Bild: Peter Steffen (dpa) / Karsten Würth (Unsplash), Montage: bento
Es wird Zeit für eine kritische Auseinandersetzung mit unseren Wünschen.

Kampftrinken ist zwar irgendwie stumpf, aber mit den richtigen Freunden macht es trotzdem unglaublich Spaß. Egal, ob man Handwerker oder Mathe-Doktorand ist, Vater oder Single ohne Nachwuchs: Am Vatertag findet man immer eine gemeinsame Linie. Man ist laut, stark, prollig und führt Smalltalk über Fußball und Autos, Hausbau und Brüste. Tausende Männer werden Tausende Kisten Bier trinken, in Büsche pinkeln, sich vielleicht sogar ein paar Zähne ausschlagen. So weit das Klischee einer typischen Bollerwagentour und ihren Teilnehmern. 

Wer den "Herrentag" mehr als einmal mitgemacht hat, stellt fest, dass viele von uns Männern aber tatsächlich auf dieser Karikatur namens "männlicher Mann" hängengeblieben sind. Auch in ihrem Alltag, im Job und bei der Familie. Denn eines der größten Probleme, das wir Männer heute noch haben, ist unsere zwanghafte Vorstellung davon, was "Männlichkeit" bedeutet.

Können wir den Vatertag nicht auch nutzen, um darüber nachzudenken? Weniger Fußball, mehr Gespräche über uns selbst?

Man kann vom Femismus halten, was man möchte. Neidisch anerkennen sollten Männer ihn aber auf jeden Fall. Denn nicht erst seit #Metoo machen sich Frauen Gedanken darüber, wer sie sein wollen und wie sie sich in einer (noch) von uns Männern dominierten Welt bewegen. Von ihnen gehen derzeit die Diskussionen um unsere gemeinsame Zukunft aus. Sie publizieren Bücher und Artikel, stehen einander auf Twitter zur Seite und gehen auf die Straße. Sie setzen sich mit ihrer Rolle auseinander und hinterfragen tradierte Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein haben.

Wie vereinbart man Karriere, Familie und Liebe? Sind die Vorstellungen eines "idealen Körpers" nicht vielleicht etwas menschenfeindlich? Wie schaffen wir es, Machtmissbrauch am Arbeitsplatz zu beenden? Wie schaffen es überhaupt mehr Frauen an die Macht? Wie gestalten wir die Welt so, dass sie fairer für alle wird? 

Von den Antworten auf diese Fragen profitieren nicht nur sie – sondern auch wir Männer. 

Frauen sind die Impulsgeberinnen für die Entwicklung der Gesellschaft. 

An vielen Bollerwagen werden Frauen heute auch Thema sein: Wer mal mit welcher geschlafen hat oder noch schlafen will, warum die Frau sich zu Hause wie ein Drache aufführt oder man eh keine Frau braucht. "Weiber, ne?" Ein bisschen Stromberg-Humor schweißt so manche lose Männerbekanntschaft zusammen. Gut, beim Weißwein auf der Terrasse diskutieren Frauen auch häufiger "Germany's Next Topmodel". Andernorts schaffen sie es trotzdem, ihren Forderungen nach Gleichberechtigung und Fortschritt Gehör zu verschaffen. (bento

Gerade erst bei der Europawahl wählten Männer merkbar häufiger Rechtspopulisten, die neben Fremdenfeindlichkeit auch auf traditionelle Rollen und die Frau am Herd setzen. (BZ) Viele Männer kämpfen so aktiv gegen den gesellschaftlichen Fortschritt, anstatt die Zukunft mitzugestalten. Wenn Männer sich in Feminismus-Diskussionen zu Wort melden, passiert das leider viel zu oft mit fortschrittsfeindlichen Pöbeleien statt mit Argumenten. Oder in Form von Mario-Barth-"Humor", der "seener Freundin dit so erklärt, dass sie dit ooch versteht." (Gründerszene)

Natürlich gibt es auch männliche Vordenker. Oder diejenigen, die am Weltfrauentag an der Seite der Frauen auf Demonstrationen gehen. Die anderen sind in der Masse aber meist lauter. Wo Männer tatsächlich über Männlichkeit diskutieren, passiert das meist nicht parallel zum Feminismus sondern entgegengesetzt. Auf archaischen Männerkongressen werden Esoterik, Dominanzgehabe und Frauenfeindlichkeit als Weg zu mehr Männerglück verkauft. In Männerrechts-Foren tauschen sie Hass aus, weil Frauen nicht (mehr) auf sie hören. (bento)

Anders als viele Frauen haben wir Männer es bisher nicht geschafft, eine Bewegung wie den Feminismus zu zu schaffen, in der wir unsere Rolle in der Gesellschaft reflektieren und neu definieren können. 

In der wir darüber nachdenken, wie Männer heute nicht nur sein müssen, sondern wer wir zukünftig sein wollen. 

Schwäche oder Fehlbarkeit zu zeigen, ist bis heute zum Beispiel eine große Hürde für die meisten von uns. Obwohl uns klar ist, dass wir darunter leiden. Wir fressen zu viel in uns hinein, statt mit offenem Dialog reagieren wir viel zu oft mit Frust, Wut oder Stille. Nach außen geben wir uns trotzdem stark, witzig, glücklich. 

Wir trauen uns selten, mit Freunden über wirklich ernste Themen zu reden. "Mein Vater ist gestorben, ich weiß nicht, wen ich um Rat fragen soll" oder "Ich habe Angst, meinen Job zu verlieren" würde kaum jemand aussprechen, selbst vor Freunden oder der Partnerin. 

Das ist auch, was Forschende mit "toxisch" meinen.

Ein ungesundes Verhalten, das in uns wütet, bis es uns umbringt. Wir Männer leben kürzer als Frauen, begehen häufiger Suizid, werden viel öfter als Frauen gewalttätig gegen uns und andere. Anstatt über körperliche Probleme, Ängste oder Stress zu reden, leiden wir.

Lasst uns endlich miteinander reden. Noch heute. 

Was wir Männer brauchen, ist eine eigene Diskussion darüber, wohin wir uns zukünftig entwickeln wollen: Ob wir Oberflächlichkeiten wie dicke Muskeln noch brauchen, um "ein Mann" zu sein? Wie wir unsere Rolle definieren, wenn immer mehr körperliche und gefährliche Jobs wegfallen und automatisiert werden? Wie wir ein sinnvoller Teil der Gesellschaft sein können? Wie wir es schaffen, in Zukunft glücklich zu werden? 

Zu jeder Zeit in der Geschichte waren sich die meisten Menschen sicher, alles zu wissen, was es zu wissen gibt. Rückblickend muss man darüber meist eher lachen. Bis vor hundert Jahren dachten Ärzte zum Beispiel noch, dass Frauen, die Lust auf Sex haben, krank sein müssen. Inzwischen wissen wir: Nein, da haben Ärzte einen Fehler gemacht. 

Hoffentlich dauert es bei uns Männern nicht so lange, bis wir merken, dass auch wir den Mund aufmachen können, um konstruktiv über die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann oder ein neues Männerbild zu sprechen. Die Aufbruchstimmung, die durch den Feminismus oder die LGBT-Bewegungen losgetreten wurde, darf auch uns Männer gerne ergreifen. Wir müssen nichts mehr sein, was wir nicht sein wollen.

Deine Freunde sind heute alle da, der Bollerwagen voller Bier steht bereit. Man muss ja nicht nur über Fußball und Brüste reden. 


Fühlen

Der Tag, an dem mein Vater starb, ist der Tag, an dem ich erwachsen wurde
"Bin ich jetzt der Mann im Haus?"

Väter sind eigenartige Geschöpfe: In einem Moment erscheinen sie wie allwissende Familienchefs, im nächsten sind sie unfähig, Nudeln zu kochen. Die einen reagieren manchmal streng, häufig stolz, für ihre Töchter und Söhne sind sie Vorbilder. Manche, so wie meiner, haben einen unerschöpflichen Fundus an guten Ratschlägen und schlechten Witzen. Kleine Hunde etwa nannte mein Vater auf der Straße laut "Nachtisch". Wie peinlich, dachte ich als Teenager. Jetzt fehlen mir seine Sprüche.  

Mein Vater war der beste Mann, den ich je kannte. An dem Tag als er starb, wurde ich schlagartig erwachsen. 

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch ein Baby war. Trotzdem gingen sie immer respektvoll und freundschaftlich miteinander um, telefonierten häufig und ließen mich entscheiden, wann ich bei wem sein wollte. Wenn ich mich an meinen Vater erinnere, dann denke ich zuerst an Sommerurlaube. Italienreisen mit dem Campingwagen, Baden in der Türkei oder in Griechenland. 50 Wochen im Jahr arbeitete er als Selbstständiger durch, er nahm sich nur frei, um Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Er sparte das ganze Jahr, um uns zu unterstützen. Bei ausgebliebenem Bafög und kaputter Waschmaschine hatte er immer eine Lösung parat. 

Wenn ich mal zwei Wochen lang nicht anrief, gab er sich beleidigt und lachte dann doch. Er nannte mich dann "Großer" – als ältestes von drei Kindern war das schon immer mein Spitzname, obwohl meine kleine Schwester mir schon mit 12 über den Kopf wuchs. 

Nachdem ich volljährig wurde, ging mein Vater mit mir gemeinsam in Kneipen und erzählte mir schon bald unnötig detaillierte Dating-Geschichten. Er respektierte mich wie einen Erwachsenen, wie einen Freund. Dabei blieb sein "Großer" der verwirrte und planlose Junge, dessen schimmliges Geschirr seine Mitbewohner in den Wahnsinn trieb. Der, der die frühe Vorlesung verpennte und seine Finanzen nie unter Kontrolle bekam. Und er blieb mein Vater, der auf alles eine Antwort hatte und mir aus jeder Patsche helfen würde. Ich war mir sicher, dass es immer so sein würde. 

Mit einem Zucken im Bein war er eines Tages zum Arzt gegangen, nach Hause kam er mit einem Hirntumor. 

Er besuchte mich in meiner Unistadt, um mir von der Diagnose zu erzählen. Wir saßen in einem Studentencafe, vor uns zwei Stücke Käsekuchen, die keiner anrühren wollte. Ich starrte den Kuchen an und wurde wütend. Wütend darüber, dass die Welt meinem Vater so etwas antat. Zu wütend, um zu weinen. 

Er sagte, dass er mir nun kein Geld mehr fürs Studieren zuschießen könne. Als ob mich das in diesem Moment interessiert hätte. Hatte er Angst? Wollte er ablenken? Glaubte er wirklich, dass alles wieder gut werden würde, so wie er mir versicherte? Ich traute mich nicht zu fragen. Der "Große" kleine Junge konnte nichts sagen. 

Es wurde nicht wieder gut. Operationen, Chemo und Bestrahlungen halfen nicht. Der Krebs lag zu dicht am Bewegungszentrum, die letzte verzweifelte OP zwang ihn in den Rollstuhl. Er wurde immer kleiner und dünner. Trotzdem wirkte er mit seinem Kampfgeist und seiner Willsensstärke größer, als die meisten es je sein werden. Wenn ich weinte, sagte er, es gebe keinen Grund zum Traurigsein. "Ich habe alles richtig gemacht im Leben." 

Und ich? Schämte mich, denn ich wusste zu oft nicht, was ich sagen sollte. Bei jedem Abschied wurde schmerzhaft deutlich, dass es der letzte sein könnte. Die Ärzte konnten nichts mehr tun, das wussten wir beide. Die Tür zu seinem Zimmer zu schließen, fühlte sich zunehmend wie Verrat an. Ich ging zurück in mein Leben, er blieb dort und wartete auf etwas Unbekanntes. 

Meine Besuche wurden seltener. Am Tag, an dem er starb, hätte ich das erste Mal seit zwei, drei Wochen wieder Zeit für ihn gehabt. Ich hatte gute Nachrichten, wollte ihm stolz von den ersten Tagen im neuen Job berichten. Vorher kam der Anruf aus dem Hospiz. 

Zwar hatte ich monatelang Zeit gehabt, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Trotzdem traf es mich, als würde ich das erste Mal von seiner Krankheit hören. Wenn ich an den Tag zurückdenke, ist da nur ein dumpfes Dröhnen. Zwar traf ich mich mit meinem Bruder, telefonierte mit der Partnerin meines Vaters. An keines der Gespräche kann ich mich erinnern. Den Rest des Tages funktionierte ich nur mechanisch, als erledigte jemand anders meine Aufgaben und ich wäre Beifahrer in meinem Körper. 

Nur ein Gedanke blieb: "Du bist jetzt der Mann im Haus." Ein bekloppter Gedanke. Denn erstens waren meine Eltern seit Jahrzehnten geschieden und hatten neue Partner und eine Partnerin gefunden. Zweitens hatten wir nie ein gemeinsames Haus. Drittens war ich schon lange ausgezogen. Und viertens waren sogar meine Geschwister inzwischen keine Kinder mehr. Und doch fühlte ich, dass sich etwas in der Wahrnehmung geändert hatte. Nicht für die anderen, sondern für mich. Ich wusste, dass ich nun Verantwortung übernehmen musste. Für andere? Wahrscheinlich. Für mich selbst? Auf jeden Fall.

Denn der Mann, auf den ich mich immer würde verlassen können, war weg. 

Wobei, nicht ganz. Ich erkenne ihn häufig in mir wieder. Wenn Menschen uns ein Leben lang begleiten, schauen wir uns unweigerlich etwas von ihnen ab. Seine größte Stärke in meinen Augen: Er war immer für andere da. Einmal, als es meiner Mutter schlecht ging, fuhr er zwei Stunden durch die Nacht, nur um sie und uns zu trösten. Ich wusste, dass er alles getan hätte, um seine Familie, um mich zu unterstützen. Eine Eigenschaft, die ich in den Jahren zuvor als ewig abgebrannter Student zu gerne und zu oft in Anspruch genommen hatte. 

Und ich wusste, dass dieser Teil meines Vaters in mir weiterleben sollte. Ich stürzte mich in den neuen Job und versuchte an diesem Tag, den faulen, verantwortungslosen Studenten durch den Mann zu ersetzen, auf den sich andere verlassen können. Ich nahm mir vor, erwachsen zu sein, weil er nicht mehr da war, um mich aufzufangen. 

Heute sage ich lieber Ja als Nein, wenn jemand Hilfe beim Umzug braucht. Es gibt kein schimmliges Geschirr mehr in der Küche, zwei Wochen vor Monatsende bin ich nicht mehr pleite. Wenn ich eine Frage zu "Erwachsenen-Themen" habe – egal ob kaputte Waschmaschine oder Steuererklärung – kümmere ich mich selbst darum. Wenn mir die Arbeit zu viel wird, mache ich sie trotzdem. Und wenn jemand Angst hat, nehme ich ihn in den Arm und versichere, dass alles gut wird. 

Väter sind eigenartige Geschöpfe. Wir sollten sie wertschätzen und von ihnen lernen, so lange wir sie haben. 

An dieser Stelle hat der Autor schon einmal über seinen Vater geschrieben.