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Es war am ersten Tag der ersten Klasse in der Berliner Kiezgrundschule, als mein Kind bereits vollständig integriert war. Als wir mit einem Salziges-Karamell-Eis durch den gentrifizierten Kiez nach Hause schlenderten, wollte  ich wissen, wie es gelaufen war.

„Cool, Wallah Mama, ich schwör auf Koran!“

Ein Jahr lang hatte ich versucht, meinem Sohn diese Kiezgrundschule zu ersparen. Auf der Website hieß es, der Anteil Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache liegt bei etwa 90 Prozent. Ich hatte nichts gegen Multikulti. Unser Kind hat Migrationshintergründe auf beiden Elternseiten. In meiner globalisierten Generation ist das normal.

Aber wie sollte guter Unterricht funktionieren, wenn man nicht einmal eine gemeinsame Sprache hat?

Also schrieb ich Anträge und Widersprüche, stand mir im Schulamt die Beine in den Bauch. Ließ Schulleiterinnen gegenüber charmant den doppelten bildungsbürgerlichen Hintergrund des Kindes (Journalistin und Schriftsteller!) fallen, drohte Schulamtsbeamten mit Anwälten, die ich mir nicht würde leisten können. Am Ende half alles nichts.

Unser Sohn landete in der letzten von sechs ersten Klassen: Klasse F. Die, in die Kinder kamen, die zugezogen waren; Kinder aus Syrien, deren Eltern niemand gesagt hatte, dass man ein Kind in der Schule anmelden muss. Migrationshindergrund: 100 Prozent. Kinder, die auch zu Hause Deutsch sprechen: zwei.

Ginge es nach Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann, sollte es solche Klassen nicht geben. Er hat gerade gefordert, Kinder ohne Deutschkenntnisse nicht an Grundschulen aufzunehmen. Dafür soll eine verpflichtende Vorschule eingeführt werden. 

"Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen." Es sei alarmierend, wenn 16 Prozent der künftigen Erstklässler gar kein Deutsch können, wie neulich in Duisburg. Kein Wunder, dass Mittelschichtseltern ihre Kinder an Privatschulen schickten, wenn das Niveau sinke. (RP Online

16 Prozent? Haha!

Vorweg: Was Linnemann sagte, war verletzend formuliert. Die Aussage, Kinder mit Migrationshintergrund hätten irgendwo "nichts zu suchen", hat einen rassistischen Nachhall. Natürlich sinkt das Niveau nicht, wenn Kinder eine andere Sprache beherrschen. 

Viele Menschen reagierten – wenig überraschend – empört. Auf Twitter sammelten sich wütende Menschen, die beschrieben, wie sie auch sie ohne Deutschkenntnisse in die Grundschule gestartet waren und zu erfolgreichen Journalistinnen, Anwälten und Schriftstellern wurden. Weil Kinder doch schnell lernen! Und lernen wollen! Und weil großartige Pädagoginnen ihnen zur Seite standen!

Und diese Geschichten sind wahr und richtig. Aber sie sind nur ein Teil der Wahrheit. 

Die ersten Monaten in der Kiezgrundschule waren hart.

Unser Kind lernte, arabische Namen mit sehr vielen Konsonanten auszusprechen. Es lernte nicht: Lesen und Schreiben.

Schon im alternativen Kinderladen hatte unser Sohn das Alphabet geübt und konnte Schilder entziffern. Aber seit dem ersten Schultag war es kein bisschen besser geworden. Nach einem halben Jahr saßen wir bei den Klassenlehrerinnen in der Sprechstunde und drucksten herum, wie liberale Menschen eben herumdrucksen, wenn sie politisch unkorrekte Dinge aussprechen wollen.

Ob eine andere Umgebung vielleicht besser wäre? Eine andere Klasse? Privatschule? Ob das Lernumfeld es vielleicht unterfordert? Ob unser kluges, bildungsbürgerliches Kind (Journalistin und Schriftsteller!) nicht zu kurz kommt, unter den ganzen Kindern mit, nun ja, sprachlichem Förderbedarf?

Die Lehrerinnen, zwei junge, kluge, motivierte Frauen hörten geduldig zu. Sie rollten nicht mit den Augen, lächelten und sagten etwas sehr Diplomatisches: Es gebe Kinder, die wollten die Besten sein und immer mehr lernen. Und es gebe Kinder, die gerade genug Leistung bringen, um den Rest des Tages träumen zu können.

Ich verstand in diesem Moment, wie privilegiert unser Kind ist: Während andere Kinder hart arbeiteten, um bei der Sprache aufzuholen und gleichzeitig den Stoff zu pauken, konnte mein Kind von Superheldinnen im Marienkäferkostüm ("Ladybug") und sprechenden Hunden in Nutzfahrzeugen ("Paw Patrol") träumen und trotzdem das Klassenziel erreichen.

Heute weiß ich: Es war ganz egal, an welcher Grundschule wir unser Kind anmelden. Denn wir hatten lauter Startvorteile: Zeit, Geld und Bildung.

Die Schule ohne Alman-Kinder war nicht "schädlich" für mein Kind, es lernte dort so Vieles, was auf keinem Lehrplan steht und was in einer globalisierten Welt immer wichtiger wird: interkulturelle Kompetenz. Und für den Rest, für den würden wir (Journalistin und Schriftsteller!) schon sorgen. Denn wir konnten am Wochenende ins Museum gehen und ein Cello ausleihen.

Es waren die anderen Kinder die, mit wenigen Deutschkenntnissen, in einen starren Lehrplan gezwängt wurden. Für die diese Grundschule unheimlich anstrengend sein musste. Deren Noten auch zum Ende vielleicht noch nicht für das Gymnasium reichten, egal, wie klug sie waren. Und von deren Lehrerinnen schier Unmögliches verlangt wurde. 

Ihnen ist es zu verdanken, dass viele Kinder aus der Klasse irgendwann das Lesen lernten. Die Klassenlehrerinnen dachten sich ein Projekt aus, bei dem Eltern mit Migrationshintergrund ihre Geschichten erzählten. Sie organisierten naturwissenschaftlichen Projektunterricht, machten und Ausflüge und Klassenfeste weit nach Dienstschluss.

Aber so viel Glück haben nicht alle Grundschüler.

Ein Schulsystem muss man daran messen, wie es diejenigen mit den schlechtesten Startschwierigkeiten behandelt. Die, deren Eltern weder Zeit, noch Geld noch Bildung mitbringen. Wie es die Kinder auffängt, die kein Deutsch sprechen, sich das Mittagessen auch mit Rabatt nicht leisten können und bei denen die Lehrer vielleicht auch mal müde sind, oder ausgebrannt, weil sie schon so viele solcher Klassen betreut haben. Auf solche Kinder muss es ausgerichtet sein.

Und deswegen ist eine verpflichtende Vorschule vielleicht keine schlechte Idee: Ein, zwei, meinetwegen drei Jahre lang. 

Nicht nur Deutschförderklassen und Sonderstunden, sondern ein System, das von Anfang an alle mitdenkt. Nicht nur die Hochbegabten, die sich auf Twitter brüsten, und die mit Glück.

Mein Kind hat schon lange nicht mehr "Wallah" gesagt.

Denn seit dem zweiten Schuljahr sieht alles anders aus. Wegen der Organisation der Schule ist unser Sohn in einer neuen Klasse, nur wenige haben noch Migrationshintergrund. Es gibt zwei Juris und zwei Emils. Einen E-Mailverteiler, in dem Sorgen über den Nährwertgehalt des Mittagessens geäußert werden, und im Schulflur stehen Schulranzen im Wert von über 2000 Euro (elf "Ergobags").

Noch ein Kind ist dazugekommen, null Deutschkenntnisse, nur Arabisch und ein bisschen Griechisch. Weil mein Kind auch Griechisch spricht, hat der Neue Kontakt gesucht. In der "Lesezeit" sei der Neue etwas verloren gewesen, hat mein Kind erzählt. Und so habe mein Lesemuffel-Kind ihm ein Buch vorgelesen, statt zu träumen.

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Fühlen

Haarausfall bei jungen Menschen: "Für mich ist das eine Katastrophe"

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