte sie sich befreien.

Mit diesem Aufkleber kämpft die Studentin Gabi Coelho, 20, gegen Jair Bolsonaro, der rechtspopulistische Präsidentschaftskandidat tritt am Sonntag in Brasilien zur Stichwahl an. 

Er ist gegen die die gleichgeschlechtliche Ehe, gegen Abtreibung. Er hetzt gegen Schwarze, gegen Sozialhilfeempfänger und tritt dafür ein, dass Frauen weniger verdienen als Männer – schließlich würden sie darin aufgehen, Kinder großzuziehen. (SPIEGEL ONLINE)

Und trotzdem führt er in den Umfragen: Dem Meinungsforschungsinstitut Ibope zufolge würden derzeit 57 Prozent Bolsonaro wählen und nur 43 Prozent seinen Rivalen Fernando Haddad von der linksgerichteten Arbeiterpartei PT. 

(Bild: dpa / Eraldo Peres)

In der ersten Wahlrunde Anfang Oktober hat Bolsonaro nur knapp die Mehrheit verpasst, auch mit Unterstützung vieler Favelabewohner, darunter viele Sozialhilfeempfänger. Und das, obwohl er im Wahlkampf auch gegen Sozialhilfeempfänger gehetzt hatte: Er warf ihnen Betrug vor. 

 Und in der Vergangenheit kritisierte er immer wieder "schwarze Affen" und "Arme, die gar nichts können". Seine Lösung für Armut und Kriminalität: Geburtenkontrolle ("Folha de São Paulo"). Selbst schwarze Brasilianer wählen Bolsonaro.

Wie kann das sein? Warum ist Bolsonaro bei den Armen Brasiliens so beliebt?

Gabi Coelho schreibt für das Favela-Portal "Voz das Comunidades" über Diskriminierung und Rassismus in Brasilien, sie prangert die Polizeigewalt in den Favelas im Norden von Rio de Janeiro an – und versucht andere Bewohner vor Bolsonaro zu warnen. Denn die Stimmen aus den Armenvierteln haben Gewicht: Millionen Menschen leben in Brasilien in Favelas, allein in der 6,4-Millionen-Stadt Rio de Janeiro jeder fünfte Bewohner. 

Gabi Coelho

(Bild: Julia Jaroschewski)

"Die meisten Wähler von Bolsonaro sind keine Faschisten oder Rassisten", sagt Gabi Coelho. Sie seien einfach müde. Gewalt, Armut, Korruption zehren an den Nerven, machen anfällig für Populisten wie Bolsonaro, die einfache Antworten geben. Gabi Coelho erzählt von einem Gespräch mit einem schwarzen Favela-Bewohner, vor seiner Tür sitzen jeden Tag 30 bewaffnete Dealer und bringen 12-Jährige dazu, Drogen zu verkaufen: "Er will den Präsidenten, der das beenden will."

Coelho sagt, der Staat habe die Favelas zu lang vernachlässigt, die Wahl Bolsonaros sei auch ein Protest gegen das bisherige System."Man muss mit uns reden", sagt sie. Das aber würden Politiker selten machen. 

Brasilianer quer durch alle Gesellschaftsschichten haben das Vertrauen in die Politik verloren: Der Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva verbüßt derzeit noch eine zwölfjährige Freiheitsstrafe wegen Korruption (SPIEGEL ONLINE), die Fußball-WM und die Olympischen Spiele haben vor allem Schulden hinterlassen. In vielen Favelas kämpfen Drogengangs und Milizen

(Bild: Sonja Peteranderl)

Marlon Santos, 29, ist in Rio de Janeiros größter Favela Rocinha aufgewachsen, er hat schon oft erlebt, wie Politiker den Armen im Wahlkampf Versprechen machen – und dann einen Großteil des Geldes selbst einstecken. Die Favela ist ein Labyrinth aus Ziegelhäuschen, zu Marlons Haus in der Rocinha führt nur eine schmale, schmutzige Gasse. Er sagt: "Ich will, dass alle in die Mittelklasse aufsteigen und Favelas aufhören, Favelas zu sein, mit richtigen Häusern und Straßen und ohne Drogengangs als Parallelmacht." Und weiter: "Bolsonaro ist nicht der Beste und nicht besonders smart, aber es gibt keine bessere Wahl."

Michele Silva

(Bild: Julia Jaroschewski)

Michele Silva sagt dazu: "Die Leute verstehen nicht, dass sie sich selbst schaden." Die 29-Jährige lebt genau wie Marlon Santos in der Favela Rocinha. Sie fürchtet, dass die Gewalt unter Bolsonaro zu- statt abnimmt: Er will Schusswaffen legalisieren, hat angekündigt, Kriminelle zu erschießen und hart gegen Drogengangs vorzugehen. Bisherige Militär-Einsätze in der Favela haben den Drogenkrieg allerdings nicht beendet – sondern nur zu mehr Gewalt geführt.

Deswegen versucht Michele Silva, den Rechtsruck im Kleinen zu verhindern: Sie nutzt jede Gelegenheit, um mit anderen über Politik zu sprechen, sie aufzuklären – auch als Gegengewicht zu Falschnachrichten, die auf WhatsApp zirkulieren. 

Im Oktober hatte die Tagesszeitung "Folha de São Paulo" einen Skandal um Hunderttausende gekaufte Fake News im Wahlkampf aufgedeckt. Unternehmer, die Bolsonaro unterstützen, sollen Digitalmarketing-Agenturen damit beauftragt haben, massenhaft Falschnachrichten in WhatsApp-Gruppen zu verbreiten. Das Ziel: Stimmung machen gegen die Arbeiterpartei PT und den Gegenkandidaten Haddad. Bolsonaro weist die Vorwürfe zurück. (SPIEGEL ONLINE). 

Michele Silva sagt, sie sei froh, dass junge Menschen jetzt über Politik sprechen. Immerhin etwas. "Aber es ist eine Sisyphos-Aufgabe, weil sie jede Kritik an Bolsonaro für eine Lüge halten." An Protesten nimmt sie nicht teil – aus Angst vor Angriffen.

Erika Mourão

(Bild: Sonja Peteranderl)

Auch Erika Mourão hat Angst, allein auf die Straße zu gehen. "Ich als lesbische schwarze Frau habe keinen Schutz", sagt sie. Es erzeuge schon Hass, wenn man nicht der gleichen politischen Meinung sei. Im Zentrum von Rio finden fast täglich Proteste gegen Bolsonaro statt: Brasilianer trommeln gegen Faschismus, treffen sich zum politischen Biertrinken oder protestieren mit Plakaten gegen Rechts. Erika Mourão ist heute aus einem Vorort von Rio angereist, um Aufklärung im Mordfall Marielle Franco zu fordern – einer schwarzen Politikerin aus einer Favela, die sich für Menschenrechte eingesetzt hat (Zeit Online). 

Die 20-jährige Studentin Gabi Coelho trägt ihren "Ele não"-Sticker jetzt nicht mehr auf dem Shirt, sondern weniger sichtbar auf dem Handy. Sie bezieht trotzdem weiter Position, indem sie über Gewalt schreibt und spricht. Sie hofft, dass der Rechtsruck im letzten Moment noch verhindert werden kann – auch wenn sie weiß, dass das unwahrscheinlich ist.


Art

Dieses Bild hat eine künstliche Intelligenz gemalt, jetzt ist es Hunderttausende Dollar wert
"min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]" ist jetzt reich.

Auf den ersten Blick sieht das Gemälde "Edmond de Belamy" aus wie ein ganz normaler alter Ölschinken. Aber das Bild hat kein Mensch gemalt. Trotzdem wurde es nun beim Auktionshaus Christie's in New York versteigert. Erschaffen hat es ein neuronales Netzwerk – also eine künstliche Intelligenz

Es war das erste Mal, dass ein von KI erzeugtes Kunstwerk bei einem großen Auktionshaus angeboten wurde. Und es brachte gleich viel mehr Geld ein als erwartet: Christie's hatte den Wert vor der Auktion auf 7000 bis 10.000 Dollar geschätzt. Den Zuschlag erhielt ein anonymer Bieter am Telefon für 432.500 Dollar, umgerechnet rund 380.000 Euro. (SPIEGEL ONLINE)

Was für eine künstliche Intelligenz hat das Bild "gemalt"?

Wie bei den meisten Kunstwerken hat sich der Künstler auch bei "Edmond de Belamy" in der rechten, unteren Ecke verewigt. Er heißt min G max D Ex[log(D(x))]+Ez[log(1-D(G(z)))]. Catchy.