Bild: Imago/Panthermedia
Warum die Debatte nicht über Meinungsfreiheit oder Satire geführt werden sollte – und welche Schuld "die Alten" wirklich tragen.

Das Lied taugte schon immer zum Generationenkonflikt-Hit. Als "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad" in den 1940ern gedichtet wurde, orientierte sich das Kinderlied am noch älteren Varietélied "Wir versaufen unsrer Oma ihr klein Häuschen", hinzu kamen später Strophen über Diskobesuche und Petticoats. (Liederlexikon)

Nun hat der WDR einen Kinderchor eine neue Version einsingen lassen – und die Oma zur "Umweltsau" gemacht. 

Am Freitag lud der WDR das Video auf Facebook hoch. Nach heftiger Kritik aus dem Netz löschte er es wieder. Es ging um Zeilen wie: "Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett, weil Discounterfleisch so gut wie gar nix kostet. Meine Oma ist ne alte Umweltsau."

Viele hatten sich beschwert: Kinder würden instrumentalisiert, Ältere beleidigt, mit Meinungsfreiheit oder Satire habe das nichts mehr zu tun. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) schrieb auf Twitter nach: Das Lied habe die "Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten". WDR-Intendant Tom Buhrow bezeichnete das Kinderchorlied in einer Sondersendung schließlich als "Fehler". (SPIEGEL)

Ist das Lied wirklich so daneben? Oder stimmen die Zeilen inhaltlich sogar? Wir haben die gefragt, die sich mit "Umweltsäuen" am besten auskennen: Aktivistinnen und Aktivisten von "Fridays for Future" und "Ende Gelände".

Carla Reemtsma, 21 Jahre, "Fridays for Future"-Delegierte aus Münster

(Bild: Karsten Thielker)

"Ich kann den Aufschrei nicht verstehen. Klar, es ist streitbar, ob es nun gute oder schlechte Satire ist und ob die Kritik im Lied an die richtige Adresse geht. Aber es gab in der Vergangenheit schon deutlich bissigere Satire, die längst nicht so eine Wut hervorgerufen hat. Über die Witze von Dieter Nuhr regen sich auch immer viele auf, trotzdem würde die ARD nicht auf die Idee kommen, seine Sendungen zu zensieren. 

Mit welcher Schnelligkeit der WDR-Intendant das Video wieder löschen ließ, verwundert mich daher: Ich dachte, unsere Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut?

Was das Lied selbst angeht, halte ich es für weniger gelungen. Der Song ist nur eine flache und pauschale Konsumkritik. Tatsächlich sind nicht unsere Omas, sondern gerade mal 100 Konzerne für 70 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Wer die Klimakrise zwischen den Generationen auszuspielen versucht, verkennt das Thema und baut bewusst falsche Feindbilder auf."

Ricarda Budke, 20, aus Cottbus, engagiert sich bei "Ende Gelände"

(Bild: BTU Cottbus)

"Ich habe von dem Lied erst mitbekommen, als es schon wieder gelöscht war und die Emotionen auf Twitter so richtig hochkochten. Bei dem, was ich da gelesen habe, wurde mir schlecht – es gab sehr viele Rechte, die hier die Debatte bestimmten.

Es waren ja nicht nur 'normale' Leute, die gegen das Lied hetzten. Vor dem WDR haben Neonazis demonstriert, die haben antisemitische Lieder gesungen und 'Deutscher Opa über alles' getextet. Das ist nicht die Mitte der Gesellschaft! Der WDR – und eigentlich wir alle – sollten souveräner im Umgang mit solchen Attacken von rechts werden.

Das Lied selbst fand ich zwar nicht superlustig, aber wichtig als Gesellschaftskritik: Wir sollten eben nicht unseren Omas ihren Urlaubsflug vorwerfen, sondern uns über strukturelle Fehler unserer Konsumgesellschaft Gedanken machen. Es geht nicht um einen Generationenkonflikt, sondern um einen Konflikt zwischen jenen, die ihre Lebensweise hinterfragen wollen und jenen, die das ablehnen. Mit dem Alter hat das nichts zu tun."

Luca Salis, 18, aus Hamburg, Aktivist bei "Fridays for Future" 

(Bild: Jan Petter/bento)

"Ich habe von dem Lied erst mal gar nichts mitbekommen, aber dann hatte es jemand in eine WhatsApp-Orgagruppe von 'Fridays for Future' gepostet. Es kam dann zur Diskussion, ob es witzig ist und man es nicht mal auf einer kommenden Demo spielen solle. 

Einige fanden es ganz gelungen, andere waren dagegen. Ihr Argument: Unsere Großelterngeneration ist sehr umweltbewusst aufgewachsen und gerade viele ältere Menschen demonstrieren heute mit uns bei 'Fridays for Future'.

„Auch wenn es im Lied nur um eine fiktive Oma geht – viele bei uns finden es auch zu respektlos.“

Wir hatten vor einigen Tagen selbst einen satirisch gemeinten Spruch über ältere Menschen getwittert, der nicht so gut ankam. Nach meinem Gefühl war es zwar vor allem die rechte Blase, die den Witz bewusst falsch verstehen wollte, aber das Sensibilität im Umgang mit den Generationen nötig ist, haben wir gelernt. 

Überhaupt geht es gar nicht um einen Generationenkonflikt bei der Klimakrise. Uns hilft es nicht, zurückzublicken und Älteren vorzuwerfen, wann sie wie in welchem Wohlstand gelebt haben. Es geht darum, unser altes Verhalten im Heute zu verändern!"

Franziska, 15 Jahre, in Berlin bei "Fridays for Future" aktiv

"Es ist ganz egal, ob das "Umweltsau"-Lied daneben oder gelungen war: Der Kinderchor hat damit einen Nerv getroffen! 

Freitag für Freitag stehe ich auf der Straße und demonstriere bei 'Fridays for Future'. Es gibt 'Omas' und 'Opas' in Politik und Wirtschaft, die darauf reagieren könnten, die handeln könnten. Aber es passiert nichts. 

„Mir zeigen die Empörungen über die 'Umweltsau', dass der Text nicht so falsch sein kann.“

Das Original mit dem Motorrad im Hühnerstall war ja auch schon lustig gemeint und nicht zu ernst zu nehmen. Wenn der WDR es nun umtextet, um auf reale Probleme hinzuweisen, finde ich das gut – und verstehe es gleichzeitig als die Satire, die es sein soll. Mein Opa fand es übrigens auch harmlos. 

Wichtiger als die Empörung über das Lied wäre, die Botschaft dahinter ernst zu nehmen: Unsere Erde wird strukturell zerstört, das ist nicht meine Schuld – es ist die unserer Großeltern. Aber die Verantwortung, mit der Klimakrise umzugehen, die liegt nun bei uns allen. Also sollten wir nicht darüber reden, ob ein Kinderchor im WDR einen Generationenkonflikt auslöst, sondern darüber, was der Song eigentlich anstoßen wollte: Lösungen für ein ernstes Problem!"


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