Bild: Imago
Hey, sie war doch sowieso bewusstlos.
Triggerwarnung: Beschreibung sexualisierter Gewalt

Ich frage mich in letzter Zeit oft, ob ich auf diesem Planeten eigentlich richtig bin. Manchmal ist ein Kopfschütteln oder ein verzweifeltes Hand vor das Gesicht schlagen nicht genug. So auch heute.

Warum? Am vergangenen Donnerstag wurde ein amerikanischer Student vor Gericht für schuldig erklärt, eine betrunkene und bewusstlose Kommilitonin auf einer Verbindungsparty vergewaltigt zu haben. (Stanford Daily)

Nun hat sich der Vater des Verurteilten mit einem Brief an den Richter zu Wort gemeldet, bei dem man sich am liebsten übergeben möchte. Die Kurzzusammenfassung: "Ist doch nicht so wild". Aber dazu komme ich gleich.

Der Schuldspruch ist ein schlechter Witz

Die Staatsanwaltschaft forderte sechs Jahre Haft im Staatsgefängnis. Stattdessen wurde der Täter zu sechs Monaten im kleineren Gefängnis des Landkreises verurteilt und kommt aller Wahrscheinlichkeit bereits nach drei Monaten wieder frei. Die Begründung des Richters für seine Milde lautete, dass ein höheres Strafmaß ja total übertrieben wäre (Guardian).

Klar, besonders für so einen netten jungen Mann mit einer tollen Zukunft vor sich, wohlhabend und Mitglied des Schwimmteams - vielleicht sogar mit Chance auf Teilnahme an den Olympischen Spielen. Sportler werden an US-Colleges traditionell besonders vor juristischen Verfahren geschützt. (Mother Jones / Guardian)

Viele dieser Fälle kommen daher leider nicht ans Licht: Schätzungsweise 10 Prozent aller Studentinnen in den USA wurden auf dem Campus schon Opfer von sexuellen Übergriffen, nur 12 Prozent dieser Fälle werden am Ende vor Gericht verhandelt. (White House, PDF)

Die Opfer müssen sich bei der Polizei demütigenden Fragen aussetzen, à la "hast du sonst viel Sex" oder "was hattest du denn an dem Abend an". Ist Alkohol im Spiel, haben die Opfer noch weniger Chancen auf Gerechtigkeit. All das macht klar, in welche Richtung die Ermittlungen laufen und wer in den Augen der US-Polizei eigentlich selbst Schuld hat.

„"The stuff they say makes no sense. So no I don't always believe them and yeah I let them know that."“
Polizist in einer amerikanischen Abteilung für Sexualverbrechen

Der Höhepunkt in diesem unglaublich abstoßenden Morast von Männern, die das alles gar nicht so schlimm finden, wurde nun vom Vater des Täters markiert. In seinem Brief an den Richter erklärt er, dass er die Strafe für übertrieben hält, nur weil sein Sohn "20 Minuten Action" hatte. Das sei ja kein Grund, ihm den Rest seines Lebens zu versauen.

Die Leute verstehen es einfach nicht

Drei Seiten umfasst der Brief, auf denen er lang und breit erklärt, wie stark sich sein Sohn akademisch und sportlich engagiert hat. Wie schwer es ihm gefallen sei, sich in Stanford einzuleben, da er Heimweh hatte. Drei lange Seiten als Erklärung, wie schrecklich es seinem Sohn heute gehe, dass er seine Sorglosigkeit verloren habe und wenig essen würde. Drei Seiten - und kein Wort über das Opfer, das deutlich länger als ein paar Monate mit dem Vorfall zu kämpfen haben wird. Nur über seinen armen, armen Sohn.

Das ist die Welt, in der wir heute leben. Die Leute verstehen es nicht. Sie denken nicht mal daran, dass jemand anderem geschadet wurde. In ihren Augen kann der Mann nichts dafür ("Hey, er hatte ja auch Heimweh und stand unter einer Menge Druck!") und ansonsten ist die Frau eh selber Schuld. Soll sie halt nicht so viel trinken.

Niemand will eine Vergewaltigung erleben. Niemand will danach von Polizisten, Rechtsmedizinern und Gutachtern untersucht werden. Sich rechtfertigen, weil man einen Rock anhatte, oder weil man betrunken war. Seinen Eltern, Freunden, Partnern davon erzählen. Nach Zeugen suchen, die einem helfen können. Die Blicke der anderen auf dem Campus ertragen. Die höhnischen Kommentare in den sozialen Medien lesen. Mit Therapeuten sprechen und mit Anwälten, Monate später vor Gericht aussagen. Vor fremden Menschen wieder und wieder davon erzählen, was dir passiert ist, wie du dich gefühlt hast, nur um ein kleines bisschen Gerechtigkeit zurück zu bekommen.

Und niemand will dann am Ende hören, wie schlimm es eigentlich für den armen Täter ist, der jetzt auch noch dafür bestraft wird.

Behaltet solche bescheuerten Gedanken für euch. Lest das bewegende Statement der jungen Frau (PDF), die in dem Brief des Vaters keine Erwähnung gefunden hat. Und versucht dann noch einmal guten Gewissens, ihren Schmerz mit seinem aufzuwiegen.

„You don’t know me, but you’ve been inside me, and that’s why we’re here today. “

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