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"Obwohl der Rassismus subtiler geworden ist, schmerzt er nach wie vor"

Eine Bevölkerungsgruppe spielt im amerikanischen Wahlkampf eine besondere Rolle: die Millennials, also 18- bis 30-Jährige. Sie könnten die diesjährigen US-Präsidentschaftswahlen entscheidend beeinflussen: Die Tufts Universität hat errechnet, dass 11,2 Prozent der Millennials an den diesjährigen Vorwahlen in Iowa teilgenommen haben. Das war in dieser Altersgruppe die höchste Wahlbeteiligung in den vergangenen zwanzig Jahren.

Wer sind die Millennials? 

Aktuell leben 11,3 Millionen schwarze Millennials in den USA. Als Millennials beschreibt man die Generation, die um das Jahr 2000 Teenager war. Diese Gruppe ist mit 81,3 Millionen Menschen die aktuell größte Generation der USA. Laut einer Studie des Weißen Hauses sind 58 Prozent der Millennials weiße Amerikaner, 21 Prozent Lateinamerikaner, 14 Prozent schwarze Amerikaner und sechs Prozent Asiaten.

"Guardian"Dabei engagieren und interessieren sich besonders die afro-amerikanischen Millennials politisch. Hier sind die vier wichtigsten Gründe:
1. Weil sie unter Polizeigewalt leiden

Laut einer Zählung des "Guardian" wurden im vergangenen Jahr insgesamt 1134 Menschen von der Polizei erschossen – davon 303 Schwarze. Immer wieder protestierten in der Vergangenheit deswegen Amerikaner gegen Polizeigewalt, zum Beispiel als im Sommer 2014 in Ferguson der 18-jährige Schwarze Michael Brown durch mehrere Schüsse eines Polizisten starb.

2. Weil sie häufiger arbeitslos sind

Das Magazin "The Atlantic" beschreibt, dass im Jahr 2013 12,4 Prozent der schwarzen Hochschulabsolventen zwischen 22 und 27 keinen Job hatten, aber nur 5,6 Prozent der gesamten Hochschulabsolventen in dieser Altersklasse.

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3. Weil sie weniger verdienen

Im Durchschnitt verdienen junge afro-amerikanische Männer etwas mehr als 17.200 Euro im Jahr, afro-amerikanische Frauen 16.200 Euro. Als Vergleich: Weiße Männer in dem Alter verdienen 4.400 Euro mehr, weiße Frauen 4.300 Euro pro Jahr.

4. Weil sie hoffen

Das Black Youth Project Chicago hat in einer Studie herausgefunden: 71 Prozent schwarzer Millennials (und 52 Prozent der weißen Millennials) glauben, dass sie durch politischen Aktivismus ihre Situation verbessern können.

Wir haben schwarze Millennials gefragt, was sie sich von den Wahlen erhoffen.
(Bild: Lia Maiello)
Stephanie, 25, Sozialarbeiterin

Für mich ist Gentrifizierung eines der dringendsten Probleme der Stadt. Viele meiner Freunde müssen New York verlassen und ziehen nach Upstate New York. Dort ist das Leben billiger.

Neben den Wohnproblemen kämpfen viele junge Afro-Amerikaner mit der Rückzahlung von Studienkrediten. Ich habe glücklicherweise keine horrenden Schulden, da ich zum Studium ein Stipendium bekommen habe.

Aber ohne die Hilfe unserer Eltern könnte ich mit meinem Verlobten und unserem vierjährigem Sohn nicht leben. Staatliche Unterstützung gibt es kaum. Ich arbeite für eine gemeinnützige Organisation in der Bronx, die ehemaligen Häftlingen hilft, wieder einen Job zu bekommen.

(Bild: Getty Images / Andrew Burton)

Das besondere an den Wahlen in diesem Jahr ist, dass wir zu viel Energie verschwenden, nur damit Donald Trump nicht Präsident wird. Anstatt echte Alternativen zu haben. Alle anderen Kandidaten sind meiner Meinung nach mittelmäßig.

Ich würde für Bernie Sanders stimmen, wenn er zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gewählt wird. Nicht, weil er mich überzeugt, sondern weil ich keine Alternative sehe. Sanders kümmert sich wenigstens um Themen wie Masseninhaftierung, die besonders junge, schwarze Männer trifft. Sanders könnte da weitermachen, wo Obama aufgehört hat.

(Bild: Lia Maiello)
Maximo, 25, Näher

Wenn ich etwas in den USA ändern könnte, dann die Möglichkeiten zur Reintegration von ehemaligen Strafgefangenen. Einige von uns wollen wählen und können nicht, weil sie Vorstrafen haben.

Ob ich wählen gehen werde, weiß ich noch nicht. Ich interessiere mich nicht für Politik. Aber ich mag Hillary Clinton. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie mich und meine Interessen repräsentiert.

Präsident Obama finde ich ziemlich cool. Er hat viel für Afro-Amerikaner in den USA getan. Er hat Themen angepackt: die Gesundheitsreform oder die Reform des Bildungs- und Justizsystems.

Ich selbst fühle mich auch von der Organisation Black Lives Matters repräsentiert. Sie kümmern sich um das Thema Gewalt gegen Afro-Amerikaner. Ich habe leider schlechte Erfahrungen mit Polizeibrutalität machen müssen.

Wen wählen schwarze Millennials?

Die meisten schwarzen Millennials stehen den Demokraten näher als den Republikanern. Viele waren mit der Präsidentschaft von Barack Obama zufrieden.

Robert George, afro-amerikanische Kolumnist der "New York Post", erklärt: "Viele denken ja, dass weniger schwarze Millennials als 2012 bei Obama wählen gehen werden." Er sieht das anders: "Viele junge Schwarze wollen die Arbeit des Präsidenten Obama von einem anderen demokratischen Kandidaten vollendet sehen."

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Juliana, 21, Politikwissenschaftsstudentin

Ich bin politisch engagiert. Ich kenne alle Kandidaten und weiß, wer von ihnen unfassbare Dinge sagt und wem man glauben kann. Ich würde Bernie Sanders wählen. Er spricht die für mich wichtigen Dinge offener an.

Ich fürchte, viele Afro-Amerikaner denken, ihre Stimme zähle nicht. Besonders junge Frauen an meiner Universität, der Rutgers Universität in New Jersey, engagieren sich wenig politisch. Vielleicht liegt das politische Desinteresse aber auch am mangelndem Verständnis.

Black Lives Matter ist für mich eine Art moderne Bürgerrechtsbewegung. Sie ist notwendig in den USA. Obwohl der aktuelle Rassismus subtiler geworden ist, schmerzt er nach wie vor.

(Bild: Lia Maiello)
Andrew, 27, Anwalt und Organisator "Harlems junge Professionelle und Entrepreneure"

Wir schwarzen Millennials haben andere Probleme als weiße oder lateinamerikanische Millennials. Wir kämpfen besonders mit Polizeibrutalität, Masseninhaftierung und überteuerten Mieten.

In Amerika werden immer noch Leute auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Geschlechtes oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. Wir Afro-Amerikaner fühlen uns nicht gleichberechtigt in den USA. Das System ermöglicht uns nur relative Gleichheit, keine absolute.

In den vergangenen acht Jahren unter Obamas Präsidentschaft gab es aus Sicht vieler schwarzer Amerikaner aber auch Fortschritte – bei der Strafjustiz, dem Gesundheitssystem oder bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Doch natürlich darf man nicht glauben, dass sich alle Probleme der Afro-Amerikaner mit einem schwarzen Präsidenten lösen würden.

Für mich persönlich war Präsident Obama ein Glücksfall. Ich finde, er hat die Anliegen der Afro-Amerikaner gut vertreten. Er war bis jetzt der einzige Präsident, der sich wirklich mit den Problemen junger schwarzer Männer identifizieren konnte. Wahrscheinlich kennt er das Gefühl, wenn man in ein Restaurant kommt und die Leute einen komisch anschauen.

Durch die guten Erfahrungen, die schwarze Amerikaner mit Obama gemacht haben, werden viele auch in diesem Jahr die Demokraten wählen, glaube ich. Die Republikaner hingegen nehmen sich unserer Probleme nicht an. Viele junge Afro-Amerikaner können mit den republikanischen Kandidaten nicht viel anfangen – allen voran Donald Trump.

(Bild: Lia Maiello)
Bianca, 25, Friseurin

Ich wähle nie. Ich habe die Hoffnung verloren, dass sich irgendetwas zum Vorteil von Minderheiten in diesem Land ändert. Aber wenn ich wählen würde, würde ich die Demokraten wählen, denn ich mag unseren Präsidenten Obama.

Ich lebe als alleinerziehende Mutter in der Bronx, meine Tochter ist fünf Jahre alt. Im Salon "Carols Daughter" in Harlem arbeite ich als Friseurin. Nebenher nehme ich jeden freien Auftrag an, den ich bekommen kann.

Ich habe das Glück, dass der Vater meiner Tochter auch arbeitet und uns unterstützt. Sonst wäre es schwierig, über die Runden zu kommen. Auch in der Bronx steigen die Mieten, Gentrifizierung ist ein großes Thema.

Ich engagiere mich ehrenamtlich für Kinder in der Nachbarschaft. Nicht nur meine Tochter soll eine bessere Zukunft haben, sondern möglichst viele Kinder.

(Bild: Lia Maiello)
Andre, 27, Direktor für politische Strategie, Junge Demokraten New York City

Es scheint so, als ob sich schwarze Millennials besonders in New York stark engagieren. Natürlich weiß man nie, ob die Freiwilligen dann auch wählen gehen. Aber ich finde es ein gutes Zeichen, dass sich viele einmischen. Auch wenn freiwilliges Engagement oder Praktika in schwarzen Familien oft noch wenig gefördert wird. Einige können es sich auch einfach nicht leisten, umsonst zu arbeiten.

Ich selbst bin seit zwei Jahren politisch aktiv. Mein Ziel ist es, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Ich will der Allgemeinheit dienen, das macht mich zufrieden.

Der jetzige Präsident Obama hat gute Arbeit geleistet. Er hat sich wirklich bemüht, Dinge zu verändern. An die Republikaner glaube ich nicht, sie repräsentieren uns nicht.

Rassismus in Amerika ist heute subtiler als in den Sechzigerjahren. Aber die Menschen haben immer noch Vorurteile. Einige Amerikaner denken wirklich noch, dass Afro-Amerikaner weniger intelligent sind als Weiße.

Deshalb muss man sich gegen Rassismus wehren. Die Black Lives Matter-Bewegung ist mir persönlich jedoch zu extrem. Ich verstehe die Botschaft, aber es gibt diplomatischere Wege, sich einzubringen. Beispielsweise indem man sich um politische Ämter bewirbt.

(Bild: Lia Maiello)
Armani, 19, Aktivistin

Ich stamme aus Harlem und dort versuche ich, meine Nachbarn zum Wählen zu animieren. Ich spreche besonders Leute aus den ärmeren Teilen Harlems an. Die Leute sind dort oft weniger gebildet und informieren sich nicht genug.

Harlem ist in einer großen Umbruchsphase. Wegen steigender Mieten sind viele Alteingesessene des Viertels gezwungen wegzuziehen. Besonders für die Älteren ist das hart. Manche von ihnen leben in Obdachlosenunterkünften, ziehen nach New Jersey oder landen auf der Straße.

Ich mag den Demokraten Bernie Sanders und engagiere mich für ihn. Er ist schon lange in der Politik und wäre ein guter Präsident. Der jetzige Präsident Barack Obama hätte die Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner stärker verfolgen müssen. Ich hätte mir gewünscht, er würde entschlossener handeln.

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Anmerkung: Die Zahl der von der Polizei erschossenen Menschen haben wir korrigiert. Ursprünglich war nur die Gesamtzahl angegeben. Wir bitte, den Fehler zu entschuldigen. (2. März 2016)

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