Bild: Unsplash

Ein Mann kniet sich im Supermarkt neben eine Frau, als würde er etwas aus dem unteren Regalfach nehmen. Während sie sich ihrem Einkauf widmet, schießt er schnell und heimlich ein Foto – unter ihrem Rock

Solche und ähnliche Situationen kennen viele Frauen; auf Youtube gibt es Videos, die Männer beim Upskirting zeigen, und leider auch Videos von Opfern des sogenannten Upskirtings, ganze Filme, in denen die Smartphone-Kamera Frauen verfolgt und versucht, ihren Intimbereich zu fotografieren. 

Wenn jemand heimlich Fotos vom Intimbereich einer anderen Person macht, klingt das erstmal, als sei es strafbar. Doch das ist oft nicht der Fall: Upskirting, also das voyeuristische Fotografieren unter den Rock einer Frau, wird vom deutschen Strafrecht nicht abgedeckt. Das wollen zwei junge Frauen ändern.

Wie ist die Rechtslage zu Upskirting?

Seit 2014 gibt es in Deutschland den Paragrafen 201a im Strafgesetzbuch zur "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen". Allerdings sind demnach heimliche Aufnahmen nur dann strafbar, wenn sie in privaten oder geschlossenen Räumen aufgenommen werden – zum Beispiel in Wohnungen, auf öffentlichen Toiletten oder in Umkleidekabinen – und auch dann meist nur, wenn sie an Dritte weitergegeben werden. 

Wenn einem also jemand auf der Straße oder auf einem Konzert unter den Rock fotografiert und das Bild einfach behält, ist dies vom Strafrecht nicht abgedeckt. Es verstößt damit zwar immer noch gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht, kann aber eben strafrechtlich nicht ohne weiteres geahndet werden.

Ein Beispiel:

2013 gab es einen Prozess gegen den damaligen Bürgermeister einer bayrischen Kleinstadt. Er hatte sich auf Rolltreppen hinter Frauen gestellt und ihnen unter den Rock fotografiert. Man fand knapp 100 solcher Fotos in seinem Besitz. Er wurde am Ende nicht nach dem Strafrecht verurteilt, sondern nur wegen einer Ordnungswidrigkeit: Belästigung der Allgemeinheit, 750 Euro Strafe. (Augsburger Allgemeine)

In diesem Youtube-Video erklärt der Kölner Rechtsanwalt Christian Solmecke die Rechtslage des Falls und zum Upskirting generell.

In Großbritannien wurde Upskirting hingegen gerade verboten.

Seit dem 12. April fällt es in England und Wales nun unter das Sexualstrafrecht, unbefugte Aufnahmen der Intimsphäre einer anderen Person zu machen (in Schottland war das bereits der Fall). Tätern drohen bis zu zwei Jahren Haft. (Guardian)

Auf die Idee für das Gesetz ist die Politik allerdings nicht von selbst gekommen: Sie kam von der Autorin Gina Martin. Die 27-Jährige hat Upskirting selbst auf einem Festival erlebt und merkte danach, dass sie keine rechtlichen Möglichkeiten hatte, gegen den Täter vorzugehen. Also startete sie eine Petition und boxte das Thema bis zu einem Gesetzesentwurf durch. (bento)

Kommt das Upskirting-Verbot nun auch in Deutschland?

Den Erfolg in Großbritannien nehmen sich nun zwei junge Frauen in Deutschland zum Vorbild. Wir haben mit TV-Redakteurin Ida Sassenberg, 25, und Regiestudentin Hanna Seidel, 28, über ihre Petition gegen das Upskirting gesprochen.

Ida (links) und Hanna (rechts) wollen, dass Deutschland es Großbritannien gleichtut und Upskirting verbietet.

(Bild: Robert Haas / Simona Bednarek)

Eine von euch hat selbst Erfahrungen mit Upskirting gemacht. Kannst du davon erzählen?

Hanna: "Mir ist es zwei Mal passiert – mit 13 und 16 Jahren. Das erste Mal war ich auf Klassenfahrt. Wir waren in einer Art Disko, es gab keinen Alkohol, aber alle konnten tanzen. Wir Mädels hatten kurze Röcke an, weil es total warm und natürlich auch cool war. Später haben wir erfahren, dass dort Lehrer einer anderen Schule mit Kameras unter die Röcke der Mädchen gefilmt haben. Das war einfach super verstörend und traumatisierend. Ich hatte das komplett verdrängt, bis meine Mutter beim Start der Petition sagte: 'Cool, dass du das machst, dir ist das ja auch mit 13 passiert.' 

Das zweite Mal, mit 16 Jahren, ist mir noch relativ präsent, weil ich mich da besser wehren konnte. Ich war mit zwei Freunden auf einem Gothic-Festival und einer von ihnen machte mich darauf aufmerksam, dass mir ein Typ unter den Rock fotografierte."

„Als ich nach hinten guckte, sah ich, wie er mir das Handy unter den Rock hielt.“
Hanna Seidel

Wie ging die Situation auf dem Festival weiter?

Hanna: "Ich bin dann zu dem Typen gegangen und habe ihn aufgefordert, das Bild zu löschen. Da ist er fast handgreiflich geworden, hat mir Schläge angedroht und gesagt, wenn ich so ein billiges Flittchen sei und so einen Rock trage, dann müsste ich auch damit leben, dass ich darunter fotografiert werde. Ich würde es schließlich so wollen.

Wenn man so etwas als 16-jähriges Mädchen hört, tut das natürlich weh. Ich war zwar wütend auf ihn, trotzdem fühlte ich mich erst einmal sehr schmutzig, was natürlich aus heutiger Sicht betrachtet blöd ist, weil es seine Schuld war. Ich hatte nichts falsch gemacht. Trotzdem habe ich danach einige Jahre keine Röcke mehr getragen, obwohl ich das normalerweise sehr gern tue."

Das Ganze liegt nun schon zwölf Jahre zurück. Wie kam es dazu, dass ihr gerade jetzt zusammen die Petition gestartet habt?

Hanna: "In den Artikeln über die Gesetzesänderung in England stand immer, dass sie durch eine Petition erreicht wurde und dass Upskirting in Deutschland immer noch nicht verboten ist. Ich dachte also: Dann unterschreibe ich doch kurz eine Petition dagegen. Als ich dann gegoogelt habe, fand ich kaum etwas dazu. Also habe ich es mit Ida zusammen selbst in die Hand genommen."

Ida: "Obwohl ich zum Glück noch nie Upskirting erlebt habe, war ich sofort dabei. Denn egal, ob Opfer oder nicht: Das kann einem nicht egal sein. Dafür ist das Thema zu penetrant eindeutig. Ich sehe da wirklich kein einziges Gegenargument. Lass uns einfach Leuten nicht unter den Rock fotografieren, okay? Können wir uns darauf bitte alle einigen?"

Hanna: "Rechtlich ist es so lächerlich! Weißt du, wofür du als Upskirting-Täter in Deutschland am ehesten bestraft wirst? Wenn es um die allgemeine Belästigung der Öffentlichkeit geht. Wenn also eine dritte Person sieht, wie du einer Frau unter den Rock fotografierst und diese Person sich davon belästigt fühlt. Das ist doch krank!"

Welche Reaktionen habt ihr auf die Petition bekommen?

Ida: "Die Hauptreaktion war die gleiche, die wir selbst hatten, nämlich: Ach krass, das ist nicht strafbar?! Deswegen ist es für uns das Wichtigste, erst einmal ein Problembewusstsein bei den Menschen zu schaffen."

Die Petition hat bisher knapp 16.000 Unterschriften. Was ist euer Ziel?

Hanna: "Erst mal brauchen wir Unterschriften und medialen Druck, um dann Bundesjustizministerin Katarina Barley und am besten auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey an einen runden Tisch zu bekommen und gemeinsam mit Juristen über einen möglichen Gesetzesentwurf zu sprechen."

Ida: "Wir haben einander versprochen: Wir kämpfen das durch. Keine von uns wird in der Mitte sagen: Schade, hat nicht geklappt. Wir hängen uns da jetzt rein, auch wenn es Jahre dauert – wir sind ja noch jung und powern das so lange durch, bis es ein Gesetz gibt."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Upskirting sei in Deutschland nicht illegal. Richtig ist: Upskirting ist in Deutschland nicht strafbar.


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