Bild: Aktion Autofrei

Das Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg war am Dienstag fast komplett abgeriegelt. Mehr als 700.000 Neuwagen werden hier im Jahr produziert, 80 Prozent davon werden laut Sprecher über eine einzelne Bahntrasse ausgeliefert.

Dieses eine Gleis vor dem Wolfsburger VW-Werk haben Aktivisten besetzt – um für mehr Klimaschutz zu protestieren.

Die Aktivistinnen und Aktivisten haben an mehreren Stellen einen ausfahrenden Autozug blockiert. Einige hatten sich am Zug selbst festgebunden, andere an den Gleisen davor. Eine dritte Gruppe hatte sich an der Schienenbrücke über den Mittellandkanal abgeseilt. Über diese Brücke kann der Zug sonst ins benachbare Fallersleben und aufs deutsche Schienennetz rollen.

Nach etwa fünf Stunden Blockade begann die Polizei am Nachmittag mit der Räumung. Nach Polizeiangaben sind 120 Beamtinnen und Beamten im Einsatz. Sie werfen den Blockierenden einen "gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr" vor. 

Was wollen die Aktivistinnen und Aktivisten mit ihrer Blockade erreichen? Und wie reagierten Volkswagen und Polizei auf die Aktion? 

bento hat mit den Akteuren gesprochen.

1 Wie lief die Blockade ab?

Die Aktivisten behaupten, als "unabhängige Kleingruppe" zu agieren und mit rund 30 Personen die Auslieferung von Neuwagen verhindern zu wollen. Sie blockieren vor dem VW-Werk das Bahngleis, einige sind auch in die Autostadt gelangt und besetzen dort das Foyer. Nach eigenen Angaben wollen sie mit der VW-Führung reden. 

Ein Sprecher der Polizeidirektion Wolfsburg bestätigte bento am Dienstag die Blockade. Demnach hätten etwa drei Dutzend Personen gegen Mittag die Schienen blockiert und einen Zug festgesetzt. Einige hätten sich an den Zug gekettet. Der normale Bahnverkehr sei nicht betroffen gewesen.

Die Polizei selbst war nach eigenen Angaben zu Beginn mit rund 20 Beamten vor Ort und beobachtete das Geschehen. "Die Aktivisten sind sehr entspannt, wir sind es auch", sagte der Sprecher.

Gegen 17 Uhr begann die Polizei mit der Räumung der Brücke. Im Laufe des Abends soll auch das blockierte Gleis geräumt werden. 

2 Was bedeutet die Blockade für Volkswagen?

Flächenmäßig ist das VW-Werk eine der größten Fabriken der Welt. VW kann in Wolfsburg seine Fahrzeuge auf zwei Wegen ausliefern: über die angebundene Autobahn oder über die Bahngleise. Laut Volkswagen-Sprecher Günther Scherelis würden 80 Prozent der Fahrzeuge gewöhnlich über die Trasse bewegt – das sei seit der Blockade nicht mehr möglich gewesen. 

Auf dem festgesetzten Zug selbst stünden rund 200 Neuwagen. 

Der blockierte Autozug steht auf einer Brücke, die vom VW-Gelände wegführt.

(Bild: Lokaler/bento)

3 Was wollen die Aktivistinnen und Aktivisten überhaupt?

Auf ihren Bannern stehen Slogans wie "I want you to panic" und "Gegen Volk und gegen Wagen“. In einer Pressemitteilung fordern sie eine "sofortige Verkehrswende".

Wir haben mit Tim telefoniert, der erzählt, dass er gerade an einem Seil an der Brücke hänge, auf der der Autozug stehe. Den Namen Tim hat er sich selbst gegeben, seinen echten möchte er nicht verraten. Er sei "in den Zwanzigern“, sagt er.

Nach konkreten Zielen gefragt sagt Tim, es wäre "ganz nett, wenn der Kapitalismus abgeschafft wird." Hauptsächlich wolle man mit der Aktion aber den Produktionsablauf bei VW stören und gegen die gesamte Autoindustrie demonstrieren. "Im Hinblick auf den Klimawandel muss jetzt etwas passieren", sagt Tim. Er wünscht sich einen ausgebauten und kostenlosen öffentlichen Nahverkehr und autofreie Innenstädte.

Warum haben sie sich für die Aktion Volkswagen ausgesucht? "Weil es hier gerade passt", sagt der Aktivist. Die Kritik richte sich auch an andere Autohersteller, Volkswagen sei nur ein Teil der "Maschinerie". Dass viele Hersteller jetzt auf E-Autos setzen, bezeichnet er als "Greenwashing". Auch die seien in der Produktion sehr umweltschädlich, besonders die Batterien. Er befürchte, dass in "den Rohstoffkriegen der Zukunft" anstatt um Öl um das für Batterien benötigte Lithium gekämpft werde.

4 Kam es zum Dialog?

Nein. Man sei "entspannt und gesprächsbereit", behauptete VW-Sprecher Scherelis gegenüber bento. Auch die Aktivisten verkündeten auf Twitter, im Foyer des Werkes öffentlich diskutieren zu wollen. Zum Dialog kam es trotzdem nicht: "Das Gespräch sollte über Megafon stattfinden, das war uns zu viel Show", sagte Scherelis.


Grün

Am Boden geblieben: Warum dieses Paar ohne Flug zu einer Hochzeit nach Australien reiste

Am Mittwoch will Greta Thunberg in ein Segelboot steigen und die zweiwöchige Fahrt nach Amerika antreten, um im September beim Uno-Klimagipfel in New York dabei zu sein – denn ihre Reise soll möglichst klimaneutral sein (SPIEGEL ONLINE). In Schweden haben zwei Frauen eine Initiative gestartet, bei der sich 10.000 Menschen verpflichtet haben, 2019 nicht zu fliegen – 2020 sollen es 100.000 werden (BBC).

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