Wir haben mit Joci Márton über seine Heimat gesprochen – und ihn gefragt, warum er sie nicht verlässt.

Knapp drei Wochen ist es her, dass Ungarns Staatschef sich mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet hat. Viktor Orbán hat aufgrund der Corona-Pandemie den Notstand im Land ausgerufen – auf unbestimmte Zeit. Konkret bedeutet das: Er kann per Dekret am ungarischen Parlament vorbeiregieren, bis er selbst beschließt, dass die Krise vorbei ist. Der Notstand gibt ihm das Recht, "außergewöhnliche Maßnahmen einzuführen, um die Stabilität des Lebens, der Gesundheit, der persönlichen und materiellen Sicherheit der Bürger wie der Wirtschaft zu garantieren". Viele Staatschefs kritisierten, dass Orbán die aktuelle Krise nutze, um seine Macht auszuweiten. (DER SPIEGEL I/ DER SPIEGEL II)

Besonders hart könnte das Minderheiten treffen. Sie werden unter der Fidesz-Regierungspartei von Orbán aktiv diskriminiert, unter anderem will die Regierung nur noch das "Geschlecht bei Geburt" erfassen (queer.de) und der Zentralrat der Sinti und Roma warnt vor der Stimmungsmache in Südosteuropa (Tagesspiegel). 

Rom und schwul in Ungarn

Joci Márton gehört zu gleich zwei Minderheiten in Ungarn: Der 34-Jährige ist Rom und schwul. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er in Ungarn lebt, ob er sich dort noch sicher fühlt und wo er seine Zukunft sieht. 

(Bild: Privat)

bento: Joci, wie geht es dir? 

Joci: Soweit gut, ich bi­­n gerade in der Slowakei bei meinem Freund und verbringe die Coronakrise hier in Quarantäne. Etwa eine Woche, bevor die Grenzen dicht gemacht wurden, bin ich hergekommen. Ich habe mir die Quarantäne selbst auferlegt, um andere Menschen zu schützen, die nicht die Möglichkeit haben, zu Hause zu bleiben. 

bento: Abgesehen vom Coronavirus: Fühlst du dich sicher in Ungarn? 

Joci: Nein, nicht wirklich. Man gewöhnt sich daran, dass für den Staat keine Regeln gelten. 

„Wenn ich in Not wäre, ich würde die Polizei nicht rufen.“

bento: Du pendelst zwischen der Slowakei, wo dein Freund lebt, und Budapest. Dort hat Orbán vergangene Woche den Notstand erlassen. 

Joci: Ich habe die Nachricht zuerst bei Facebook gesehen. Das macht mir große Sorgen, nicht nur als Rom, sondern in erster Linie als Staatsbürger von Ungarn. Die Regierung kann jetzt unsere Meinungsfreiheit einschränken. Tatsächlich tut sie das schon: Wenn du etwas sagst, das sie als Fake News einstufen, kannst du ins Gefängnis kommen. 

Joci als Teil eines Fotoprojekts, das er selbst ins Leben gerufen hat. Er inszeniert sich und andere Roma und Romnja, die ebenfalls Teil der LGBTQI+-Community sind.

(Bild: András Jókúti)

Gleichzeitig hat der Beschluss mich überhaupt nicht überrascht. Die Fidesz-Partei regiert Ungarn seit zehn Jahren. Ich verstehe nicht, warum die EU sich nicht mehr einmischt. Orbán hat in der Vergangenheit schon große Mengen EU-Gelder verschwinden lassen, das ist letztlich auch das Geld der deutschen Steuerzahler (DER SPIEGEL). Orbán benutzt Minderheiten nur, um davon abzulenken, dass er Gelder veruntreut. Er macht Stimmung gegen sie.

bento: Wie hat sich diese Stimmung auf dein Leben ausgewirkt?  

Joci: Als Rom bist du nicht Teil der Gesellschaft. Das zeigt sich mal subtiler, mal weniger subtil. Ich war an einer gemischten Schule, aber in meiner Klasse waren nur andere Roma und weiße Kinder aus der Unterschicht. Meine Eltern hätten mich gerne auf eine staatliche Schule mit musikalischem Schwerpunkt geschickt, aber dort wurden niemals Roma angenommen. Ich wusste, dass ich ohne Bildung nur in einer Fabrik würde arbeiten können, wie meine Eltern. Also habe ich Lehramt studiert. Damals habe ich leider nicht darüber nachgedacht, dass es als schwuler Rom auch nicht so leicht werden wird, als Lehrer zu arbeiten. Ich habe mich dann bald für einen anderen Weg entschieden. 

bento: Du hast nach der Uni nur kurz als Lehrer gearbeitet, dann bist du Stipendiat bei der Open Society Foundation geworden, einer Stiftung, die von George Soros gegründet wurde, einem US-Milliardär mit ungarischen Wurzeln.

Die Open Society Foundation von George Soros

Die OSF wurde von dem aus Ungarn stammenden US-Milliardär George Soros in der Zeit des untergehenden Kommunismus in Ungarn 1989/1990 gegründet. (DER SPIEGEL)

Die international Stiftung fördert zahlreiche Nicht-Regierunssorganisationen, die im Bereich Bürger- und Menschenrechte, Rechtstaatlichkeit, Korruptionsmonitoring, Minderheiten und Umwelt arbeiten. Von Viktor Orbán wird Soros regelmäßig verunglimpft, er wirft ihm politische Einflussnahme in Ungarn vor. 2018 schloss die OSF ihr Büro in Budapest, weil nach eigenen Angaben aufgrund von Orbáns repressiver Politik die Arbeit dort nicht mehr weitergeführt werden konnte. (DER SPIEGEL)

Du hast Workshops an Grundschulen gehalten, wo junge Nicht-Roma dir Fragen stellen konnten, mit dem Ziel, Vorurteile abzubauen. Wann hast du dich entschlossen, politisch aktiv zu werden?

Joci: Das war in meinem letzten Studienjahr. Ich habe einige Roma-Aktivisten aus Budapest kennengelernt, die dabei waren, sich zu organisieren, und die "UCCU" gegründet haben. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gemacht, Stereotype gegen Roma abzubauen. Ich habe damals ganz dringend einen Raum gebraucht, in dem Menschen ähnliche Werte hatten wie ich. Meine Universität ist eher konservativ, ich hatte dort keine Freunde und wurde von Studierenden immer wieder verbal angegriffen.

bento: Das war noch bevor Orbán und die Fidesz-Partei an die Macht kamen. Wie hat sich dein Leben danach verändert?  

Joci: Rassismus gab es vorher, aber seit Orbán ist er Teil der Politik.

„Früher wurden rassistische Angriffe von der Regierung verurteilt, heute sind sie akzeptiert oder werden sogar beschützt.“

bento: Wie erlebst du heute Rassismus?

Joci: Wenn ich angegriffen werde, dann in der Regel auf der Straße. Menschen rufen mir "Schwuchtel" hinterher oder sagen "Muslim, geh nach Hause". Viele erkennen mich nicht als Rom, weil ich nicht dem stereotypen Bild entspreche, nicht ärmlich oder ländlich aussehe. Darum werde ich oft mit Muslimen verwechselt, gegen die es hier auch viele Vorurteile gibt. 

Jana ist Romni und Transgender. Sie arbeitet als Krankenschwester in Tschechien. Eines Nachts wurde sie dort von einer Gruppe Männer auf der Straße angegriffen. Ihr Bild soll zeigen, dass die Männer ihr zwar körperlich überlegen waren, doch mental ist sie die Stärkere. 

(Bild: András Jókúti)

bento: Wie unterscheiden sich die Roma- und die LGBTQI+-Community in Budapest?

Joci: Ungarn hat eine sehr starke Roma-Community, die sehr aufgeschlossen ist. Dort war es nie ein Thema, dass ich auch homosexuell bin. In der LGBTQI+-Community ist das etwas anders. Ich werde zwar oft eingeladen, etwa um bei der Pride Week Workshops zu halten. Aber ich soll dort nur als schwuler Rom sprechen, nicht einfach als Schwuler. Ich fühle mich dort mehr als Gast, weniger als aktiver Teil der Bewegung und der Community. 

bento: Hast du das Gefühl, dass du durch deine Arbeit etwas verändern kannst?

Joci: Ich habe lange Zeit Menschen erzählt, was wir Roma alles nicht sind: Wir stinken nicht, wir sind keine Diebe, keine Kriminellen. Wir haben uns in unserer Arbeit sehr auf das Hier und Jetzt konzentriert, dabei sind diese Probleme historisch gewachsen und systematisch. 

Mich hat diese Arbeit sehr viel Energie gekostet. Statt ständig zu erklären, was wir alles nicht sind, versuche mich jetzt mehr mit der Frage zu beschäftigen: Wer sind wir eigentlich? Was ist unsere Identität, was ist meine Identität?

Ricsi lebt in Ungarn auf dem Land. Er arbeitet dort in einer Fabrik, doch seine Leidenschaft sind Make-Up und Videos produzieren. 

bento: Du meinst damit ein Fotoprojekt, das du im Rahmen deines Stipendiums ins Leben gerufen hast. Du hast Mitglieder der LGBTQI+-Community auf Fotos inszeniert, die gleichzeitig auch Roma sind.

Joci: Ziel des Projekts war in erster Linie, dass Mitglieder der LGBTQI+-Community sich vereinen, um die Darstellung von Roma zu verändern. 

„Wir möchten uns selbst würdevoll zeigen, stark und schön. Wir möchten uns zeigen, wie wir uns selbst sehen.“

Es war unfassbar schwierig, einen Ort zu finden, um die Bilder auszustellen. Obwohl wir Geld hatten, wir wollten einfach einen Kunstraum in Budapest mieten. Ich habe mich wieder wie mit 19 gefühlt, als ich versucht habe, eine Wohnung zu finden. Als wir dann endlich einen Ausstellungsort gefunden haben, musste die Eröffnung wegen des Coronavirus abgesagt werden.

bento: Der offen schwul lebende Politiker Gábor Szetey hat 2007 Ungarn verlassen, weil er so vielen Anfeindungen ausgesetzt war, der homosexuelle Journalist József Orosz ist 2010 aus dem gleichen Grund nach Kanada ausgewandert. Siehst du für dich eine Zukunft in Ungarn?

Joci: Aus irgendeinem Grund habe ich die Hoffnung, dass die politische Situation in Ungarn sich irgendwann verbessern wird. Ich kann nicht erklären, warum. Orbán regiert seit zehn Jahren, die Menschen sind müde und das mit gutem Grund. Die ganze Welt steckt gerade in einer Krise und die ungarische Regierung will Gesetze erlassen, um eine marginalisierte Gruppe wie Transgender zu schikanieren. Das kann man nicht einfach hinnehmen. Wir müssen in Ungarn bleiben und für unsere Rechte kämpfen. Wir müssen füreinander aufstehen und uns verteidigen. 


Fühlen

Konzerte, Kokain, Sekt auf Eis: Wie ich in meinen Zwanzigern 200.000 Euro verprasst habe
"Ich redete mir ein, dass es bei 20.000 Euro auch keinen Sinn mehr machte, mit dem Sparen anzufangen."

Man kann sich so sehr an Dinge gewöhnen, dass man gar nicht merkt, dass man sie tut. Ganz besonders ans Geldausgeben. Ich habe mein Erbe innerhalb von ein paar Jahren verjubelt – und weiß nicht mehr genau, wie. Ich habe kein Auto gekauft, keine Weltreise gemacht, keine Fünf-Zimmer-Wohnung in einem gentrifizierten Szeneviertel bezogen. Und doch sind meine Kontoauszüge heute trauriger als der Absturz von Lindsay Lohan.

Zwischen meinem 18. und 21. Geburtstag erbte ich insgesamt etwa 200.000 Euro. Das ist viel Geld, wenn vorher nur 70 Euro Taschengeld und ein paar Nebenverdienste aufs Schülerkonto der hiesigen Sparkasse geflossen waren. Plötzlich konnte ich so ziemlich alles machen, was ich wollte. Nichts hielt mich zurück oder beeinflusste mich, ich konnte meine eigenen Entscheidungen treffen – und wollte das auch unbedingt.

Mein Lebensstil unterschied sich dabei am Anfang gar nicht so sehr von dem meines Mitbewohners in der ersten Studenten-WG, der mit einer kleinen Zuwendung seiner Eltern auskommen musste. Wir nahmen ausrangierte Möbel vom Straßenrand mit, kauften beim Discounter ein und tranken günstiges Bier. Der größte Luxus war die vegetarische Lasagne aus der Bio-Mensa für 3,50 Euro, ein bisschen Gras und MDMA. Mir kam es vor wie ein relativ normaler Lebensstandard für einen Philosophie-Studenten, mit einem frappierenden Unterschied: Ich musste mir nie finanzielle Sorgen machen, es kam immer Geld aus der Wand.