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Rund um den Amoklauf entwickelt sich eine absurde Verschwörungstheorie.

Emma Gonzales und David Hogg haben überlebt. Als vergangene Woche ein 19-Jähriger durch ihre Schule zog und 17 Menschen tötete, kauerte Gonzales auf dem Boden des Auditoriums. Hogg versteckte sich in einer Toilette. Den Horror dieses Tages an der Parkland-Highschool in Florida werden sie wohl nie vergessen.

Doch was bleibt, ist auch Wut. Die beiden Jugendlichen haben inzwischen ihre Stimme erhoben: Sie haben Interviews gegeben, Reden gehalten, sind im Fernsehen aufgetreten. Sie fordern schärfere Waffengesetze, gar die Ausschaltung der mächtigen Waffenlobbyorganisation NRA.

Gonzales und Hogg sind für viele Opfer, Überlebende, die Gesichter einer neuen Protestbewegung.

Ihre Gegner sagen, sie sind Schauspieler.

In den USA passiert gerade etwas, dass es auch schon nach anderen Attentaten gegeben hat – nach dem Massaker in der Grundschule Sandy Hook, nach dem Massenmord in Las Vegas: Verschwörungstheoretiker behaupten, diese Taten seien inszeniert – oder zumindest die Überlebenden, die nun vor die Kameras treten, engagiert.

Es gibt diese abstrusen Theorien seit Jahren. 

Vor allem rechte Plattformen und Akteure schüren den Verdacht, irgendwelche Mächte würden derartig brutale Fälle vorgaukeln, um ihre politische Agenda voranzutreiben – etwa US-Präsident Donald Trump zu schaden oder härtere Regeln für die Waffenindustrie durchzusetzen. Damit verbunden ist auch die Vorstellung, dass die Vereinigten Staaten in Wahrheit überhaupt kein Problem mit Waffengewalt haben.

Früher waren das die Ideen einiger weniger Spinner – doch mittlerweile verbreiten sich die Verschwörungstheorien übers Internet rasend schnell.

Und sie treffen die beiden Schüler Hogg und Gonzales mit voller Wucht. Seit Tagen kursieren auf YouTube-Videos, die etwa Hogg als jemanden darstellen, der von Krise zu Krise eilt, um dort eine Rolle zu spielen. Einige dieser Filmchen wurden von Hunderttausenden Menschen gesehen. Als vermeintlichen Beleg präsentieren die Verschwörungstheoretiker etwa das Video eines TV-Senders, der Hogg im vergangenen Sommer an einem kalifornischen Strand zur Auseinandersetzung zwischen einem Rettungsschwimmer und einem Surfer interviewt hatte.

Andere wittern ein Manöver der Geheimdienste gegen Trump, weil Hoggs Vater früher beim FBI gearbeitet hat. Echte Beweise, dass all das etwas mit dem Attentat zu tun hat, gibt es natürlich nicht.

Die Angriffe auf Hogg und Gonzales nehmen zu. 

Schon Stunden nach dem Parkland-Massaker gab es etwa auf Forum "4chan" erste Beiträge, die die Berichterstattung über das Massaker infrage stellten. Kaum hatten sich erste Überlebende öffentlich geäußert, griffen andere Online-Dienste die skurrilen Zweifel auf. Die rechte Webseite Gateway Pundit nannte Hogg einen "Aktivisten", stellte das FBI-Emblem zu einem Foto von ihm – und schrieb dazu: "Enthüllt".

Schnell verbreitete sich das Gerede von "Krisenschauspielern" auch über die sozialen Netzwerke, auch über Social Bots wird laut Medienberichten Stimmung gemacht. Sogar Donald Trump Jr., der älteste Sohn des Präsidenten, verbreitete zwei Beiträge auf Twitter, die nahelegten, Hogg sei für seinen Vater im Einsatz.

Am Montag meldete sich ein Mitarbeiter des Republikaners Shawn Harrison bei einem Journalisten von Floridas größter Zeitung, der "Tampa Bay Times". Benjamin Kelly schrieb in einer E-Mail, die beiden Jugendlichen Gonzales und Hogg seien "keine Schüler hier, sondern Schauspieler, die zu verschiedenen Krisenorten reisen". Die Zeitung machte die Angelegenheit öffentlich, Kelly musste seinen Posten räumen.

Doch der Fall zeigt: Die gruseligen Gedankenspiele sind längst in der Politik angekommen.

Es geht auch anders:

Möglich gemacht haben das auch Männer wie Alex Jones. Der ultrarechte Moderator ist für seine hetzerische Propaganda berüchtigt. Sein Einfluss ist kaum zu unterschätzen, über seine Radio-Show und seine Webseite erreicht er Millionen von Amerikanern. Präsident Trump selbst schmeichelte ihm einmal: "Dein Ruf ist fantastisch."

Als 2012 der Täter bei dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Connecticut 20 Kinder, sechs Angestellte, seine Mutter und sich selbst tötete, sagte Jones: "Niemand ist gestorben." Die Eltern hätten den Tod ihrer Kinder inszeniert.

Was ist wahr, was nicht – vielen Menschen in den USA fällt es zunehmend schwer zwischen seriösen Berichten und Hetze zu unterscheiden. 

Laut Umfragen glaubt etwa die Hälfte der Amerikaner zumindest an eine Verschwörungstheorie. Noch immer kursiert etwa die Vermutung, die damalige Bush-Regierung stecke hinter den Anschlägen vom 11. September.

Emma Gonzales und David Hogg müssen nun mit den persönlichen Attacken umgehen – und sich sogar verteidigen. Er hasse es, sagte Hogg der "Washington Post". Aber das sei eben Teil der amerikanischen Demokratie. "Bin ich ein Schauspieler? Nein. Bin ich ein Zeuge? Ja."

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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Weinsteins Verteidiger fordern, dass das Verfahren eingestellt wird. Die Vorwürfe bezögen sich auf Ereignisse, die schon zu lange zurückliegen würden. Die Frauen hätten zudem keinerlei Beweise für ihre Behauptungen vorgelegt. (SPIEGEL ONLINE)