Bild: bento
Marianny erzählt, warum sie gegen Präsident Nicolas Maduro demonstriert

Steine und Brandsätze fliegen durch die Luft, mit Wasserwerfern und Tränengas geht die Polizei im Gegenzug gegen die Demonstranten vor – täglich ziehen derzeit Zehntausende Venezolaner durch die Hauptstraßen von Caracas.

Unter ihnen: Marianny Linarez. Obwohl sie nicht vor Wasserwerfern davonlaufen kann. Denn die 34-Jährige sitzt seit einem Autounfall vor zehn Jahren im Rollstuhl. Sie ist stellvertretende Stadträtin in ihrer Gemeinde Palavecino im Bundesstaat Lara und gleichzeitig Mitglied in der oppositionellen Partei "Voluntad Popular" – "Partei Volkswille". 

Dabei ist die Gefahr groß. Die Auseinandersetzungen in Venezuela sind längst eskaliert. Hunderte Regierungsgegner sitzen im Gefängnis, mehr als 60 Menschen sind bei den Zusammenstößen schon gestorben, am Montag setzten Demonstranten das Verwaltungsgebäude des Obersten Gerichts in Caracas in Brand. (Zeit Online

Trotzdem will Marianny Linarez nicht zu Hause bleiben.

Was ist los in Venezuela?

  • Venezuela war einst das reichste Land Südamerikas und befindet sich nun in einer schweren Wirtschaftskrise.
  • Die Opposition wirft Präsident Nicolás Maduro vor, die Misere durch Misswirtschaft herbeigeführt zu haben – Demonstranten fordern deshalb seinen Rücktritt. 
  • Maduro entmachtete Anfang April zunächst das Parlament, nahm die Entscheidung aber nach Kritik aus dem Ausland zurück.
  • Nun will er eine verfassungsgebende Versammlung einberufen – die Opposition wirft ihm vor, diese mit seinen Anhängern besetzen und so seine Macht stärken zu wollen. 
  • Hunderte Regierungsgegner sitzen im Gefängnis. 


Mit uns hat sie über ihr Engagement und ihre aktuelle Situation gesprochen.
(Bild: bento)
Warum demonstrierst du?

Unsere Regierung hat sich zur Diktatur gewandelt, die unser Land ausbluten lässt und uns all unserer Rechte beraubt hat: Es gibt keine Medikamente, keine Lebensmittel und keine Sicherheit mehr auf den Straßen. Dieses Regime unterdrückt, verfolgt, sperrt ein und ermordet die, die anders denken und Freiheit fordern.

Deshalb gehe ich auf die Straße. Es kann doch nicht sein, dass unser Land, das so reich an natürlichen Ressourcen ist, mittlerweile das ärmste Land Südamerikas ist, in welchem seine Bewohner im Müll nach etwas zu Essen suchen müssen. Und in dem Kleinkinder an Unterernährung sterben, weil es einfach nichts mehr zum Einkaufen gibt!

(Bild: bento)
Woran liegt das?

Seit 18 Jahren sind keine politischen Entscheidungen mehr durchgesetzt worden, die Venezuela wirtschaftlich hätten stärken und entwickeln könnten. Darunter leidet die ganze Bevölkerung und besonders wir Jungen, weil wir hier keine Zukunft mehr für uns sehen. Früher habe ich mich über die Gleichgültigkeit meiner Landsleute angesichts dieser Regierung aufgeregt, mittlerweile sind die Leute Gott sei Dank aufgewacht.

Viele junge Menschen gehen auf die Straße - warum?

Viele meiner jüngeren Freunde mussten ihr Studium abbrechen, weil sie die teuren Studiengebühren der privaten Hochschulen nicht mehr bezahlen konnten. Ich habe auch Bekannte an staatlichen Unis, die ihre Ausbildung nicht weiterführen konnten. Sie konnten sich nicht einmal mehr ein paar Kopien leisten. 

Die Konsequenzen sind katastrophal: Viele junge Menschen aus benachteiligten Verhältnissen sind in die Kriminalität abgedriftet, andere haben Venezuela verlassen, um sich woanders ein Leben aufzubauen. Jeden Tag bleibt Venezuela mit weniger jungen Menschen zurück.

Mehr zum Thema:

(Bild: bento)
Du sitzt im Rollstuhl. Leidest du besonders unter der Situation?

Alle Menschen hier leiden unter einer katastrophalen Unterversorgung. Ich zum Beispiel brauche unbedingt einen neuen Rollstuhl, mein jetziger ist alt und schon sehr ramponiert. Aber im Moment ist es absolut unmöglich, hier einen neuen zu kaufen. Und für Menschen mit Behinderungen ist es sowieso schon schwierig hier zu leben, weil es in Venezuela kaum Barrierefreiheit gibt.

Jeder Tot eines Mitdemonstranten schmerzt mich, als käme er aus meiner eigenen Familie.
Marianny
Du protestierst nun schon seit Monaten. Wie geht es dir?

Die vergangenen Tage und Wochen waren schon wahnsinnig anstrengend und intensiv. Jedes Mal, wenn ich Menschen in diesem Kampf sterben sehe, fühle ich so viel Schmerz, Wut und Ohnmacht. 

Auch einen sehr guten Freund habe ich schon verloren – meinen Jugendfreund Tony, Gruseny Antonio Canelon. Er kam aus meiner Gemeinde und wurde Anfang April bei einer Demonstration von Einsatzkräften erschossen – aus nächster Nähe. (El Nacional)

Jeder Tod eines Mitdemonstranten schmerzt mich, als käme er aus meiner eigenen Familie. An Aufgeben denke ich dann jedoch nicht. Ich fühle mich vielmehr verpflichtet weiterzukämpfen und nicht zuzulassen, dass sie ihr Leben umsonst gegeben haben.

Denn trotz allem glaube ich an dieses Land und seine Menschen: Venezuela ist für mich das beste Land der Welt. Ich würde mein Leben geben, damit hier irgendwann Freiheit herrscht.

Wie organisiert ihr euch?

Wir haben mit einem Oppositionsbündnis, dem "Tisch der Demokratischen Einheit" (MUD), Kräfte gebündelt. Außerdem poste ich täglich, wo und wann wir uns treffen. Wir werden uns nicht vertreiben lassen, bis Maduro geht. Wir sind davon überzeugt, dass unser Protest auf der Straße der einzige Ausweg aus dieser Diktatur ist.

(Bild: bento)
Wirst du wegen deines politischen Engagements bedroht?

In Regierungskreisen habe ich viele Feinde. Vor einigen Wochen war ich alleine auf der Straße, als ein Auto seitlich an mich heranfuhr – in ihm saß ein Mann in Beamtenkleidung. Er lehnte sich aus dem Fenster und bedrohte mich – sagte, man würde mich töten, wenn ich weitermachte mit meiner Arbeit. 

Auch ein hochrangiger Politiker wie Diosdado Cabello bezeichnete mich im vergangenen Herbst in seiner TV-Show als "Putschistin" und veröffentlichte meine Telefonnummer. Er rief dazu auf, man müsste mich festnehmen. Danach bin ich für einige Zeit untergetaucht. Aber jetzt bin ich wieder auf die Straße zurückgekehrt und werde weiter kämpfen.


Queer

In Kolumbien haben sich drei Männer geheiratet

Diese Nachricht würden wir uns noch viel häufiger wünschen: 

In Kolumbien haben drei Männer die erste "Dreier-Ehe" des Landes geschlossen – vom Notar der Stadt Medellin offiziell beglaubigt. (Stern/ n-tv)