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Als Jana* 17 Jahre alt ist, teilt sie sich mit elf anderen Männern ein Zimmer. Nur einer von ihnen spricht deutsch. Die kleine Gemeinschaft haust in einer winzigen Einzimmerwohnung in Berlin Neukölln, es ist Janas schlimmste Wohnerfahrung. "Das Schlimmste war nicht der Dreck oder der Geruch in der Wohnung“, erzählt Jana, "es war die Tatsache, dass ich nie alleine sein konnte“. "Wenn du keine Tür hast, die du hinter dir zumachen kannst, dann wirst du irgendwann verrückt“, sagt sie.

Jana hatte kein festes Zuhause, seit sie 15 war. Heute sitzt die Neunzehnjährige im Gesprächsraum einer Berliner Streetwork-Station in einem S-Bahnhof in Berlin. Ruhig und reflektiert spricht sie über das, was ihr passiert ist, während über ihr die Züge vorbeidonnern. Jana ist schlank, dunkelblond und unauffällig. Sie trägt eine Multifunktionsjacke und eine eckige Brille mit dünnem Rand. Man sieht ihr nicht an, was sie schon alles erlebt hat.

Am liebsten redet Jana über ihr Ehrenamt beim Deutschen Roten Kreuz, wo sie in den vergangenen Jahren in manchen Wochen bis zu 40 Stunden freiwillig arbeitet. Während ihrer Wohnungslosigkeit hat ihre Arbeit ihr Halt und Hoffnung gegeben: "Bei meinem Job im Flüchtlingsheim wurde ich gebraucht und einmal am Tag gab es ein warmes Essen", erzählt sie.

Lass uns Freunde werden!

Jana hat einen Realschulabschluss, sie ist schlau und durchsetzungsfähig. Und Jana hatte in ihrem Leben viel Pech. Mit dem Jugendamt zum Beispiel, das sich früh um sie kümmern musste, zu deren Mitarbeitern sie aber nie Vertrauen gewann. Oder mit der Mutter, die sie kurz vor ihrer mittleren Reifeprüfung vor die Tür setzte. Was genau passiert ist, möchte Jana nicht sagen. Sie weiß genau, was sie erzählen will und was nicht – zu oft haben Menschen ihr Vertrauen ausgenutzt. "Nach dem Rausschmiss war mir klar, dass ich versuchen wollte, mich erst einmal alleine durchzuschlagen – vom Jugendamt wollte ich keine Hilfe“, erzählt sie.

Wir nennen es verdeckte Wohnungslosigkeit
Sigrid Kästner

Vier Jahre lang ging es Jana wie es derzeit schätzungsweise 37.000 Jugendlichen in Deutschland geht (Deutsches Jugendinstitut). Wie die meisten, die ihr Schicksal teilen, lebte sie nicht auf der Straße, sondern hangelte sich von Sofa zu Sofa. Mal kommt sie bei Freunden unter, mal bei Bekannten oder Verwandten, mal bei Fremden, die ihr einen Platz anbieten. Ein eigenes Bett, ein sauberes Bad, Privatsphäre hat sie nicht.

"Es gibt ein Phänomen, das wir verdeckte Wohnungslosigkeit nennen“, sagt Sigrid Kästner, Sozialarbeiterin bei der Hilfsorganisation Off Road Kids in Berlin. „Vor allem junge Menschen, die in schwierigen Lebenssituationen ihre Wohnung verlieren, gehen immer weniger auf der Straße, sondern wohnen bei anderen in privaten Räumen.“ Die Hilflosigkeit junger Menschen und manchmal auch ihre Verwahrlosung finden dort statt, wo es keiner sieht. Für die Gesellschaft werden sie unsichtbar und für diejenigen, die ihnen helfen möchten, schwer erreichbar.

Wohnungslose Jugendliche in Deutschland

Das Deutsche Jugendinstitut schätzt die Zahl der wohnungslosen Menschen im Alter von bis 26 Jahren in Deutschland auf 37.000. Gemeint sind sowohl obdachlose Jugendliche als auch junge Menschen ohne festen Wohnsitz, die nicht auf der Straße leben. Zwei Drittel der Wohnungslosen sind männlich, jeder fünfte minderjährig. Ina Zimmermann vom diakonischen Werk Berlin-Brandenburg geht davon aus, dass mittlerweile die wesentlich größere Gruppe der Wohnungslosen in Berlin nicht sichtbar, also verdeckt wohnungslos, ist. Es sei zu beobachten, dass gerade Frauen die privaten Schutzräume suchen, um der Schutzlosigkeit der Straße und Notunterkünfte zu entgehen. (rbb)

Bis Jana 18 Jahre alt ist, klappt das mit dem Durchschlagen. Es gibt kaum einen Bezirk in Berlin, in dem Jana noch nicht übernachtet hat. Für einige Zeit wohnt sie bei einem Bruder, bis es dort keinen Platz mehr für sie gibt. Sie kommt bei einer Freundin unter und lernt dort Menschen kennen, denen es ähnlich geht wie ihr. Sie unterstützen sich gegenseitig. Mal schlüpft sie hier unter, mal dort. Mal für ein paar Tage, mal für ein paar Wochen.

Mit Janas Volljährigkeit endet auch die Zuständigkeit des Jugendamtes und Jana entscheidet, sich nochmal an die Behörden zu wenden: "Ich wollte meinen Freunden nicht mehr zur Last fallen". Jana erhält übergangsweise einen Platz in einem Frauenkrisenwohnheim. Von dort kommt sie in ein anderes Übergangswohnheim, in dem auch haftentlassene Männer wohnen. "Einmal wurde ich nachts von zwei Junkies bedroht“, erzählt sie. Jana hat Angst, kauft sich ein Pfefferspray "für den Notfall“. Sie kommt immer wieder mit Dealern, Zuhältern und anderen Kriminellen in Kontakt, die versuchen, sie für unterschiedliche Jobs zu gewinnen. Sie lehnt ab, immer wieder.

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Im Herbst 2017 kommt Jana bei einer alten Freundin unter. "Ich hatte keinen Bock auf niemanden mehr, aber ich musste ja zu irgendjemanden, wenn es draußen kalt wird", sagt sie. Die Wohnung gleicht einer Müllhalde. Jana ist dem Verzweifeln nahe. Sie fühlt sich von den zuständigen Behörden unverstanden und weiß nicht, wo und wie sie ihre Rechte und Wünsche geltend machen soll.

"Wenn du keine Wohnung hast, bist du ein Nichts", erzählt Jana. „Wer nirgends wohnt, kann kein Konto eröffnen. Wer kein Konto eröffnen kann, bekommt keine Arbeit. Wer keine Arbeit hat, bekommt keine Wohnung.“ Jana fühlt sich gefangen. Online sucht sie Hilfe – und stößt auf sofahopper.de, ein Online-Angebot der Hilfsorganisation "Off Road Kids".

Was ist sofahopper.de?

Die Hilfsorganisation Off Road Kids betreibt seit gut einem Jahr die Online-Plattform sofahopper.de. Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland können direkt, unbürokratisch und anonym über einen Chat mit Sozialarbeitern in Kontakt treten, wenn sie von Wohnungslosigkeit betroffen sind oder ihnen Wohnungslosigkeit droht. Das Team versucht, vor Ort Hilfestellungen zu organisieren und Perspektiven zu entwickeln. Es können sich auch Dritte melden, zum Beispiel Familienmitglieder oder solche die einen Jugendlichen bei sich beherbergen. Off Road Kids ist eine Organisation, die ohne staatliche Fördermittel arbeitet, und wird unter anderem von der Deutsche Bahn Stiftung und der Vodafone Stiftung finanziert.

Es ist vor allem die geringe Hemmschwelle, ihr Anliegen loszuwerden, die Jana in diesem Moment hilft:  Auf ihrem Smartphone verschickt sie eine Nachricht und erhält prompt eine Antwort. Zum ersten Mal hat sie das Gefühl, dass sich jemand ernsthaft interessiert und bereit ist zu helfen, und zwar schnell und unkompliziert.

Jesko Wrede, Sozialarbeiter im Berliner Team von Off Road Kids, kennt Geschichten wie die von Jana sehr gut. "Zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten der Behörden ergeben sich manchmal für den Einzelnen absurde Situationen." Oft ist es ein großes Problem, so Wrede, wenn mit der Vollendung des 18. Lebensjahres die Jugendhilfe endet: „Viele junge Menschen, die jahrelang Unterstützung erhielten, wissen dann plötzlich nicht mehr wie es weitergeht.“ Die Wohnraumknappheit in den Großstädten verstärke das Problem.

Das Team von Sofahopper hat ihr vor allem bei einem geholfen: Neuen Mut zu fassen und nicht aufzugeben.  "Als mir die Kraft und das Vertrauen fehlte, hat sich das Team für mich bei den Behörden stark gemacht“, sagt sie. "Ich musste keinen Antrag ausfüllen, sondern konnte einfach loserzählen“, erzählt Jana. Das sei ihr vorher nie so gegangen. Jana hat den Bezirk gewechselt, seit einigen Wochen lebt Jana endlich in ihren eigenen vier Wänden.

Und sie hat nicht nur eine Wohnung, sondern auch einen Plan: Wenn alles gut geht, wird sie bald eine Ausbildung anfangen, als Notfallsanitäterin. Genug Praxiserfahrung durch ihre Zeit beim Deutschen Roten Kreuz hat sie ja. "Es gibt immer eine Lösung", sagt Jesko Werde von Odd Road Kids, "auch, wenn es so gar nicht danach aussieht."

*Jana heißt eigentlich anders. Weil sie anonym bleiben möchte, haben wir ihren Namen geändert. 


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