Bild: Daniel Reinhardt/dpa

Die finanzielle Ungleichheit in Deutschland wächst – das hat eine Studie gerade wieder belegt. 

Die Forschergruppe um den bekannten französischen Ökonom Thomas Piketty hat am Donnerstag ihren aktuellen "World Inequality Report" vorgestellt. Das Ergebnis: 40 Prozent des Gesamteinkommens in Deutschland entfallen auf die zehn oberen Prozent. (Deutsche Zusammenfassung)

So hoch war diese Zahl seit 100 Jahren nicht mehr. Um genau zu sein: Seit 1913.

Was wurde untersucht?

Der Studie zugrunde liegen Erhebungen von rund 100 Wissenschaftlern in mehr als 70 Ländern weltweit. Herausgegeben wird der Bericht vom World Inequality Lab, einem Think Tank an der Paris School of Economis. Die Ergebnisse wandern in eine riesige Datenbank.

Ungleichheit berechneten die Forscher anhand von Einkommen und Vermögen. Dazu zogen sie unter anderem Steuerdaten heran.

Die Aussagekraft der Daten ist begrenzt. Die Autoren betonen aber, dass es nicht um perfekte Ergebnisse geht – sondern darum, zu zeigen, was man bereits weiß und was nicht.

Das Ungleichgewicht begründen die Autoren mit der ungleichen Verteilung von Kapital in privater und öffentlicher Hand: Weil seit 1980 in fast allen Ländern große Mengen öffentlichen Vermögens privatisiert wurden, hätten Staaten weniger Mittel, um sich um gegen Ungleichheit vorzugehen.

Mit dem Bericht wollen die Forscher eine "demokratische Lücke füllen", Druck auf Regierungen und internationale Organisationen ausüben, damit diese mehr Daten zugänglich machen. Sie schreiben:

Unserer Meinung nach ist die mangelnde Transparenz über Ungleichheit im Bezug auf Einkommen und Vermögen eine der größten Herausforderungen für eine friedliche, demokratische Debatte über die heutige, globale Wirtschaft.
Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:
Das durchschnittliche Einkommen und Vermögen ist in Deutschland seit 1950 kontinuierlich gestiegen.
Trotzdem hat auch die Ungleichheit wieder zugenommen. Die zehn oberen Prozent vereinen 40 Prozent des Gesamteinkommens auf sich. Die unteren 50 Prozent haben an Anteil verloren.
In den 60er Jahren verdiente die untere Hälfte noch rund ein Drittel des Einkommens, heute sind es 17 Prozent.
Allerdings werden dabei Sozialleistungen nicht mit einbezogen – dann wäre das Ergebnis wahrscheinlich etwas besser, sagt auch eine der Autorinnen, Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.
Insgesamt hat die Ungleichheit auf der ganzen Welt zugenommen – besonders in Nordamerika, China, Indien und Russland.
Am besten kommt dabei Europa weg: Hier verfügten 2016 die oberen zehn Prozent über 37 Prozent des nationalen Einkommens.
Die obersten ein Prozent haben ihren Anteil am weltweiten Einkommen von 16 auf 20 Prozent gesteigert.
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Nur: Was bedeutet das (für Deutschland)? Warum ändert sich nichts? Und ab wann ist Ungleichheit ein Problem? 

Wir haben zwei Experten gefragt:

  1. Eric Seils, Soziologe, forscht zur Armutsentwicklung bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.
  2. Stefan Kooths, Ökonom, FDP-Mitglied und Chef des Prognose-Zentrums im Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). 
Armutsforscher Eric Seils (links) und Ökonom Stefan Kooths. Bild: Privat/@Studio 23, IfW
In dem Bericht heißt es, die Ungleichheit in Deutschland sei so groß wie vor 100 Jahren. Warum ändert sich nichts? 

Armutsforscher Seils: "Das kann man so nicht sagen. Ungleichheit war vor hundert Jahren etwas ganz Anderes als heute. Den Menschen geht ja im Allgemeinen viel besser als 1913. Auch Armut hatte damals eine andere Bedeutung. Da ging es um Mangelernährung, keinen Zugang zu sanitären Anlagen, Krankheit. 
  
Diese "absolute" Armut gibt es heute zum Glück bei uns nicht mehr, oder kaum. Dazu haben Lohnsteigerungen beigetragen und auch unser Sozialstaat. Heute haben wir "relative Armut": Dabei geht es einerseits um die Sicherung der grundlegenden Bedürfnisse, aber auch um die Frage, ob ein Mensch die Möglichkeit hat, an der Gesellschaft teilzunehmen

  • Können Sie Freunde zum Essen einladen, ins Kino gehen einmal im Monat? 
  • Haben Sie Telefonanschlüsse, Internetanschlüsse? 
  • Die Kriterien sind natürlich streitbar, auch, weil sich die Gesellschaft mit der Zeit wandelt."

Ökonom Kooths: "Es stimmt nicht, dass sich nichts geändert hat. Lassen Sie mal die Wohlstandentwicklung der letzten 100 Jahre Revue passieren und fragen Sie sich, wer heute mit den Verhältnissen von damals tauschen würde. Der Massenwohlstand ist nahezu explodiert. Wer heute in der Mittelschicht ist, kann sich Dinge leisten, von denen die Oberschicht vor vielen Jahrzehnten nur geträumt hat."

Haben wir denn ein Ungleichheitsproblem? 

Armutsforscher Seils: "In meinen Augen: Ja. Die steigende Armut ein Ergebnis von zwei Faktoren. 

  1. Altersarmut: Das liegt unter anderem an der Entwicklung der Rentenversicherung.
  2. Einwanderung: Und zwar ganz einfach, weil Menschen ins Land kommen, die kein Einkommen haben. Manche denken jetzt vielleicht: Na, dann, weg mit denen. Oder: Wenn’s nur daran liegt, ist es ja nicht so schlimm. Aber man schafft ja Armut nicht ab, in dem man alle Armen aus dem Land schmeißt. Und der Punkt ist: Die sind auf lange Sicht hier. Es wäre eine Grundvoraussetzung für Integration, diese Leute in den Stand zu setzen, sich ein eigenes armutsfestes Einkommen zu erwirtschaften."

Ökonom Kooths"Das ist in erster Linie eine politische Wertung und hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Aus globaler Perspektive nimmt die Ungleichheit seit Jahrzehnten ab, weil sich im Zuge der Globalisierung immer mehr Menschen in die weltweite Arbeitsteilung integrieren

Ungleichheitsmaße für regionale Teilräume verlieren dabei ihre Bedeutung.
Stefan Kooths

Innerhalb einzelner Länder hat die Ungleichheit streckenweise zugenommen. Auch das hat mit der Globalisierung zu tun: Einfache Arbeit ist in den westlichen Ländern unter Druck geraten, Hochqualifizierte und Kapitaleigentümer haben im Gegenzug gewonnen. 

Ich warne trotzdem davor, den Anstieg von Ungleichheit per se zu skandalisieren, weil er auch ein Symptom für sozialen Fortschritt sein kann.

  • Heute leben beispielsweise viel mehr Menschen alleine. Das ist teurer, sie geben mehr für ihre Wohnung aus, als sie in einer Partnerschaft oder in einer Familie täten. Dahinter steht aber, dass die Menschen ihre Lebensentwürfe freier wählen können. Vor allem Frauen konnten sich aus der ökonomischen Abhängigkeit ihrer Männer befreien.
  • Auch der Zugang zu höherer Bildung spielt eine Rolle, wiederum gerade für Frauen. Dadurch finden mehr hochqualifizierte Paare zusammen, die als "Besserverdiener" im Doppelpack die Ungleichheitsmaße erhöhen.

Ist Gleichheit überhaupt das Ziel? Wir leben doch in einer sozialen Marktwirtschaft – nicht im Sozialismus. 

Armutsforscher Seils: "Komplette Gleichheit wäre nicht sinnvoll. Das wäre tendenziell mit Zwang verbunden. Unsere Gesellschaft hat ja mehrere Ziele: Neben Gleichheit zum Beispiel auch Freiheit."

Ökonom Kooths: "Wenn man materielle Gleichheit absolut setzt, muss man sich von Freiheit, Demokratie und Wohlstand verabschieden. Das wird kaum jemand wollen. 

In einem freien Markt hat Vermögen außerdem eine soziale Funktion, wenn es klug investiert wird. Der Markt verteilt ja auch um – und zwar zugunsten jener, die die besseren Investitionsentscheidungen treffen. Das bedeutet: Waren oder Dienstleistungen zu schaffen, die nachgefragt werden. Das steigert dann auch die Produktivität der Arbeiter, die Löhne – und am Ende den Wohlstand für alle."

Ungleichheit hat demokratische Folgen: Arme Menschen gehen seltener zur Wahl.
Eric Seils, Armutsforscher
Ab wann ist Ungleichheit dann problematisch und was sind die Folgen? 

Armutsforscher Seils: "Hier eine Schwelle festzulegen, ist quasi unmöglich. Aber grundsätzlich kann große Ungleichheit vor allem demokratische Folgen haben: Arme Menschen etwa gehen seltener zur Wahl. Sie denken, dass sie sowieso nichts zu sagen haben – vielleicht, weil sie auch sonst weniger an der Gesellschaft teilhaben. Das bedeutet langfristig, Politiker interessieren sich auch weniger für sie und, zu Ende gedacht, dass die ohnehin mächtigere Gruppe der 'Reichen' über sie bestimmt."

Ökonom Kooths: "Niemand kann so etwas wie einen "optimalen" Ungleichheitswert angeben. Damit wissen wir aber auch nicht, ob unsere Gesellschaft sich bei einem Anstieg von Ungleichheit verbessert oder verschlechtert. Die Debatte geht daher eigentlich am Kern des Problems vorbei.

Problematisch wird es trotzdem – um nicht zu sagen skandalös – wenn Wohlhabende ihr Vermögen nicht mehr dem Marktrisiko aussetzen müssen, weil es durch staatliche Privilegien geschützt wird: beispielsweise durch staatliche Bail-out-Programme. Solche Ruhekissen für Reiche sind antikapitalistisch und widersprechen in krasser Weise den Regeln einer Marktwirtschaft. Die Vermögen verlieren dann ihre sozial nützliche Funktion."


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