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Was viele immer noch nicht an Übergriffen gegen Frauen verstehen

Ausgerissene Haare, Schläge, zerfetzte Klamotten, Morddrohungen: Die Ex-Freundinnen von Gzuz und Bonez MC haben schwere Vorwürfe gegen die beiden Rapper erhoben (bento). Während Fans noch darüber streiten, ob sie den Frauen glauben sollen, wurde nun bekannt, dass Gzuz auch noch 2018 eine Frau auf einem Festival sexuell belästigt hat. Die Reaktionen darauf sagen eine Menge darüber aus, wie Übergriffe überhaupt passieren können. 

Es ist so traurig wie vorhersehbar: Jedes Mal, wenn eine Frau öffentlich von einem Übergriff durch einen Mann erzählt, setzt sie sich Häme aus, Misstrauen, Hass. 

So war es auch im Fall der Ex-Freundinnen von Gzuz und Bonez MC von der "187 Strassenbande": 

Als Gzuz' Ex auf Instagram von dessen angeblicher häuslicher Gewalt gegen sie erzählte, machte sich Bonez darüber lustig, während Fans sie als Lügnerin beschimpften (bento). 

Jetzt hat Vice ausgegraben, dass es bereits im vergangenen Jahr einen Strafbefehl gegen Gzuz gab, also gegen Kristoffer Jonas Klauß, wie er offiziell heißt. Er hatte eine Frau auf dem "Splash"-Festival sexuell belästigt. Kommentare wie "Klaps auf den Arsch ist jetzt schon sexuelle Belästigung, mhhh, na klar" folgten.

Es sind dieselben Reaktionen, die vor zwei Jahren auf viele der MeToo-Geschichten folgten: 

  • Die Frauen werden von vielen Menschen nicht ernstgenommen, ihnen wird vorgeworfen, sie wollten sich nur wichtig machen. 
  • Die einzelnen Geschichten werden gegeneinander ausgespielt. Als durch die MeToo-Bewegung Hunderte Opfer ihre Geschichten erzählten, wurde plötzlich Vergewaltigung gegen Belästigung aufgewogen, ein Trauma gegen das andere ausgespielt – im Vergleich zu anderen Fällen sei der eigene doch nicht so schlimm, man solle daraus doch bitte kein großes Ding machen. Genauso ist das in Gzuz' Fall: Dass er für das Grapschen an den Hintern einer Frau eine Geldstrafe zahlen musste, sei kein Beweis für die Vorwürfe der häuslichen Gewalt, so viele Fans. 

Ist es natürlich auch nicht. Die Vorwürfe von Gzuz' Ex-Freundin sind bisher genau das: Vorwürfe. 

Doch was Menschen, die solche Kommentare schreiben, nicht erkennen: Sie tragen dazu bei, dass übergriffige Handlungen gegenüber Frauen verharmlost und normalisiert werden – und so überhaupt erst möglich sind.

Dabei ist an dem Thema Gewalt gegen Frauen nichts harmlos: In Deutschland wird jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, allein im Jahr 2017 erlebten knapp 114.000 Frauen in Deutschland häusliche Gewalt (SPIEGEL ONLINE), Dunkelzifferstatistiken zeigen, dass jede vierte Frau in ihrem Leben sexuelle Belästigung erfährt (BMFSFJ). 

Sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen sind sehr eng verbunden mit Macht und dem Gefühl eines Anspruchs darauf. 

Studien zeigen: Das Hauptmotiv männlicher Täter, die Gewalt gegen Frauen ausüben, ist ein Verlangen nach Geltung und ein Versuch, die andere Person zu kontrollieren. (Psychology Today)

Ob das nun in Form eines sexualisierenden Kommentars, einer ungefragten Berührung oder Schlägen ist; ob es aus Brutalität geschieht oder aus dem Versuch, das verletzte Selbstwertgefühl wiederherzustellen – der rote Faden ist immer derselbe: Ich bin dir übergeordnet, ich habe ein Recht auf dich, ich kann mit dir machen, was ich will.

Genauso funktionieren auch die typischen Vergewaltigungsmythen, die sich Täter und geistige Mittäter gerne erzählen: "Sie wollte es doch auch; sie hatte einen kurzen Rock an, die hat das doch verdient." Nicht der tatsächliche Wille des Opfers zählt, sondern die gefühlte Überlegenheit des Täters. 

Übergriffe geschehen also unter anderem wegen dieser Art zu denken.

Deshalb ist es völlig egal, ob es "nur" um einen Griff an den Hintern geht: Jede Grenzüberschreitung und Verletzung der Selbstbestimmung der anderen Person ebnet den Weg für den nächst schwereren Schritt – vor allem, wenn wir als Gesellschaft so tun, als sei es völlig in Ordnung. Erste Stufe: Beiläufiger Klaps auf den Po – haha, witziger Move! Nächste Stufe: Ungefragter Kuss – was für ein Kerl, der nimmt sich, was er will! Nächste Stufe: Und so weiter.

Wer Stufe eins okay findet, bestätigt Täter in ihrem Handeln und gibt ihnen die mentale Erlaubnis, immer einen Schritt weiter zu gehen.

Anstatt also zu fragen, ob die Geschichten der Frauen wahr sind oder welcher Fall nun "wirklich schlimm" ist, sollten wir uns lieber ganz genau ansehen, ob und warum wir Gewalt gegenüber Frauen noch immer verharmlosen. Immerhin haben die Fälle von Gzuz und Bonez MC dazu geführt, dass diese Debatte im Deutschrap nun endlich beginnt.


Fühlen

Warum ich nicht auf meinen Festnetzanschluss verzichten will

Vor ein paar Tagen saß ich auf dem Weg zur Arbeit in der vollen S-Bahn neben einer Frau, die lautstark telefonierte. Ich hatte meine Kopfhörer zu Hause vergessen und lauschte unfreiwillig ihrem Gespräch. Nachdem sie aufgelegt hatte, rief sie sofort wieder jemanden an, um mit dieser Person über das eben geführte Telefonat zu sprechen. Als ich zwanzig Minuten später aus der Bahn ausstieg, war ich zwar bestens über das Leben meiner mir unbekannten Sitznachbarin informiert. Aber auch ein wenig genervt.

In Deutschland telefonieren Menschen jetzt erstmals mehr mit ihren Handys und Smartphones als mit Festnetztelefonen. (SPIEGEL ONLINE)

  • 119 Milliarden Gesprächsminuten hat die Bundesnetzagentur für das Jahr 2018 im Mobilfunk gezählt.
  • Über das Festnetz wurden nur 107 Milliarden Gesprächsminuten gezählt. Mehr als 40 Milliarden weniger als noch vor vier Jahren.

Grund dafür ist unter anderem der Wegfall der Roaming-Gebühren innerhalb der EU. Menschen telefonieren jetzt zum Beispiel auch vom Urlaubsort aus öfter und länger mobil. (SPIEGEL ONLINE)

War's das also für das gute alte Telefon? 

Ganz ehrlich: So ein Festnetztelefon ist auf den ersten Blick nicht besonders attraktiv. Die meisten jungen Menschen besitzen es wahrscheinlich nur, weil es gratis beim Internetanschluss dabei war. Oder weil es schon ewig in der WG steht, wo mittlerweile niemand mehr weiß, wo es herkam und wem es eigentlich gehört.

Irgendwie passt es nicht mehr zu einer Generation, der es wichtig ist, sich frei zu fühlen. Außerdem vereint unser Smartphone Kompass, Stadtplan, Taschenrechner. Warum sollte man etwas besitzen, dass das Smartphone sowieso schon kann?

Außerdem ist das Festnetztelefon viel zu groß und viel zu schwer, um chic zu sein. Und in den meisten Fällen zu neu (und zu hässlich), um als stilvolles Vintagestück vom Flohmarkt durchzugehen. Es ist an einen festen Ort gebunden. Selbst schnurlose Telefone haben nur eine gewisse Reichweite. Man nutzt es, ganz anders als das Smartphone, nur für einen einzigen Zweck. Und man kann es nur schwer ignorieren, wenn es klingelt. Es ist unpraktisch, altbacken und irgendwie überflüssig. Und ich liebe es.

Darauf will ich einfach nicht verzichten.

Mein Smartphone liegt häufig stumm irgendwo in meiner Wohnung. Manchmal finde ich es stundenlang nicht und oft genug musste ich es schon mit meinem Laptop orten und einen Signalton darauf abspielen, um es dann unter meiner Bettdecke, hinter einem Sofakissen oder ziemlich offensichtlich auf der Küchentheke liegend wiederzufinden. Lange erinnerte ich mich gar nicht mehr daran, wie der eigentliche Klingelton meines Smartphones überhaupt klingt. 

Bei meinem Festnetztelefon ist das anders. Es ist schön zu wissen, dass meine Eltern, meine Großeltern und Freunde mich trotzdem erreichen können, wenn ich zu Hause bin. Auch mitten in der Nacht, wenn mein Smartphone im Flugmodus ist. Wenn mein Handy klingelt, bin ich erst einmal skeptisch. Wenn mein Festnetztelefon klingelt, weiß ich, dass mir der Mensch am anderen Ende der Leitung wichtig ist. Weil nur diese Menschen meine Nummer haben.

Festnetztelefonate sind stressfreier. Man muss nicht immer erst die Bedingungen klären.

Rufe ich jemandem über einen Festnetzanschluss an, muss ich nicht fragen, wo die Person, mit der ich rede, gerade überhaupt ist. Ich weiß, dass sie nicht im Supermarkt an der Kasse steht und gleich mit Bezahlen dran ist. Ich weiß, dass sie nicht in einem wichtigen Meeting steckt. Und genau das wissen auch alle, die mich zu Hause anrufen.

Zum Telefonieren nehme ich mir gerne Zeit und bleibe konzentriert beim Gespräch, weil ich eben nicht gerade Kleingeld abzählen oder auf den Verkehr achten muss. Außerdem weiß ich, dass ich mit meinen Freunden und meiner Familie am Festnetztelefon offen über Probleme sprechen kann und uns gerade niemand zuhört. Erst recht nicht zwanzig Personen, die sich gerade zufällig im selben S-Bahn-Wagen befinden.