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Es war nie ein richtiger Friede – aber für Syrien trotzdem das hoffnungsvollste Abkommen nach mehr als fünf Jahren Krieg. Vor vier Wochen hatten die USA und Russland eine Waffenruhe im Bürgerkriegsland verhandelt. Der Deal sah ein Ende der Bombardements vor und wollte die syrischen Akteure miteinander ins Gespräch bringen (bento I).

Das ist nun gescheitert.

Washington hat das Abkommen mit Moskau aufgekündigt (BBC), das Leiden in Syrien geht weiter. Russland unterstützt den syrischen Machthaber Baschar al-Assad, die USA stehen auf Seiten der Rebellen.

Wie war es zum Bruch gekommen?

Die Feuerpause hielt für eine knappe Woche. Dann beendeten zwei Zwischenfälle die Ruhe: Mit den USA verbündete Kampfflieger bombardierten fälschlicherweise die Assad-Armee ("The Independent"), kurz darauf wurde ein Konvoi mit Uno-Hilfsgütern auf dem Weg nach Aleppo in Brand gesetzt (SPIEGEL ONLINE). Die USA gehen davon aus, dass Russland für den Angriff verantwortlich ist.

Beide Seiten beschuldigen jetzt die jeweils andere für das Chaos in Syrien:

  • Die USA sagen, Russland bombe das Land in Schutt und Asche.
  • Russland entgegnet, die USA tue nicht genug, um die Dschihadisten im Konflikt zu bekämpfen.

So begründen das US-Außenministerium seine Entscheidung:

"CoH" im Tweet steht für "cessation of hostilities" – Waffenstillstand.

Was bedeutet das für die Zukunft Syriens? Drei absehbare Folgen:
1. Der Bürgerkrieg wird noch Jahre andauern

Hauptziel Russlands ist es, den Diktator Assad an der Macht zu halten. Seit einem Jahr fliegt Russland daher an der Seite der Syrer Luftangriffe, mehr als 3800 Zivilisten sollen dabei getötet worden sein (bento II). Die USA hingegen wollen vor allem die Ausbreitung der Terrormiliz "Islamischer Staat" verhindern und stattdessen liberale Aufständische unterstützen.

Weder Russland noch die USA sind stark genug, der von ihr unterstützen Seite zum Sieg zu verhelfen. Aber sie sind mächtig genug, mit neuen Luftschlägen und Waffenlieferungen auszuhelfen. Keine Seite kann also gewinnen – aber jeder kann die jeweils andere Seite am Gewinnen hindern. Für Syrien bedeutet das eine Abwärtsspirale der Gewalt.

Das sind die Fakten zum Syrienkrieg:
Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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2. Die Menschenrechtslage wird sich drastisch verschlimmern

Kurz vor Abbruch der Gespräche hat Russland den USA gedroht: Sollten sie das Assad-Regime angreifen, würde das für die Region "schreckliche Verschiebungen" bedeuten (Russia Today). Das heißt, Moskau will Assad auf jeden Fall halten.

Der Diktator kann sich also sicher fühlen – egal, wie brutal er gegen sein eigenes Volk vorgeht. Für die Zukunft des Konfliktes heißt das: In Städten wie Madaja werden die Menschen weiterhin eingekesselt und ausgehungert, Aleppo wird weiter wahllos aus der Luft bombardiert, Gegner von Assads Kurs werden weiterhin in Foltergefängnisse gesperrt.

Hier berichten junge Syrer, wie sie den Krieg im Land erleben:

3. Irgendwann bleiben nur noch die Extremen übrig

Die andauernde Brutalität des Syrienkrieges bringt ein weiteres Problem mit sich: Als der Krieg vor mehr als fünf Jahren begann, setzen sich Familien und Studenten zur Wehr gegen syrische Soldaten, die Demonstrationen auflösten. Heute ist von den Rebellen nicht mehr viel übrig, vom syrischen Militär auch nicht.

Im Land kämpfen fast nur noch Söldner und Getreue des Diktators Assad, verschiedene Islamisten sind aus Dutzenden Ländern angereist. Mit all diesen Seiten wird sich kein Frieden verhandeln und auch kein Land aufbauen lassen. Die Reste der syrischen Zivilbevölkerung, darunter viele Kinder, wachsen so in ein Leben voller Gewalt hinein.

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