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Fünf Menschen erzählen, warum sie Venezuela verlassen haben

Kinder wühlen im Müll nach Essensresten, Menschen stehen in langen Schlangen vor den Supermärkten, um mit ihrem letzten Ersparten ein Stück Obst oder Toilettenpapier zu kaufen. Selbst Trinkwasser ist mittlerweile teurer als Benzin. Tausende leiden Hunger, dazu Chaos, Gewalt – die Situation in Venezuela verschlimmert sich Tag für Tag. 

  • Seit vier Monaten befindet sich Venezuela im Ausnahmezustand, fast täglich gibt es Proteste gegen den Präsidenten Nicolás Maduro, der seit der Einsetzung einer umstrittenen verfassungsgebenden Versammlung immer uneingeschränkter handeln kann. Hunderttausende Demonstranten fordern seinen Rücktritt, bestehen auf Neuwahlen und ein Ende der politischen Repressionen. (bento)
  • Viele Demos werden mit Gewalt beendetMehr als 120 Menschen kamen bei den Protesten bereits ums Leben. 
  • Am Sonntag eskalierte der Konflikt erneut, diesmal in einem Putschversuch: Laut Maduro sollen Soldaten einen Militärstützpunkt angegriffen haben. Neben einigen Festnahmen gibt es ihm zufolge auch zwei Tote und einen Verletzten. (SPIEGEL ONLINE)
  • Maduro hat das Land in eine wirtschaftliche und politische Krise gestürzt. Venezuela ist zusehends isolierter – Maduro versucht, mit seinen Anhängern eine neue Verfassung zu erarbeiten. Doch viele andere Staaten erkennen die von ihm geschaffenen Institutionen nicht mehr an und werfen ihm vor, eine Diktatur zu schaffen.

Immer mehr Menschen fliehen vor Maduro und der Misere ins Ausland. 

Wie fühlt es sich an, wenn man das eigene Land verlassen muss? Hier erzählen fünf junge Venezolaner, warum sie ausgewandert sind. 
José, 26, Marketingstudent, ging nach Argentinien.

2013 habe ich während der Präsidentschaftswahl gegen Maduro demonstriert. Als das Militär Tränengas einsetzte, brach Chaos auf den Straßen aus. Nachdem wir uns in einer Gruppe von rund 70 Menschen in einer Seitenstraße versteckten, traf die Polizei ein und teilte uns mit, dass sich die Situation bald beruhigen würde. Doch dann kamen drei große Busse, in die wir auf Druck der Polizisten hin einsteigen mussten.

Sie haben uns entführt und vier Tage lang als politische Gefangene gehalten.  

Wir wussten nicht, ob wir überleben würden. Die Aufseher erzählten den Mädchen, dass sie sie vergewaltigen, und den Männern, dass sie sie töten würden. Nach meiner Freilassung durfte ich das Land ein Jahr lang nicht verlassen.

Oft bin ich heimlich von zu Hause weggelaufen, um auf den Straßen zu protestieren und meinen Freunden zu helfen.

Das Verhältnis zu meinem Vater, der von der Ideologie der Regierung überzeugt ist, verschlechterte sich. Oft bin ich heimlich von zu Hause weggelaufen, um auf den Straßen zu protestieren und meinen Freunden zu helfen.

Doch auch nach zwei Jahren zeigten die Proteste keinen Erfolg, weshalb ich beschloss, nach meinem Marketing-Abschluss nach Argentinien auszuwandern.

Als ich in Buenos Aires ankam, war ich vollkommen auf mich alleine gestellt, kannte niemanden und kam in einem Hostel unter. Zum Glück fand ich dort schnell Freunde, was mir in besonders schweren Momenten half. 

Zum Beispiel, wenn ich den Strand vermisste. Der Strand – das war für mich mein eigentliches Zuhause. Ich habe mich dort morgens schon mit meinen Freunden zum Frühstück getroffen, wir haben Arepa gegessen, nach Mädchen Ausschau gehalten und nachts Salsa getanzt. Der Tag begann und endete am Meer. Das fehlt mir hier besonders.

Ich habe mehrere Jobs, arbeite als Küchenhilfe, Kellner und mache auch ein paar Marketing-Kurse. Ich will hier meinen Master machen.

Ich will später nach Venezuela zurückkehren, um meine Heimat wiederaufzubauen.

Auf die Straße! So demonstrieren Frauen in Venezuela gegen Maduro:
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Sula, 26, Architektin, wanderte nach Deutschland aus.

Irgendwann wollte ich nicht mehr in einem Land leben, in dem es an Lebensmitteln und Medikamenten mangelt und Polizisten korrupt oder Verbrecher sind. 

Ich wollte unbedingt nach Europa, ich habe griechische und deutsche Wurzeln. Mein Bruder studierte ohnehin in Berlin. Im März 2014 bin ich nach München gezogen. Mein Bruder hat hier einen Job gefunden, eine Weile haben wir zusammengewohnt. 

Es war der traurigste Moment in meinem Leben, als ich mich von meiner Familie, meinem damaligen Freund und meiner besten Freundin am Flughafen verabschiedete

Mittlerweile bereuen es jedoch viele, nicht gegangen zu sein, als es noch einfacher war, das Land zu verlassen.

Bei meiner Ankunft konnte ich kein Wort Deutsch. Ich habe einen mehrmonatigen Sprachkurs gemacht. Inzwischen arbeite ich in einem kleinen Architekturunternehmen und mache einen Master an der TU München

Ich komme mittlerweile eigentlich mit allem klar. Was ich aber nicht abschütteln kann, ist diese ständige Sorge, dass meiner Familie etwas passieren könnte und ich dann nichts tun kann.

Anfangs wurden viele Venezolaner kritisiert, wenn sie in andere Länder zogen, und nicht in ihrer Heimat blieben, um diese wiederaufzubauen. Mittlerweile bereuen es jedoch viele, nicht gegangen zu sein, als es noch einfacher war, das Land zu verlassen. 

Ich werde immer stolz darauf sein, Venezolanerin zu sein und trage mein Land immer im Herzen. 

Doch wenn ich irgendwann eine Familie haben werde, möchte ich, dass meine Kinder in einer sicheren Umgebung aufwachsen und sie dort die Aussicht auf eine gute Zukunft haben.

Leider ist Venezuela nicht mehr so ein Ort. 

Weiße Anführungszeichen
Bei den Auseinandersetzungen zwischen Staat und Demonstranten sind mittlerweile mehr als 120 Menschen getötet worden.
Edgar, 28, Arzt, ging nach Chile.

Obwohl ich als Arzt in zwei Kliniken arbeitete, Nacht- und Wochenendschichten übernahm, reichte das Geld kaum zum Leben. Ich hätte hier nie eine Familie ernähren können. Deswegen bin ich im März alleine nach Chile ausgewandert. 

Ich ging in die Hauptstadt Santiago, wo ich mir mit drei Leuten, die ich kaum kannte, eine Wohnung mietete. Santiago ist eine graue Stadt, ich fühlte mich nicht besonders wohl. Es war wahnsinnig schwierig, einen Job zu finden, meine Ersparnisse waren schnell aufgebraucht. 

Ich bin glücklich hier. Endlich zahlt sich harte Arbeit wieder aus. Ich kann mir wieder Dinge leisten, die vorher unerschwinglich für mich waren.

Ich habe dann drei Monate als Kellner gearbeitet. Ich bin den Mitarbeitern des Restaurants noch heute dankbar, sie haben mir viel ermöglicht, in einem fremden Land, in dem ich auf mich alleine gestellt war. 

Parallel habe ich weiter nach einer Stelle als Arzt gesucht. Irgendwann hat es geklappt und ich habe eine Zusage in Maullin, einer kleinen Stadt im Süden, bekommen. 

Ich bin glücklich hier. 

Endlich zahlt sich harte Arbeit auch wieder aus. Dinge, die vorher unerschwinglich für mich waren, kann ich mir jetzt wieder leisten.

Ana, 29, Chemielaborantin, wanderte nach Argentinien aus.

Als ich gesehen habe, wie meine damals achtjährige Tochter Anahis auf der Straße vor Angst zusammenzuckte, wenn sie ein Mofa hörte, wurde mir klar, dass es nicht so weitergehen konnte. In Venezuela ziehen viele Kriminelle auf Mofas durch die Straßen, manchmal morden sie für eine Handtasche. 

Außerdem konnte ich mein Studium zur Chemielaborantin nicht mehr finanzieren, ich musste immer mehr arbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. 

Anfang 2015 beschloss ich nach einer Reise nach Argentinien, dorthin auszuwandern. Trotzdem wusste ich nicht, was mich dort erwarten würde, ob es sicher wäre und ob ich überhaupt Zeit für meine Tochter haben würde. Ich beschloss, Anahis vorerst bei meiner Mutter und meiner Schwester zurückzulassen. 

Das brach mir das Herz. 

Ana mit ihrer Tochter Anahis

Anfangs kam ich bei entfernten Bekannten in Buenos Aires unter. In den ersten Wochen fühlte ich mich oft orientierungslos, wusste nicht, was ich tun sollte und war oft einsam. 

Ich stürzte mich in die Arbeit, jobbte in einer Bäckerei, in einem Restaurant und putzte Privathäuser. 

Es gab Abende, an denen ich einfach nur weinte. 

Es war ein schreckliches Gefühl so weit weg zu sein und zu wissen, dass meine Kleine in Venezuela nicht mal genug zu essen hatte.

Insgesamt ein Jahr und drei Monate dauerte es, bis meine Tochter Anahis endlich zu mir nach Argentinien kam. Ich war noch nie so glücklich, wie in diesem Moment.

Trotzdem habe ich hier auch viele hilfsbereite und nette Menschen kennengelernt. Personen, die mich nicht kannten, gaben mir Pullover und Jacken für den Winter, schließlich hatte ich keine warme Kleidung aus Venezuela mitgebracht. 

Insgesamt ein Jahr und drei Monate dauerte es, bis Anahis endlich zu mir nach Argentinien kam. Ich war noch nie so glücklich, wie in diesem Moment. 

Wir wohnen jetzt in Luján, in der Nähe von Buenos Aires. Ich habe einen Kurs zur Arzthelferin gemacht und arbeite in einem Krankenhaus. In Venezuela möchte ich nicht mehr lebe, stattdessen will ich denen helfen, die auswandern wollen, so wie auch mir geholfen wurde.

Pierina, 24, Anwältin, ging in die USA.

Als ich realisiert habe, dass die Gesetze, die ich jahrelang studierte, keine Gültigkeit mehr haben, beschloss ich, auszuwandern. Meine Möglichkeiten zur persönlichen Weiterentwicklung wurden immer eingeschränkter. 

Im Oktober 2016 zog ich gemeinsam mit meiner Mutter, deren Ehemann und meiner Schwester nach Houston, Texas

Anfangs fiel es mir schwer, mich an die neue Kultur und die Menschen in den USA zu gewöhnen. Hier ist alles ganz anders und mein altes Leben, mein Job, meine Freunde – ich habe alles verloren.

Als Anwältin werde ich wohl nicht mehr arbeiten können. Das hat mich am Anfang ziemlich fertig und antriebslos gemacht.

Aber es gibt auch viele positive Dinge hier. Das Gesundheitssystem zum Beispiel. Wenn in Venezuela jemand einen Herzinfarkt hat, ist es reine Glückssache, ob der Krankenwagen kommt. Ich fühle mich hier sicher, ich habe eine Perspektive. Das motiviert mich, nach vorne zu blicken und weiterzumachen.

Als Anwältin werde ich wohl nicht mehr arbeiten können. Das hat mich am Anfang ziemlich fertig und antriebslos gemacht.

Trotzdem: Mein Leben hat sich zum Positiven gewendet. In Zukunft möchte ich hier studieren und eine neue berufliche Laufbahn einschlagen. 


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Facebook entschuldigt sich bei Dunja Hayali für Löschung ihres Posts

Facebook hat sich bei Dunja Hayali entschuldigt, weil das Netzwerk am Dienstag einen Kommentar der ZDF-Moderatorin gelöscht hat.

"Unsere Reporting-Systeme sind dafür entwickelt, Menschen vor Missbrauch, Hassrede und Mobbing zu schützen, und wir bedauern, dass gelegentlich Fehler gemacht werden, wenn solche Reports bearbeitet werden – wie jetzt im Fall von Dunja Hayali", sagte eine Facebook-Sprecherin der Nachrichtenagentur dpa. (SPIEGEL ONLINE)