Bild: Jordan Thompson
Jordan Thompson ist Bürgerrechtler. Im Interview spricht er über sein Leben mit Rassismus – und einen Weg, ihn zu überwinden.

Am Montagabend wird George Floyd in der US-Stadt Minneapolis von einer Polizeistreife in Gewahrsam genommen. Ein Polizist kniet sich auf seinen Nacken, zehn Minuten lang wird George Floyd so zu Boden gedrückt. In einem Video, das die Szene zeigt, hört man ihn sagen, dass er keine Luft mehr bekommt. (SPIEGEL)

Kurz darauf wird im Krankenhaus der Tod des Mannes festgestellt. Das Video verbreitet sich im Netz, der Fall sorgt in den USA für Entsetzen. Erneut. Denn der brutale Einsatz ist kein Einzelfall, sondern nur das jüngste Beispiel für ein wiederkehrendes rassistisches Muster. 

In Minneapolis kam es daraufhin zu Ausschreitungen und Protesten. (SPIEGEL)

Wir haben den Bürgerrechtler Jordan Thompson gefragt, wie er als schwarzer Mann in den USA lebt, was sich ändern muss – und wie Weiße dabei helfen können.

Über den Interviewpartner:

Jordan Thompson, 21, setzt sich als Aktivist für die Rechte von Minderheiten ein. 2018 hatte er sich für die Demokraten um einen Platz im Repräsentantenhaus von New Hampshire beworben und nur knapp verloren. Für die Bürgerrechtsbewegung "American Civil Liberties Union" arbeitet er als Gleichstellungsbeauftragter.

Jordan auf Twitter: @jordansdiamonds

bento: Jordan, was kam dir zuerst in den Sinn, als du vom Tode George Floyds gehört hast?

Jordan Thompson: Seine letzten Worte – und zwar aus einem bestimmten Grund. George Floyd sagte: "Ich kann nicht atmen". Leider sind es genau die gleichen Worte, die Eric Garner 2014 sprach, als er unter genau den gleichen Umständen exzessiver Polizeibrutalität ums Leben kam. Das hat mir direkt wieder vor Augen geführt, dass staatliche Gewalt für schwarze Amerikaner allgegenwärtig ist. 

„Es sind nicht nur Eric Garner und jetzt George Floyd – Schwarzen passiert das seit der Gründung unserer Nation.“

bento: Zwischen beiden Fällen liegen sechs Jahre. Hat sich seither was geändert?

Jordan: Ja, wir haben jetzt mehr Smartphones. Diese Taten werden also immer sichtbarer. Es sind nicht nur Eric Garner und jetzt George Floyd – Schwarzen passiert das seit der Gründung unserer Nation. Aber dank Social Media kannst du dem nicht mehr entkommen. Es überwältigt mich, was mittlerweile auf Social Media zu finden ist. 

bento: Im Positiven oder im Negativen?

Jordan: Sowohl als auch. Für uns schwarze Amerikaner ist es traumatisierend, so etwas immer wieder zu sehen. Jemand bekommt von einem Polizisten das Knie in den Nacken gerammt, bis er erstickt. Das kann jedem von uns passieren, an jedem Ort, zu jeder Tageszeit. Diese Videos sind Teil unserer Identität, dringen in unsere Psyche ein, verursachen Albträume. Aber gerade weil es immer wieder neue Videos gibt, Woche für Woche, sind sie auch für das weiße Amerika ein Beweis, dass der Terror, den wir erfahren, real ist.

bento: Wenn du von Albträumen sprichst – dann heißt das, auch du persönlich fühlst dich bedroht?

Jordan: Selbstverständlich. Immer, wenn ich jemanden sehe, der so aussieht wie ich, und der von einem Polizisten ermordet wurde, dann rührt das tief in mir. Es war ein rassistischer Akt, es hätte auch mich treffen können. Ich lebe in einem Bundesstaat mit 90 Prozent weißen Mitmenschen. Als Schwarzer muss ich im Alltag permanent wachsam sein.

„Deine Hautfarbe ist dein Verbrechen.“

bento: Kannst du näher beschreiben, wie sich das äußert?

Jordan: Wenn ich zum Beispiel an einem Polizisten vorbeifahre, verkrampfe ich sofort. Ich fühle mich einer Gefahr ausgesetzt und versuche, besonders unauffällig rüberzukommen. Gerade jetzt, während der Coronakrise, gilt das noch mehr. Wir sollen alle Masken tragen. Wenn ich mit einer Maske in einen Laden gehe, glauben alle, ich will sie ausrauben – niemand kommt auf den Gedanken, dass ich nur einkaufen will. Ich muss also darauf achten, wie ich mich in der Öffentlichkeit bewege.

bento: Du fühst dich schuldig, ohne etwas verbrochen zu haben?

Jordan: Ja, das beschreibt es gut. Und dieses Schuldgefühl wird kollektiv vom schwarzen Amerika geteilt. Du hast nichts getan, aber fühlst dich so. Deine Hautfarbe ist dein Verbrechen.

bento: Die Erfahrungen, die du machst, teilten schon Generationen vor dir. Reden Eltern mit ihren Kindern darüber?

Jordan: Klar. Wir haben hier etwas, was wir "The Talk" nennen. Wenn du jung bist, setzen sich irgendwann deine Eltern mit dir auf die Couch und bereiten dich auf das Leben vor. Für schwarze Jugendliche gehört es dazu, Tipps zu bekommen, wie man sich unauffällig verhält: "Wenn dich eine Streife anhält, nimm beide Hände ans Lenkrad! Achte darauf, dass du so vorzeigbar wie möglich aussiehst! Versuche, so verletzlich wie möglich zu wirken, auf keinen Fall darfst du so aussehen, als könntest du eine Gefahr darstellen!" Das sind so die Tipps, die man bekommt, damit man nicht in den Nachrichten endet oder, du weißt schon, im Sarg.

bento: Wenn jungen Schwarzen beigebracht wird, sich so zu verhalten – wie kann sich dann was verändern? 

Jordan: Indem allen, nicht nur den Schwarzen, bewusst wird, dass sich etwas ändern muss. Wir haben Jahrzehnte des Völkermords, der Sklaverei und rassistischer Ideologie hinter uns. Die USA wurden auf Gräueltaten aufgebaut – aber auf der Weltbühne präsentieren wir uns als Verteidiger der Moral. Während andere Länder ihre Geschichte aufarbeiten, geschieht das in den USA nicht. 

Entsprechend wissen viele weiße Amerikaner noch heute nicht, dass sie Profiteure eines ungerechten Systems sind. Jeder einzelne weiße US-Bürger leistet einen Beitrag zu dieser Ungerechtigkeit, bewusst oder unbewusst. Der Rassismus hier ist systemisch.

„Weiße müssen die hässliche Vergangenheit unseres Landes endlich anerkennen.“

bento: Du hattest dich in der Vergangenheit selbst für ein politisches Amt beworben und die Wahl nur knapp verloren – jetzt klingst du, als könnte man nicht mal staatlichen Stellen vertrauen.

Jordan: Okay, lass mich ehrlich sein. (Jordan schweigt einen kurzen Moment) Als ich das gemacht habe, war ich sehr naiv. Ich hatte die Hoffnung, dass man rein ins System kann und es von innen heraus transformieren kann. Die Wahrheit ist aber: Wenn in einem System so viel Hass verwurzelt ist, wenn es auf Ausgrenzung erbaut wurde, dann geht das nicht so leicht. Ich musste mich also fragen, was ich als Einzelner bewirken kann.

bento: Und die Antwort?

Jordan: Nichts. Vielleicht hilft dieses Bild: Wenn du eine Blume pflanzen willst, aber die Erde ist vergiftet und der Samen ist verrottet – dann kann da nur etwas Hässliches erwachsen. Vielleicht reicht eine Anstrengung auch mal für ein einzelnes schönes Blütenblatt, aber das verwelkt auch wieder.

bento: Um im Bild zu bleiben: Können junge Schwarze überhaupt irgendwas tun, um die Erde sauber zu bekommen?

Jordan: Sie müssen sich vernetzen. Unsere Vorfahren hatten kein Social Media – und waren trotzdem stark genug, sich zu vernetzen und zu organisieren. Die haben scheinbar unüberwindbare Hindernisse gemeistert und viele kleine Kämpfe gewonnen, die heute in der Rückschau riesig wirken. Wir können das auch, indem wir uns genau auf diesen Mut besinnen.

bento: Und gibt es etwas, was junge Weiße tun sollten, um dabei zu helfen?

Jordan: Ja! Die USA brauchen eine Zeit des Eingeständnisses. Es gibt hier immer noch viel zu viele, die sich weigern, die hässliche Vergangenheit deses Landes anzuerkennen. Du hast vielleicht keinen Urgroßvater, der Sklaven hatte, aber dir sollte klar sein, dass du indirekt trotzdem noch immer von diesen Machtstrukturen profitierst.

Es gibt eine neue Generation junger, weißer Amerikaner, die damit sehr bewusst umgeht – und die für ein echtes Umdenken sorgen kann. Aber dafür müssen sie den Mund aufmachen. Sie müssen Verbündete werden, in den Kommentarspalten sichtbar werden. Manche mögen das verächtlich als Armlehnen-Aktivismus abtun. Aber das ist es nicht: Jenen, die unterdrückt werden, hilft jede Stimme.


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