Bild: dpa

Seit den Wahlen zum Europäischen Parlament Ende Mai geht es für die Volksparteien in Deutschland um alles – außer um Europa. 

Die Wahlergebnisse haben das gemütliche Vor-sich-hin-verwalten der GroKo durcheinandergewirbelt. Jetzt ist die SPD-Führungsriege wieder beschäftigt mit genossenschaftlichem Köpferollen, die Kanzlerin lässt sich von Elitestudentinnen für Erfolge feiern, die nicht wirklich ihre eigenen sind (Ehe für alle, Mindestlohn, Atomausstieg) (bento), und der Rest der Unionsspitze zeigt panisch mit dem Schimpfefinger auf alle, die "schuld" am Wahlergebnis sind - YouTuber, Grüne, Linke (Paul Ziemiak) - außer auf sich selbst.

Kolumne: Gestern ihr, morgen wir

Klimaschutz, Artikel 13, Gleichberechtigung: Ständig muss man die Verantwortlichen daran erinnern, nicht nur "Alte-Leute-Poltik" zu machen. Madeleine Hofmann bleibt geduldig: In ihrer Kolumne "Gestern ihr, morgen wir" macht sie darauf aufmerksam, wo diese jungen Leute mal wieder vergessen wurden – und was getan werden muss, um endlich für Generationengerechtigkeit zu sorgen. 

Als Beobachterin dieses Spektakels möchte man nur noch: Kopfschütteln und Fremdschämen. Über PDF-Dokumente, Selbstfindungsversuche und die Machtversessenheit der Volksparteien. Sonst sind sie immer gerne dafür zu haben, die Jugend in die Verantwortung zu nehmen: zum Beispiel, in dem sie sich eine ordentliche Rentenreform spart und die Probleme eines Generationenvertrages bei schrumpfender Bevölkerung ignoriert. 

Doch den jungen Leuten gegenüber sind die Volksparteien, besonders seit der Europawahl, nur noch arrogant: 

  • Sie sollten doch erst mal eigenes Geld verdienen, bevor sie sich eine politische Meinung bilden (Thomas_Bareiss), 
  • sie bräuchten außerdem ganz spezielle Kommunikationsregeln (SPIEGEL ONLINE
  • und für wichtige politische Ämter kämen sie ohnehin nicht in Frage. 

Bei letzterem Punkt ragt die SPD besonders heraus: Während sich kaum mehr ein ranghohes Parteimitglied finden lässt, das sich annähernd mit den Begriffen "Erneuerung" oder "Glaubwürdigkeit" in Verbindung bringen lässt, reagieren die "alten" Sozen auf eine aktuell ganz und gar nicht so abwegig erscheinende Besetzung der Parteispitze herablassend:

Thomas Oppermann, der in den letzten Krisenjahren der SPD schon in einigen Führungsämtern bekleidet hat, wünscht sich Kevin Kühnert "in zehn Jahren" als Partei-Chef (Spiegel Online) und Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (wer sich fragt, was er eigentlich gerade macht: er ist als Kabarettist auf Deutschland-Tour) fände es "völlig unverhältnismäßig", wenn ein 29-Jähriger als Parteivorsitzender der SPD gehandelt wird. (Tagesspiegel

📖 Macht Platz!

Das Buch von Madeleine Hofmann: "Macht Platz! Über die Jugend von heute und die Alten, die überall dick drin sitzen und über fehlenden Nachwuchs schimpfen". Hier auf Amazon kaufen.

Affiliate-Link: Wenn jemand auf einen Link in diesem Kasten klickt und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Produktbesprechungen erfolgen jedoch rein redaktionell und unabhängig.

Dabei geht es bei Kevin Kühnert gar nicht darum, wie alt er ist, oder wie lange er schon Politik macht (übrigens schon seit mehr als 14 Jahren, alleine in der SPD) (Munzinger), sondern darum, dass er sich traut – ohne Stinkefinger in Wochenmagazinen, sondern mit echten Worten – Probleme an- und Ideen auszusprechen. 

Im Übrigen – und das dürfen sich bitte sehr gerne auch die Redaktionen der Primetime Polittalkshows zu Herzen nehmen - gibt es Wichtigeres, als den genauen Zeitpunkt des SPD-Untergangs, des GroKo-Endes und des Volksparteien-Sterbens. 

Bei ihrem endlosen Postengepoker und Schuldgeplänkel vergessen die Parteien – unter anhaltendem Geschrei der Kinder und Jugendlichen jeden Freitag auf der Straße – was ihnen eigentlich bei den Europawahlen im Weg stand: fehlende Antworten auf drängende Fragen.

Wie können wir die globale Erderwärmung begrenzen, damit Klimakatastrophen wie Waldbrände und Trockenheit nicht zur Normalität werden? (ARD Mediathek) Wie schaffen wir ein faires Sozialsystem, in dem der Kontostand nicht über die Lebensdauer entscheidet? (SPIEGEL ONLINE) Wie können wir Schülerinnen wieder eine Lernumgebung garantieren, in der sie sich nicht, wie unter anderem in Niedersachsen, um tropfende Decken sorgen, sondern auf ihre Zukunft vorbereiten können? (ndr) Wer schaut überhaupt Horst Seehofer auf die Finger, wenn er Gesetze wieder kompliziert machen will? (ARD

Achja, und was ist eigentlich mit Europa?

Das, liebe Volksparteien, fragen sich nicht nur "diese jungen Leute" hierzulande wirklich. Es fragen sich alle BürgerInnen, denen die Zukunft unserer Gesellschaft am Herzen liegt. Wir fragen es euch, die dafür da sind, "gesellschaftliche Interessen zu formulieren und ihnen Geltung zu verschaffen", statt die Sorgen der Wählerinnen und Wähler zu ignorieren. 

Wir fragen es euch Parteipolitikerinnen, die als Mittler zwischen Staat und Gesellschaft dienen sollen, statt sich ständig selbst zu profilieren und gegen Widersacher zu intrigieren. Und wir fragen es euch, die Regierung, deren Aufgabe es nicht ist, über euer bevorstehendes Ende zu spekulieren, sondern schlicht und einfach "die staatlichen Tätigkeiten zu leiten". An euch alle, die sich gerade lieber mit Stühlerücken und Schuldzuweisungen beschäftigen, haben wir sehr viele Fragen. Um Antwort wird dringend gebeten. 


Gerechtigkeit

Alltag in Deutschland, Familie im Krisengebiet: Wie Faris die Eskalation im Sudan erlebt

Während Deutschland über den nächsten SPD-Vorsitzenden spekuliert und Menschen sich auf den Sommer freuen, eskaliert die Gewalt im Sudan. Das Militär geht gewaltsam gegen Proteste vor, friedliche Demonstranten werden erschossen. 

Für viele Deutsche scheint das weit weg. Der Sudan ist bei weitem nicht der einzige Krisenherd, irgendwo auf der Welt herrscht immer Krieg. 

Aber für Faris ist die Situation im Sudan ganz nah dran an seinem Leben. Er ist 22, lebt und studiert in Berlin.

Dort ist er auch geboren. Aber die Familie seines Vaters lebt im Sudan – seine Cousins und Cousinen, Onkels und Tanten. Via Whatsapp bleiben sie in Kontakt.  

Faris hat bento erzählt, wie er die Entwicklungen erlebt und welchen Einfluss sie auf seinen Alltag haben.

"Mein Vater kommt aus dem Sudan, er ist als Student nach Deutschland gekommen. Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Ein Großteil der Familie meines Vaters lebt noch im Sudan, ich habe ungefähr 20 Cousins und Cousinen dort.

Ich war bisher viermal selbst im Sudan. Ich bin sehr gerne dort. Es ist zwar nicht so modern wie in Deutschland, die Infrastruktur ist nicht so gut, es gibt viel Armut. Aber die Menschen dort sind sehr herzlich und achten aufeinander. Ich habe zum Beispiel erlebt, wie in einer ganzen Nachbarschaft das Wasser ausgefallen ist, nur einer hatte noch eine funktionierende Leitung. Wie selbstverständlich hat er sein Wasser mit allen geteilt. Ich glaube, dass das in Deutschland anders gelaufen wäre.

Das letzte Mal war ich 2016 in Khartum. Auch da hat man die Unzufriedenheit schon mitbekommen. Brot und Benzin waren immer teurer geworden, jede Tankstelle wurde aus Angst vor Unruhen von Soldaten bewacht. Meine Verwandten erzählten mir, dass die Politiker an der Macht zu nichts zu gebrauchen seien. Es gab schon vereinzelte Proteste damals, aber das Militär ist mit Hunderten Wagen durch die Stadt gefahren, um die Leute einzuschüchtern.

Wirklich überrascht war ich deshalb nicht, als die Proteste im letzten Dezember richtig losgingen. Ich bin in einer WhatsApp-Gruppe mit der Verwandtschaft aus dem Sudan, insgesamt etwa 20 Leute. Dort wird zwar meistens auf Arabisch geschrieben, was ich leider nicht verstehe. Aber dort habe ich die ersten Bilder und Videos der Demonstrationen gesehen, auch meine Cousins waren mit Flaggen auf der Straße unterwegs. Es gibt ein Video in dem zwei von ihnen ein Protestlied singen, viele andere Menschen stimmen mit ein. In diesen Videos wirken die Menschen sehr gut gelaunt und optimistisch, aber auch sehr entschlossen.