Was ist passiert?
  • Der Vatikan soll Spendengeld für arme Kinder verschwendet und für andere Zwecke verwendet haben. Das geht aus brisanten Dokumenten hervor, die zwei italienischen Journalisten zugespielt wurden.
  • Zwei Enthüllungsbücher kommen dazu jetzt auf den Markt: "Avarizia" ("Geiz") von Emiliano Fittipaldi und "Via Crucis" ("Kreuzweg") von Gianluigi Nuzzi, der auch die erste Vatileaks-Affäre ins Rollen brachte. Die Bücher beinhalten vertrauliche Informationen über die Vatikanbank mit Mitschnitten von Papst-Sitzungen und Aufzeichnungen aus Gesprächen, die die Verschwendung belegen sollen.
  • Die 33 Jahre alte Italienerin und Papst-Vertraute Francesca Chaouqui soll die geheimen Dokumente gemeinsam mit einem Mitglied der Kurie zugespielt haben.
Wer ist Francesca Chaouqui?

Ihr Profilbild auf Facebook zeigt Francesca Immacolata Chaouqui, wie sie die Hand des Papst herzlich drückt, beide lächeln. Es ist ein Foto, das zeigen soll: Wir stehen uns nah.

Chaouqui ist 33 Jahre alt. Ihre Mutter stammt aus Kalabrien, ihr Vater ist Franzose mit marokkanischen Wurzeln. Chaouqui arbeitete ein knappes Jahr im Vatikan - bis sie beim Papst in Ungnade fiel. Was darüber bislang bekannt ist, liest sich wie ein neuer Kirchenkrimi von Dan Brown.

Über Monate soll die junge Italienerin zusammen mit dem spanischen Monsignore Lucio Ángel Vallejo Balda geheime Dokumente aus dem Vatikan geschmuggelt und vertrauliche Informationen an zwei Journalisten weitergegeben haben. Balda ist ein wichtiger Mann der Kurie und Mitglied des geheimnisumwitternden,
erzkonservativen Katholikenbunds Opus Dei.

Seit Mai ermittelt die vatikanische Justiz gegen die beiden mutmaßlichen Whistleblower. Am Halloween-Wochenende wurden sie in Gewahrsam genommen und verhört. Monsignore Balda sitzt seitdem in einer Zelle, Chaouqui versprach der Justiz volle Kooperation und steht jetzt unter Hausarrest.

Papst Franziskus selbst hatte die PR-Expertin Chaouqui und Monsignore Balda in den Kirchenstaat berufen

Beide waren Teil der Kommission COSEA, die den Pontifex in wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten des Vatikans beraten hat. Mit 33 Jahren war die junge Italienerin mit Abstand das jüngste Mitglied und die einzige Frau. Franziskus hatte die Kommission extra eingerichtet, um die Finanzen des Kirchenstaats zu durchleuchten.

Warum ausgerechnet Chaouqui in diesen Kreis berufen wurde? Darüber rätselt ganz Italien. Denn sie hatte dadurch Zugang zu den geheimsten Informationen, die es im Vatikan überhaupt gibt.

Wer sich auf ihrem weitgehend öffentlichen Facebook-Profil umschaut (5000 Freunde, unzählige Fotos) sieht eine attraktive, lebenslustige Frau, die gern für die Kamera posiert. Sie postet Kirchenbilder und Selfies Arm in Arm mit ihrem Mann. Es ist nicht das Profil, das man von jemandem erwartet, der für den Vatikan arbeitet.

#overthetop#cosedifamiglia

Posted by Francesca Immacolata Chaouqui on Sonntag, 18. Oktober 2015

Stamattina arriva la guida, entriamo in macchina e mi fa:Ho letto sui social di come celebrate i funerali dei mafiosi!!...

Posted by Francesca Immacolata Chaouqui on Freitag, 21. August 2015

Im Kirchenstaat waren wohl auch nicht alle mit ihrer Berufung einverstanden - Chaouqui habe mit ihrem guten Verhältnis zum Papst geprahlt und stehe auf Dolce Vita, zitieren italienische Medien Kritiker aus der Kirche. Einigen plauderte sie wohl auch zu viel. Chaouqui ist auf Twitter und Facebook sehr aktiv. Dort schrieb sie beispielsweise, der ehemalige vatikanische Staatssekretär Tarcisio Bertone sei korrupt. Später behauptete sie, jemand habe ihren Twitter-Account gehackt.

Italienischen Medien zufolge fühlt sich die 33-Jährige in die Affäre hineingezogen

Auf ihrer Facebook-Seite schreibt sie: "Ich bin kein Rabe, ich habe den Papst nicht verraten. Ich habe niemanden auch nur ein Dokument weitergegeben. Ich bin mir sicher, dass sich das bald aufklären wird, und habe volles Vertrauen in die Ermittler. Es gibt nichts, was ich mehr geliebt und verteidigt habe als die Kirche und den Papst. Nicht einmal meine Würde. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste."