"Das hat uns bewusst gemacht, wie wertvoll unsere Demokratie ist"

Im April machte Großbritannien sogenanntes Upskirting, also das Filmen oder Fotografieren unter den Rock, strafbar – nach der Kampagne einer jungen Frau, die selbst in der Vergangenheit davon betroffen war. Die Nachricht wurde auch von deutschen Medien aufgegriffen. Meist mit dem Hinweis versehen, dass auch hierzulande niemand dafür bestraft werden könne, solange die Aufnahmen im öffentlichen Raum getätigt werden.

Seit 2014 gibt es in Deutschland den Paragrafen 201a im Strafgesetzbuch zur "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen". Heimliche Aufnahmen sind demnach nur dann strafbar, wenn sie in privaten oder geschlossenen Räumen aufgenommen werden – zum Beispiel in Wohnungen, auf öffentlichen Toiletten oder in Umkleidekabinen – und auch dann meist nur, wenn sie an Dritte weitergegeben werden. Wer bisher also jemanden auf der Straße oder auf einem Konzert unter den Rock fotografiert und das Bild behält, macht sich damit nicht strafbar – sondern begeht meist nur eine Ordnungswidrigkeit. (bento

Als die heute 29-jährige Hanna Seidel von der Kampagne in Großbritannien erfuhr, wollte sie selbst aktiv werden. In ihrer Jugend wurde ihr selbst zweimal unter den Rock gefilmt – ohne Konsequenzen für den Filmenden. Gemeinsam mit Ida Sassenberg, 26, startete sie eine Petition.

Mehr als 100.000 Menschen unterschrieben in den folgenden Monaten. Am Mittwoch hat die Bundesregierung beschlossen, dass Upskirting künftig strafbar sein soll – mit bis zu zwei Jahren Haft. Das gleiche soll für das Aufnehmen und Verbreiten von Fotos von Unfallopfern gelten. (taz)

Wir haben mit einer der beiden Initiatorinnen, Ida Sassenberg, darüber gesprochen wie viel Arbeit hinter ihrer Petition steckt. 

(Bild: privat)

bento: Wie war es, als du gehört hast, dass die Bundesregierung "euer" Gesetz beschlossen hat. Wie hat sich das angefühlt?

Ida Sassenberg: Wir waren komplett überrascht und hatten überhaupt nicht damit gerechnet, dass das so schnell passiert. Das ist genau das, wofür wir gearbeitet haben und was wir von Anfang an wollten. 

bento: Ihr habt die Petition im April gestartet, schon bald wird Upskirting wohl strafbar sein. Gibt euch das auch Vertrauen in die Demokratie?

Ida: Absolut. Dass du als Normalbürgerin ohne Partei im Rücken so viel bewegen und sogar Gesetze auf den Weg bringen kannst, hat uns bewusst gemacht, wie wertvoll unsere Demokratie ist. Genauso wie die Pressefreiheit: Ohne die breite Berichterstattung wären wir nie so weit gekommen. Wenn es um Politik geht, entsteht häufig dieses Gefühl von – was kann ich als Einzelner schon erreichen? In unserem Fall haben sich 100.000 Einzelne zusammengetan. Und plötzlich merkst du: Da geht sehr wohl was.

bento: Wie viel Arbeit steckte für euch dahinter?

Ida: In der ersten Zeit haben wir täglich vier bis fünf Interviews geführt. Das mussten wir erstmal mit unserem Privat- und Berufsleben zusammenbringen. Außerdem waren wir mit Unterstützern in Kontakt und haben beobachtet, was in der aktuellen Politik passiert. Das Gute ist, dass wir beide aus Medienberufen kommen und wissen, wie man mit Pressearbeit Aufmerksamkeit erregt. Irgendwann kam aber der Punkt, an dem wir uns politisches und juristisches Know-how aneignen mussten.

bento: Einfach eine Petition aufsetzen und dafür sorgen, dass sie bekannt wird, reicht also nicht.

Ida: Absolut nicht. Die Aufmerksamkeit hilft natürlich, aber wenn es ernst wird, musst du wissen, wovon du redest. Dafür muss man kein Jurist sein, aber die Paragrafen sollte man kennen. Und man muss natürlich den Willen haben, dranzubleiben.

bento: Sind auch Politikerinnen und Politiker auf euch zugekommen?

Ida: Tatsächlich ist Guido Wolf, der Justizminister von Baden-Württemberg auf uns zugekommen. Er hat sich relativ schnell öffentlich geäußert und uns eingeladen. Die Bundesjustizministerin hatten wir mehrmals gebeten, sich mit uns zu treffen, das hat letztlich auch geklappt. 

bento: Gab es auch negative Reaktionen auf die Petition?

Ida: Ja, natürlich. Einerseits Fragen wie "Gibt es nichts Wichtigeres?", andererseits einfach nur Hasskommentare. Ich sage nur so viel: Sie können sich nie entscheiden, ob du eine "Schlampe" oder komplett "untervögelt" bist. Es ist sehr verwirrend. Aber das fällt so oder so in die Kategorie "Papierkorb".

Wenn du als Frau in der Öffentlichkeit stehst und eine klare Meinung vertrittst, dann kannst du allein dafür mit Hasskommentaren rechnen. Dazu braucht es keinen Themenschwerpunkt. Das haben wir dann ausgeblendet. Wenn wir anfangen, uns da einschüchtern zu lassen, können wir gleich alles sein lassen.

bento: Hat euch dieser große Erfolg euch jetzt etwas angefixt, noch mehr politisch aktiv zu werden?

Ida: Ich glaube, dass wir die nächsten Monate erst einmal ein bisschen durchatmen werden. Aber das Thema Upskirting kam ja nicht von ungefähr. Hanna und mir sind gesellschaftliche Veränderungen, insbesondere Frauenrechte sehr wichtig. Also fällt uns bestimmt bald etwas Neues ein.

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Gerechtigkeit

Überbevölkerung: Was Rassismus, Sexismus und die Klimakrise mit dem Wort zu tun haben
Je mehr Menschen, desto schlechter für die Erde?

Menschen zerstören den Planeten. Und spätestens seit die Klimakrise so viel Aufmerksamkeit bekommt, scheint man sich einig: Je mehr Menschen, desto schlechter ist das für die Erde. 

Dabei ist die reine Zahl nicht das Problem. Und sie wird benutzt, um sexistische und rassistische Argumente zu rechtfertigen.

Die Angst vor der Überbevölkerung ist nicht neu: 1798 wurde sie vom britischen Ökonomen und Pastor Thomas Malthus erfunden. Er sagte Krankheiten, Hunger und Verderben in ungekanntem Ausmaß voraus. Seither von der Geschichte widerlegt: Bis vor drei Jahren wuchs die Weltbevölkerung, während beispielsweise die Zahl der Hungernden, kontinuierlich sank. Seit 2016 steigt sie wieder (FAO).

Trotzdem starrt man jedes Jahr wieder auf die Zahl der Menschen auf dem Planeten, als sei sie ein Countdown – als würde die Erde aus dem Sonnensystem fallen, wenn acht Milliarden Menschen erreicht sind. Oder neun. Oder zehn.

Im Kampf gegen die "Überbevölkerung" wurden grausame Verbrechen begangen: 

1969 wurde der Weltbevölkerungsfonds mit der Maßgabe gegründet, die "Bevölkerungsexplosion" zu stoppen. Dabei wurden viele staatliche Programme "rigoros und nicht selten unter Missachtung von Menschenrechten" durchgeführt. (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen)

Die Angst vor Überbevölkerung führte, häufig gepaart mit regionalem Rassismus, unter anderem zu Zwangssterilisation und zur "Ein-Kind-Politik". Hinter jedem dieser Worte verbergen sich Tausende Schicksale. 

Noch 2014 starben beispielsweise 15 Frauen in einem staatlichen Sterilisationscamp in Indien (BBC). Und bis heute glauben manche, Kinderleben in armen Ländern zu retten würde zu Überbevölkerung führen und den Planeten weiter in Gefahr bringen. Spoiler: Das Gegenteil stimmt. Je weniger Kinder sterben, desto weniger Kinder bekommen Frauen, hier ausführlich erklärt vom Entwicklungsexperten Hans Rosling: