Bild: bento/Steffen Lüdke
Acht junge Menschen erzählen von ihren Utopien.

Wie soll Deutschland in Zukunft aussehen? Kaum ein Politiker entwirft wirklich große Ideen. Wo ist der Mut geblieben?

Bundespräsident Joachim Gauck hat deswegen 100 Menschen zwischen 15 und 25 Jahren ins Schloss Bellevue eingeladen. Kommen durfte nur, wer sich sozial und politisch engagiert. Seit September hatten die Teilnehmer in einem Online-Forum und in WhatsApp-Gruppen debattiert, Ideen gesammelt und sich gestritten. Auf dem Podium mit Gauck und Moderator Michel Abdollahi durften sie ihre Ideen endlich loswerden.

Gaucks Bitte:

"Utopien sind heute erlaubt, sogar ausdrücklich!"

Zeit zum Träumen also, die Teilnehmer hielten sich daran. Acht von ihnen haben wir gefragt, wie sie sich Deutschland im Jahr 2036 wünschen. Das sind ihre Utopien:

Phillip Walz, 23

Ob der Kollege jetzt Ali, Mohammed oder Josef heißt – völlig egal.

2036 müssen hoffentlich nicht mehr so viele Menschen flüchten, ihre Schule wechseln und eine völlig neue Sprache lernen. Aber wenn Flüchtlinge zu uns kommen, dann integrieren wir sie viel schneller als heute. Vor allem weil wir gar nicht mehr so viel darüber nachdenken.

Ob der Kollege jetzt Ali, Mohammed oder Josef heißt – völlig egal. Hautfarbe und Religion spielen keine Rolle mehr.

Yagmur Celik, 24

Niemandem wird das Medizinstudium verwehrt, nur weil er es sich nicht leisten kann, zu studieren.

In meinem Stadtteil von Hamburg wohnen viele eher ungebildete und arme Menschen. Gerade bekommen wir noch ein Flüchtlingsheim, es bilden sich Ghettos. Die Menschen dort haben nicht die gleichen Chancen wie in anderen Stadtteilen.

2036 ist mein Stadtteil viel durchmischter und jeder kann endlich die Ziele erreichen, die er sich setzt. Niemandem wird das Medizinstudium verwehrt, nur weil er es sich nicht leisten kann, zu studieren. Niemand sucht vergebens nach einem Arbeitsplatz, nur weil er keine guten Kontakte hat.

Auch Menschen, die noch kein Deutsch sprechen, wissen, welche Chancen sie hier haben – weil wir genug Menschen beschäftigen, die sich um sie kümmern.

Samim Noori, 24

Wir feiern zusammen Weihnachten – und auch das Zuckerfest.

Einwanderer werden 2036 ein ganz anderes, weltbürgerliches Deutschland erleben: Deutsche und Einwandererfamilien feiern zusammen Weihnachten und später zum Ende des Ramadan auch das Zuckerfest.

In 20 Jahren sitzen wir gemeinsam an einem Tisch – und sind viel stärker noch füreinander da als derzeit. Die Kulturen haben sich vermischt – und wir lernen endlich voneinander.


In der Fotostrecke: So stellt sich Joachim Gauck sein Land in 20 Jahren vor
"Pessimismus verbraucht so viel Energie. Und er schenkt selten neue Einsichten."
"Sie brauchen sich nicht zurückzuhalten, nur weil Sie hier im Schloss Bellevue und damit beim Bundespräsidenten sind."
"Dem Lebensgefühl der Älteren, der Orientierung am Status Quo und der Betonung von Risiken und Gefahren sollte jugendliche Frische als balancierendes Element gegenüberstehen."
"Die Politik muss die Interessen der Jüngeren vertreten und die Generationengerechtigkeit im Auge behalten, obwohl vor allem die älteren Jahrgänge für Wahlsiege sorgen können."
"Ich sehe eine Jugend vor mir, die Ideen und Energie hat, die anpacken will, die ihre Chance in dieser und für diese Gesellschaft sucht und einfordert."
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Linn Kreutschmann, 18

Niemand hält eine Frau mehr für eine Hilfskraft, obwohl sie die Chefin ist.

Frauen werden 2036 nicht mehr benachteiligt. Sie bekommen den gleichen Lohn wie Männer. Frauen können Karriere machen, wenn sie wollen – dann bleibt halt der Mann zu Hause.

Niemand hält eine Frau mehr für eine Hilfskraft, obwohl sie die Chefin ist. Gleichberechtigung ist Normalität geworden.


Kevin Siol, 23

Jeder Flüchtling weiß sofort, wie sein Schicksal aussehen wird.

Wer in 20 Jahren nach Europa flüchten muss, wird innerhalb von zwei Wochen in ein europäisches Land gebracht, in dem er auch bleiben darf, weil die Mitgliedsstaaten sich auf Quoten geeinigt haben.

Er kann sofort einen Sprachkurs machen und lernen, welche Werte im neuen Heimatland wichtig sind. Menschen helfen ihm, mit der Bürokratie klarzukommen: Er weiß, wie sein Schicksal aussehen wird und hat eine faire Chance, Staatsbürger zu werden.

Johanna Ulbricht, 19

In 20 Jahren engagieren sich viel mehr Menschen als heute. Das ist meine Utopie.

Seitdem ich angefangen habe, mich in geschichtlichen und religiösen Projekten zu engagieren, kann ich Anderen und mir besser Fehler zugestehen, bin viel lockerer und auch reifer geworden. Ich habe von Anderen gehört, wie sie sich die Welt vorstellen, wie sie leben wollen. Dadurch bin ich selbst auf neue Gedanken gekommen, die meine Lebensweise beeinflussen.

Eine Freundin macht gerade Gemeindearbeit in Estland und hat dort gelernt, dass sie nicht erst Dinge abschließen muss, um etwas Neues anzufangen. Wir müssen nirgendwo ankommen. Solche Erfahrungen machen in 20 Jahren noch viel mehr junge Menschen, weil sie sich persönlich engagieren. Das ist meine ganz persönliche Utopie.

Salome Wörner, 20

In 20 Jahren gehen die besten Lehrer selbst an die Uni und bilden neue Lehrer aus.

2036 gehen alle Schüler gern zur Schule, weil unsere Lehrer anders ausgebildet werden: Es halten nicht mehr nur irgendwelche Professoren die meisten Vorlesungen. In 20 Jahren gehen die besten Lehrer selbst an die Uni und bilden neue Lehrer aus.

Dann kämpfen sich die Schüler hoffentlich nicht mehr nur durch den Tag, sondern fühlen sich wohl. Und auch die Lehrer haben das Gefühl, dass sie etwas bewegen können. Wenn wir erst mal die Schule reformiert haben, wird Stück für Stück auch der Rest der Gesellschaft emphatischer und freundlicher.

Ayhan Boran Javuz, 18

Eigentlich müsste es ein europäisches soziales Jahr geben.

2036 fühlen wir uns als Weltbürger und Europäer. Eigentlich müsste es ein europäisches soziales Jahr geben. Vor dem Schulabschluss oder direkt danach fahren junge Menschen durch Europa – und danach können sie sich entscheiden, wo sie studieren oder arbeiten wollen.

Wie können wir denn von Europa reden, wenn wir in Frankreich und Spanien niemanden kennen? Wenn wir nicht wissen, wie es sich dort lebt? Wenn ich die Kultur woanders schöner finde, kann ich dort leben.

Ohne Probleme, ohne Pass, einfach so.


Lass uns Freunde werden!

Einfach mal machen? Diese Flüchtlingshelfer berichten, wie sie die Zeit am Hamburger Hauptbahnhof erlebt und die Erfahrungen sie verändert haben:
"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof.
Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt.
Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.
Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof.
Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte.
Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.
Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen."
"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich.
Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar.
Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.
Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.
Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann.
Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.
Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt.
Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem."
"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern.
Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar.
Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt.
Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern.
Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich.
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.
Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln.
Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen.
Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."
"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe.
An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.
Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen.
Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!'
Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.
Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert.
Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."
"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark.
Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch.
Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.
Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet.
In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich.
Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.
In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann.
Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.
Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht.
Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."
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