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Eine exklusive bento-Recherche über dubiose "Ratgeber"-Texte auf der offiziellen Homepage der Hochschule.

Vom richtig ausgefüllten Bafög-Antrag über die korrekt zititerte Hausarbeit bis zum Streit mit dem WG-Mitbewohner – es gibt immer wieder größere und kleinere Probleme, die im Unileben gelöst werden wollen. Die Universität des Saarlandes bietet für ihre 17.000 Studierenden daher auf ihrer offiziellen Website einen "Uni-Ratgeber" mit Tipps und Tricks an. 

Doch der Ratgeber gibt leider nur wenig Rat – sondern lockt die Studierenden auf dubiose Werbeseiten, Shops und Online-Spielcasinos.

Im Zuge unserer bento-Recherchen hat die Universität zugegeben, fragwürdige Inhalte beworben zu haben und den kompletten "Uni-Ratgeber" offline genommen. 

Anfang Februar fanden sich auf der Seite noch Insgesamt 118 Artikel. Sie waren unterteilt in die Kategorien Gesundheit, Finanzen, Lifestyle und Karriere. Es ging um Studijobs, Freizeittipps oder Job-Chancen. Elf dieser Artikel lieferten echten Mehrwert, etwa Tipps zum Bafög-Antrag. 

Alle anderen 107 Artikel waren für Suchmaschinen optimierte Texte, die auf eine oder mehrere Seiten verlinkten: Anti-Erkältungspräparate, Heilsteine, Kredite, Bitcoin-Spekulation, Sportwetten und andere Glücksspiele wurden teilweise schamlos beworben. 

Ein Artikel empfahl "gestressten Studentinnen" einen Online-Shop, bei dem sie gefälschte Wimpern kaufen können – um schneller mit dem Schminken fertig zu sein. Eine andere Seite vermittelte Mediatoren und Privatdetektive, andere verkauften wiederum E-Zigaretten, Cannabisöle und Matratzen. Viele der beworbenen Angebote hatten kein Impressum und keine offen erkennbaren Hintermänner. 

Diese Produkte wurden auf dem "Uni-Ratgeber" der Universität des Saarlandes beworben:

Den weitaus größten Anteil unter den beworbenen Seiten machten Glücksspiele aus. 

In manchen der von bento untersuchten Artikel wurde sehr offensiv für das Glücksspiel geworben ("Willst Du der nächste James Bond 007 im Spielcasino sein?"), andere verschleierten ihre Werbeabsicht als Ratgeber- oder Infobeitrag. Wer kein Geld habe, könne im Casino welches verdienen, wer im Klausurenstress einen klaren Kopf brauche, könne beim Zocken schnell ein paar Glückshormone ausschütten und wer neben der Uni einen Job suche, könne im Online-Casino arbeiten.

Casino-Werbung auf der Homepage der Uni des Saarlandes: "Übe erstmal online"

Die URL des mittlerweile gelöschten "Uni-Ratgebers" trägt immer noch das Wort "Produktinformation" in sich. Unter der Sammelseite informiert die Pressestelle der Uni, dass hier Artikel externer Partner angeboten werden, "deren Informationen seriös erscheinen". Einerseits eine Distanzierung, andererseits ein Hinweis, dass Inhalte geprüft werden und seriös seien. 

Screenshot: bento

Auf Anfrage von bento bestätigt die Pressesprecherin der Universität, Friederike Meyer zu Tittingdorf, dass die fragwürdigen Texte von einer externen PR-Firma erstellt worden seien, lediglich eine Unimitarbeiterin habe die Texte gegengelesen und online gestellt. 

Eigentlich hätten Artikel zu Themen wie Rauschmittel und Glücksspiel ausgeschlossen sein sollen, behauptet die Sprecherin. Wie es dann trotzdem passieren konnte, dass über ein Jahr lang mehr als zwei Dutzend Texte auf Online-Casinos verlinkten? Meyer zu Tittingdorf sagt am Telefon: "Das frage ich mich auch."

Die Sprecherin gibt zu: Für die Veröffentlichung der dubiosen Links erhielt die Universität des Saarlandes jährlich fünfstellige Beträge von der Werbefirma. 

Was bei der Recherche passierte

Nach den ersten Anfragen zu dem Thema an Agenturen und Glücksspielexperten sind einige der Artikel – bis auf die Überschrift – von der Seite der Uni verschwunden. Wir haben jedoch die URLs, die in den Artikeln beworbenen Inhalte und die verlinkten Seiten dokumentiert. 

Von rechtlich relevanten Artikeln haben wir zur Beweissicherung auch PDFs und Screenshots erstellt. 

Von 118 Artikeln waren zu Beginn unserer Recherche fünf Links defekt und die Seiten daher nicht aufrufbar. Seit der ersten Februarwoche, also nach unseren ersten Anfragen, sind schlagartig 75 Beiträge offline gegangen. 

Die Uni haben wir danach, am 12. Februar, mit unserer Recherche konfrontiert. Am 13. Februar war die komplette Sektion "Uni-Ratgeber" nicht mehr online. 

Die Gelder seien für "Projekte im Studierendenmarketing" eingesetzt worden, sagt Meyer zu Tittingdorf. Neben der Onlinewerbung habe sich der externe Kooperationspartner auch um Flyer und Plakate am Campus der Uni gekümmert, der dubiose Ratgeber selbst sei nur "ein kleiner Teil der Kooperation".

Nicht nur die Universität des Saarlandes gibt ihren Campus – und ihre Website – für Firmen frei. Die Unternehmen buhlen um die Verdiener von morgen, mit Flyern, Plakaten und eben auch Online-Werbung. 

Eine der deutschlandweit führenden Firmen ist "Campus-Service", die auch die Universität des Saarlandes betreut. Geschäftsführer Torsten Schäfer hat bento telefonisch die Kooperation bestätigt. Für ein zweites ausführliches Gespräch war er am Freitag nicht mehr zu sprechen.

Laut eigener Auskunft betreut die Firma mehr als 60 Internetauftritte von Hochschulen und Studentenwerken. Auf ihrer Homepage empfiehlt sie Unternehmen das Werben an Unis: Man könne die Zielgruppe fast ohne "Streuverluste" und "exklusiv" erreichen. Die Zielgruppe, das sind Studierende:

„Sie sind als konsumfreudig, offen für neue Produkte sowie freizeit-, lifestyle- und karriereorientiert erkannt.“

Nach Angaben der Uni seien die von "Campus-Service" geschriebenen Artikel regelmäßig überprüft worden. Die Kooperation mit der PR-Firma läuft seit mindestens sechs Jahren, der fragwürdige "Uni-Ratgeber" aber erst seit 2018. Je nach Vertrag mit den beworbenen Werbekunden seien Texte nach einer gewissen Zeit gelöscht worden. 

Warnhinweise zu Spielsucht folgten in den Artikeln selten, wurden heruntergespielt – oder trotz Warnung mit Links zu Glücksspielseiten versehen.

Warnhinweis und Link zu einer Seite, die in Malta registriert ist

(Bild: Screenshot: bento)

Ein Text listete Risiken von Neukunden-Boni auf und kam zum lapidaren Fazit: "Unter dem Strich lohnt sich das dann eher nicht für die neuen Spieler." Und in einem anderen Artikel hieß es, dass der mögliche Geldverlust zwar "kritisch" zu sehen sei, weil Studierende "nicht über viel Geld verfügen" – aber insgesamt fördere das Zocken das Glücksgefühl, lenke angenehm vom Alltag ab – und sorge daher auch "für einen besseren Lernerfolg an der Uni".

Auf die Nachfrage, ob die Uni die Texte nun richtigstellen würde, antwortet die Pressesprecherin: 

„Das halten wir nicht für notwendig, von Studenten kamen keine Beschwerden.“
Friederike Meyer zu Tittingdorf

Christine Hensler von der Landesfachstelle Glücksspielsucht Saarland allerdings hält die Artikel für fahrlässig. Es sei "sagenhaft, wie hier Glücksspiel schöngefärbt wird", sagt sie. Entsprechend vernichtend fällt ihr Urteil aus: Die Texte seien nicht mehr als "versteckte Werbung". Besonders bedenklich findet sie, dass es vorgeblich seriöse Uni-Artikel sind, die hier das Zocken bewerben:

„Hier wird Glücksspiel als Hobby verharmlost, dabei ist der Gang zum Casino alles andere als ein Hobby.“
Christine Hensler

Werbung für Glücksspiel scheint unmoralisch – aber ist es einer staatlichen Uni verboten, das zu tun? 

Jura-Professor Christian Birnbaum ist Experte für Hochschulrecht. Da Bildung Ländersache ist, gibt es in Deutschland 16 verschiedene Hochschulgesetze. Birnbaum sagt: "Im Saarländischen Hochschulgesetz ist das nicht ganz eindeutig geregelt. Allerdings besagt Paragraf 3 Absatz 10 des saarländischen Hochschulgesetzes, dass sich die Uni zum Zwecke des Wissens- und Technologietransfers unternehmerisch betätigen darf. Im Umkehrschluss heißt das: ansonsten darf sie es nicht."

Birnbaums Einschätzung nach haben Unis als staatliche und öffentlich finanzierte Einrichtungen generell nur beschränkte Befugnis, in den Markt einzugreifen – und Werbung für einzelne Dienstleister, zum Beispiel durch Links oder positive Artikel, könnte als ein Eingriff gewertet werden.

Für die unternehmerische Betätigung ist außerdem laut Hochschulgesetz eine Zustimmung der zuständigen obersten Landesbehörde vonnöten. Im Saarland, das kein eigenes Wissenschaftsministerium hat, ist das der Ministerpräsident. Oder die Ministerpräsidentin: 

Als die Kooperation zwischen der Universität des Saarlandes und "Campus-Service" entstand, war die jetzige CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer noch Amtsinhaberin im Saarland.

Auf eine bento-Anfrage, ob der konkrete Fall nach saarländischem Recht legal sei, antwortete die für Wissenschaft zuständige Sprecherin der Staatskanzlei: Die geltende Rechtsordnung schließe Aktivitäten der Hochschulen im Bereich der Werbung nicht grundsätzlich aus. Aber: "Die Staatskanzlei [...] prüft bei Bedarf – das heißt, wenn es konkrete Anhaltspunkte dafür gibt, dass Rechtsvorschriften nicht hinreichend beachtet worden sind, ein rechtsaufsichtliches Einschreiten."

Ob oder wie genau das in diesem Fall geschah, blieb unbeanwortet. 

Für einen hat sich die laxe Kontrolle der Uni auf jeden Fall gelohnt: 

Die Shops und Online-Casinos. Laut Analyse-Dienst Similarweb verzeichnet die Website der Uni des Saarlandes 600.000 bis 900.000 Besuche pro Monat. Alles potenzielle Kunden. 

Und noch mehr: Eine Verlinkung auf einer Uni-Seite sei für Shops und Casinos Gold wert, weiß Andreas Bippes. Er ist Geschäftsführer von PrimSEO, einer Agentur, die sich auf Suchmaschinenwerbung spezialisiert hat. "Um es mit einem Bild zu erklären: Wenn ein hochgeschätzter Kollege einem ein neues Restaurant empfiehlt, dann probiert man es höchstwahrscheinlich aus. Universitäten wertet Google so wie wir diesen Kollegen – und schätzt sie als sehr vertrauenswürdige Quellen ein", sagt Bippes. 

Denn: Eine Uni-Website sei meist Teil eines Netzwerks aus anderen vertrauenswürdigen Seiten, mit Links von und zu Behörden, Forschungseinrichtungen und anderen Unis. Wer in diesem Netzwerk Werbung und Links platzieren kann, erhöht damit automatisch seine eigene Vertrauenswürdigkeit. "Manche Agenturen zahlen sicher Tausend Euro für das Platzieren eines Artikels mit entsprechendem Link darin", erklärt Suchmaschinen-Experte Bippes. Gerade Sportwettenanbieter würden mit solchen Methoden "sehr aggressiv" in den Markt hineinpreschen.

Für Universitäten sind das laut Bippes eigentlich gleich in doppelter Hinsicht fragwürdige Partner: "Gerade Angebote für Glücksspiel und Kredite werden von Google als unseriös eingestuft. Wer auf sie verlinkt, schadet dadurch der eigenen Sichtbarkeit. Im Kampf um zukünftige Studierende ist das ein Wettbewerbsnachteil." 

Auf keiner anderen Hochschul-Homepage finden sich ähnliche Werbetexte, Ausnahmen bilden lediglich anonyme Werbeblogs und virenverseuchte Phishing-Homepages. Sie alle listen schlicht die Baukasten-Artikel auf und leiten dann auf Spam-Seiten oder Online-Gewinnspiele um. 

Wer so Affiliate-Weiterleitungen bereitstellt, erhält für seine Empfehlung ein paar Prozente, wenn jemand nach dem Klick ein Produkt kauft – zum Beispiel Spielguthaben oder eine E-Zigarette.

Affiliate Links in Deutschland

Auch bento und viele andere deutsche Medien nutzen in Artikeln gelegentlich Affiliate-Links, die Praxis ist nicht unüblich – etwa bei Buchrezensionen. Der Unterschied: Wir machen dies stets transparent (mehr dazu hier) und niemals für Glücksspiel oder Kredite.

Und obwohl in einer Email an bento angekündigt wurde, dass man "den Uni-Ratgeber auf den Prüfstand gestellt" habe und zum Ergebnis gekommen sei, dass dieser "schrittweise vom Netz" genommen werde, finden sich weiterhin dubiose Links auf der Seite: Immer noch online ist zum Zeitpunkt dieser Artikelveröffentlichung ein ganzer Block von internationaler Glücksspielwerbung. 

Auf den Seiten des "Centre for Bioinformatics" der Uni des Saarlandes finden sich mindestens zwei Jahre alte Beiträge mit unironisch-komischen Namen wie "The 30-Second Trick for Beste Online Slots". 

Bisher konnten wir mindestens sechs Einträge in einem wilden Mix aus Englisch und Deutsch finden, die Werbung für Glücksspiele machen. 

Der ehrlichste unter all den Werbeartikeln des nun offline gestellten "Uni-Ratgebers" war am Ende wohl einer: Er stellte ausgerechnet den Beruf des Affiliate Marketers als mögliche Joboption nach dem Studium vor. "Wer nach dem Studium keine Ahnung hat, was er eigentlich machen will", hieß es da, könne sich mal beim Affiliate Marketing umschauen. Studierende müssten schlicht gut mit Zahlen können und gerne kommunizieren – dann könne man Werbung für andere Onlineseiten machen. 

Ein Beispiel, was umworben werden kann, lieferte der Artikel auch gleich mit. Er verlinkte auf: ein Online-Casino.


Fühlen

Zählt Netflix als Hobby?
Und wenn nein: Muss ich mir Hobbys zulegen?

Würde mir heute jemand ein Freundealbum in die Hand drücken, hätte ich beim Ausfüllen meine Probleme. Eine Lieblingsband würde ich noch hinbekommen, einen Film fände auch. Aber was um Himmels Willen sind meine Hobbys? Ich bin neun Stunden auf der Arbeit, eineinhalb Stunden brauche ich hin und zurück. 

In meinen knapp vier Stunden Freizeit schaue ich mit meiner Frau zusammen meist Serien, spiele mit der Konsole oder bin "im Internet", also: hänge am Handy und weiß später nicht mehr genau, was ich eigentlich gemacht habe. 

Vielen meiner Freunde und Kolleginnen geht es genauso. Die meisten von ihnen haben im Bachelor- und Mastersystem studiert, das – wenn man die Regelstudienzeit einhalten möchte – kaum Raum für kreative Freizeit lässt. Außerdem müssen wir flexibel sein, ziehen für Jobs und Praktika in andere Städte. So kann man schlecht planen, ob man sich ernsthaft in einem Verein, Kurs oder Ehrenamt engagieren kann. Und den Platz für eine Modelleisenbahn à la Seehofer hat man in der Einzimmerwohnung sowieso nicht.

Aber ist es schlimm, keine Hobbys zu haben? Das habe ich eine Freizeitforscherin gefragt.