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Was würde eine so drastische Erhöhung der Spritpreise wirklich bedeuten?

70 Cent mehr für einen Liter Diesel, 47 Cent mehr für Benzin – damit Deutschland seine Klimaziele erreichen kann, seien diese Preiserhöhungen nötig, hat das Umweltbundesamt in einer internen Studie ausgerechnet (Süddeutsche Zeitung). Die Verkehrswende komme in Deutschland nur schleppend voran, im Verkehrsbereich sind die Emissionen zwischen 1995 und 2017 sogar leicht angestiegen. (Umweltbundesamt)

Was würde eine so drastische Erhöhung der Spritpreise wirklich bedeuten? Und was hat die Politik in den vergangenen Jahren verschlafen, dass jetzt so drastische Schritte nötig sind?

Dazu haben wir Martin Randelhoff befragt. Der 30-Jährige arbeitet im Bereich Verkehrswesen und Verkehrsplanung an der TU Dortmund und betreibt das Blog "Zukunft Mobilität".

(Bild: privat)

bento: Das Umweltbundesamt fordert eine drastische Erhöhung der Spritpreise – 70 Cent auf Diesel, 47 Cent für Benzin. Was würde das für den Verkehr in Deutschland bedeuten?

Martin Randelhoff: Wenn man von heute auf morgen diese 70 Cent Steuererhöhung umsetzen würde, dann würde es natürlich zu enormen Verwerfungen kommen. Das würde große Probleme verursachen, insbesondere bei ökonomisch schwächeren Haushalten, die auf das Auto angewiesen sind.

bento: Besonders junge Leute verdienen wenig, können sich Innenstadtleben nicht leisten und sollen für Jobs Flexibilität zeigen. Welche Ausgleichsmöglichkeiten gibt es, wenn auch die Pendlerpauschale wegfällt? 

Martin: Man wird es nicht schaffen können, keinerlei Mehrbelastung zu haben. Man möchte ja durch die Preiserhöhung auch Verhaltensänderungen hervorrufen. Man muss spüren, dass es teurer wird. 

Aber man muss es trotzdem schaffen, Menschen, die dann in soziale und ökonomische Nöte kommen, einen Ausgleich zu bieten – mit einer direkten Zahlung oder einem Transfer. Bei der CO2-Steuer wird das ja auch diskutiert und mit Auszahlungen an die Haushalte würden diese sicherlich sozial entlastet. Es gibt auch die Idee, dass jede Bürgerin und jeder Bürger ein bestimmtes Mobilitätsbudget bekommt, das man dann frei auf verschiedene Verkehrsmittel aufteilen kann. Das ist aber alles nicht leicht umsetzbar. 

bento: Wie müsste denn der öffentliche Nahverkehr auf dem Land aussehen, um Pendler auch wirklich zum Umsteigen bewegen zu können?

Martin: Die Frage ist, ob man den Öffentlichen Nahverkehr auf dem Land überhaupt so gut machen kann, dass er ähnlich gut funktioniert wie der Pkw. Das muss auch nicht immer das Ziel sein. Es reicht schon, wenn man das Umland von Städten stärkt – also mit Schnellbuslinien auf eigenen Busspuren oder dem konsequenten Ausbau von Schienenverkehr, sofern entsprechende Linien oder Strecken noch vorhanden sind.

Auf dem platten Land schafft es der PKW, schnell große Distanzen zu überbrücken. Vielleicht wäre es daher schlauer, auf dem Land auf andere Modelle zu setzen.

bento: Was für Modelle wären das zum Beispiel?

Martin: In Niedersachsen und Bayern gibt es Pilotprojekte, wo man zum Beispiel über eine App mit nur 30 Minuten Vorlaufzeit eine Fahrt bestellt und zum Ziel gebracht wird. Durch entsprechende Algorithmen-Optimierung schafft man es, mehrere Fahrten zu kombinieren, wodurch das für jeden Einzelnen günstiger wird.

Ob das der heilige Gral ist, der wirklich Menschen zum Umstieg bewegt, kann man aber noch nicht sagen, weil es noch keine flächendeckenden Angebote gibt.

bento: Nun gibt es viele Wähler in diesem Land, die deswegen wütend sind. Hilft das, um solche Angebote voranzutreiben?

Martin: Wut ist kein guter Treiber. Es gibt jedoch eine Reihe guter Argumente und Notwendigkeiten, die solche Modelle begünstigen: Wie stellen wir in Zukunft die Versorgung auf dem Land sicher? Wie kommen ältere Menschen zum Arzt, wenn sie nicht mehr Auto fahren können? Wie werden Unternehmen in ländlichen Räumen attraktive Arbeitgeber für junge Nachwuchskräfte, die in der Stadt andere Mobilitätsformen schätzen gelernt haben? 

Regionen mit einem attraktiven öffentlichen Verkehr können hier gewinnen und diejenigen, die das Thema verschlafen und keinen Mut für Experimente haben, durchaus Probleme bekommen. 

bento: Eine Erhöhung von bis zu 70 Cent pro Liter wirkt, als hätte die Politik in den letzten Jahren etwas verpasst. Wie kommt es zu so einer drastischen Forderung?

Martin: 2003 gab es die die letzte Mineralölsteuererhöhung. Eigentlich war das Ziel der Bundesregierung, dass die Kraftstoffpreise danach pro Jahr um zwei Prozent steigen – ob über einen steigenden Ölpreis oder die Mineralölsteuer. Das ist auch Basis für viele Modelle und die sogenannte Verkehrsverflechtungsprognose – welche die Basis ist für die Verkehrsstrategie der Bundesregierung und auch die Klimaschutzaktivitäten im Verkehrsbereich.

Doch zu dieser Erhöhung kam es nicht – real ist der Kraftstoffpreis über die letzten Jahre sogar gesunken. Im Jahr 2010 hat der Liter Benzin 1,42 Euro gekostet, 2018 waren es real nur 1,31 Euro. Eigentlich sollte 2019 der Liter aber 1,88 Euro  kosten und bis 2030 sogar 2,34 Euro. 

Das Umweltbundesamt sagt nun: Das hätte passieren müssen, um die Ziele, die wir uns gesteckt haben, zu erreichen. So haben wir beim Klimaschutz im Verkehrsbereich keine Fortschritte erzielt, haben zu volle Straßen und kommen mit dem Ausbau nicht hinterher. Die Frage ist ist jetzt: Wie schafft man es, diese Lücke wieder zu schließen? Holt man das auf einmal nach oder schafft man es, das über die Zeit wieder einzufangen?

bento: Wie könnte das über einen längeren Zeitraum aussehen?

Martin: Man könnte zum Beispiel die Mineralölsteuer jeden Monat um einen Cent erhöhen – dann haben wir diese Lücke bis 2030 geschlossen. Parallel müsste man dann entsprechend das Angebot im Nahverkehr ausbauen und entsprechende Regularien ausbauen, um verstärkt auf sparsamere Fahrzeuge zu setzen.

Denn das Problem ist: Diese ausbleibenden Mineralölsteuererhöhungen der letzten 16 Jahre gab das falsche Signal: Die Menschen kaufen sich schwere, hoch motorisierte Fahrzeuge. Das wirkt sich natürlich auf die Emissionen aus und deswegen schaffen wir die Klimaschutzziele nicht. 

bento: Wie du sagtest, kaufen sich die Menschen aufgrund von fehlenden Mineralölsteuererhöhungen schwere, hoch motorisierte Fahrzeuge. Gilt das auch für junge Menschen oder sieht man bei ihnen vielleicht sogar ein verändertes Verhalten?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, da junge Menschen selten eigene Pkw kaufen. Letztlich dürfte aber auch das von der Sozialisation abhängen, also in welchem Umfeld Kinder und Jugendliche aufgewachsen sind. Einige sind für die Umweltproblematik des Verkehrs stärker sensibilisiert, andere weniger. Für eine gewisse Gruppe spielt das eigene Auto eine größere Rolle im Leben als für andere. Auf der einen Seite äußert sich das in einem pragmatischen kleinen Fahrzeug oder gar nur einer Carsharing-Mitgliedschaft, auf der anderen im Kauf oder nur der Miete eines hochmotorisierten getunten Fahrzeugs, welches am Wochenende in der Innenstadt zur Schau gestellt wird. Junge Menschen sind da nicht per se anders oder gar besser als Ältere.


Tech

Die Vermessung des Ichs: Warum nutzen wir so gerne Schrittzähler und Sex-Tracker?
Welche Auswirkungen die Sucht nach den Zahlen haben kann – und wann es Sinn ergibt, sich selbst zu monitoren.

Treppe oder Lift? Ich stehe im Erdgeschoss eines Parkhauses. Normalerweise würde meine Faulheit siegen. Ich hatte immerhin einen langen, anstrengenden Tag. Aber meine Smartwatch kann ich nicht belügen – und sie erwartet von mir 10.000 Schritte pro Tag. Der Witz ist: Ich bin in der dazugehörigen App mit niemandem verbunden. Keiner außer mir würde also bemerken, wenn ich nur 3000 Schritte laufe. Trotzdem gehe ich die Treppe. Warum?

Mit sportlichem Ehrgeiz hat das wenig zu tun, auch wenn ich mich durch das schlechte Gewissen am Handgelenk mehr bewege. Klar, der Effekt ist schon auch, dass ich meinen inneren Schweinehund überwinde. Aber führen die Protokolle nicht auch dazu, dass ich das Gefühl für meinen Körper verliere? Ich muss mir keine Gedanken mehr machen, wie es mir geht – der Tracker sagt mir, wie ich mich fühle, wie ich geschlafen habe, wie gesund ich bin. 

Manche Smartwatches können sogar ein EKG anfertigen. Zwar ungenauer als im Krankenhaus, doch das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Uhren Vorhofflimmern, die häufigste Form von Herzrhythmusstörungen, erkennen können. Nun wird eine Nutzung für die Überwachung von Risikopatienten in Betracht gezogen.

Neben Smartwatches gibt es inzwischen fast alles als intelligente Version. Gabeln zum Beispiel: Sie messen das Essverhalten und ermahnen einen, wenn man die Spaghetti zu schnell in sich hineinschaufelt. Für richtige Profis gibt es dann noch das smarte Kondom. Der Name ist irreführend, denn mit Verhütung hat es nichts zu tun. Es ist ein Ring, der beim Sex um den Penis getragen wird und Kalorienverbrauch, Geschwindigkeit und Dauer misst. Die Frage "wie war ich" bekommt so eine neue Bedeutung und die Selbstvermessung lässt die letzte Grenze hinter sich.

Warum lieben es Menschen so sehr, sich selbst wie eine Laborratte zu beobachten und die eigenen Daten aufzuschlüsseln?

Vivien Suchert, 29, ist promovierte Psychologin und widmet sich dieser Frage in ihrem Buch "Das vermessene Ich". Im Interview erzählt sie, was die permanente Vermessung unseres Lebens mit uns macht.

bento: Warum wollen Menschen sich vermessen?

Vivien Suchert: Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Selbsterkenntnis. Das hat historisch schon immer eine Rolle gespielt – früher in Worten, heute in Zahlen. Schon in der Antike beschrieben Philosophen wie Markus Aurelius Vorgänge des Körpers oder der Psyche. In tagebuchähnlichen Einträgen, ganz ohne Zahlen, stellten sie Zusammhänge zwischen der Qualität ihres Schlafes und ihres gesundheitlichen Zustandes her. Heute haben wir die technischen Möglichkeiten, Einblicke in körperliche Vorgänge zu bekommen, die wir sonst gar nicht oder nur schwer wahrnehmen könnten. 

Dazu kommt die Vergleichbarkeit. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der sich gerne mit anderen vergleicht und durch die Datensammlung Kontrolle über sein Verhalten gewinnt. 

bento: Woher kommt dieser Wunsch nach Kontrolle?

Vivien: Die Welt ist in vielerlei Hinsicht komplexer und unübersichtlicher geworden. Das kann überfordern. Mit der Beobachtung des Ichs holen wir uns zumindest in dieser Hinsicht Kontrolle zurück. 

Auch der Vergleich mit anderen ist in der digitalen Welt viel stärker ausgeprägt. Durch Social Media kann ich mich austauschen und sehe, wie andere sich verhalten. Dadurch kann auch das Bedürfnis entstehen, das eigene Verhalten zu optimieren.

bento: Es klingt ein wenig so, als wären wir unsere eigenen Versuchskaninchen. Ist das nicht gefährlich?

Vivien: Ja, klar. Inzwischen können uns smarte Produkte Gesundheitsdaten wie Blutwerte oder Aufzeichnungen von Herzströmen zur Verfügung stellen. Es gibt aber einen Grund, warum Mediziner eine lange Ausbildung haben, denn solche Zahlen müssen interpretiert werden. Ein normaler Nutzer ist damit potentiell überfordert. Wenn die Geräte eine Anomalie aufzeigen, die auch bei gesunden Personen durchaus vorkommen, kann das beispielsweise zu Angst führen oder eine hypochondrische Neigung verstärken.

bento: Welche psychologischen Risiken birgt die Aufschlüsselung unseres Verhaltens?

Vivien: Es kann eine Entfremdung des Selbst entstehen. Wer den Daten mehr glaubt als sich selbst, kann das Vertrauen in die eigenen Empfindungen verlieren. Wenn ich meinem Smartphone die Entscheidung über meine Nahrungsaufnahme überlasse, verschwindet möglicherweise das Gespür, wie viel Essen mein Körper braucht. Oder wenn ich in der Stadt unterwegs bin, vertraue ich eher Google Maps anstatt meiner Intuition.

Dieser Vertrauensverlust findet auch auf einer anderen Ebene statt. In unserer Gesellschaft wird alles in Zahlen umgewandelt – alles wird bewertet: der Film, der Arzt, das Essen. An diesen Bewertungen richten wir unser Verhalten aus. Dann vertrauen wir womöglich kaum noch jemandem, ohne vorher die Datenlage zu checken, denn Vertrauen kann nur dort geübt werden, wo eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist. Wie Julia Zeh sagt, kann die Selbstvermessung als das Gegenteil von Selbstvertrauen angesehen werden.

bento: Jetzt haben wir viel über die negativen Aspekte gesprochen. Gibt es auch positive?

Vivien: Ja, denn mit Hilfe smarter Geräte und Apps lassen sich besonders erfolgreiche Strategien zur Verhaltensänderung umsetzen. Beispielsweise das Self-Monitoring, wie die Selbstüberwachung in der Psychologie genannt wird. Man überwacht sich selbst, bekommt eine Rückmeldung und kann sein Verhalten entsprechend anpassen. Spiel- und Belohnungskomponenten können diese Motivation noch weiter erhöhen. 

Früher musste man dazu ein Ernährungstagebuch führen oder das Training sehr genau dokumentieren. Heute macht das ein Gerät für uns nebenbei.

bento: Gibt es ein gesundes Maß, das man einhalten kann?

Vivien: Es gibt Wege, die Geräte zu nutzen, die wirklich förderlich sind. Wichtig ist es dabei, ein konkretes Ziel zu haben, sonst wird das Messen zum Selbstzweck. Wenn ich mich mehr bewegen will, dann reicht es beispielsweise, meine Schritte zu zählen – welche Herzfrequenz ich in dem Moment hatte, ist nicht relevant. 

Das Messen all dieser Daten verselbstständigt sich schnell und sehr bald versucht man, alles zu überwachen.

bento: Du sprachst von einer Entfremdung von sich selbst. Wie kann man dem entgegenwirken?

Vivien: Ich bin mir nicht sicher, ob diese Geräte der Grund für die Entfremdung sind oder ob wir den Zustand schon vorher hatten und uns deswegen so genau beobachten. Vermutlich bedingen sich die beiden Faktoren wechselseitig.

Zu empfehlen sind aber Achtsamkeitsübungen, um sich selbst wieder mehr zu vertrauen: Brauche ich mehr Bewegung? Schlafe ich genug? Für die Antworten darauf kann man in sich selbst hineinhören, anstatt nur auf die Zahlen der Geräte zu vertrauen. Dafür muss man sich allerdings Zeit nehmen und kurz innehalten.