Im Fahnenmeer von "Fridays for Future" fallen Abeni und die schwarzen Kinder und Jugendlichen kaum auf. Rebecca Abena Kennedy-Asante, genannt Abeni ist Teil des "BPoC Environmental and Climate Justice Collective", einer von vielen Initiativen, die sich seit dem großen Klimastreik regelmäßig an den Demos beteiligen. BPOC steht für Schwarze Menschen und People of Color.

Abenis Kollektiv ist anders als die anderen Gruppen.

Abeni ist zwischen 20 und 30, ihr genaues Alter möchte sie nicht sagen. Beim Klimastreik im September stand Abeni auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor, in der Hand ein Mikro und erklärte, warum der Kampf gegen den Klimawandel auch etwas mit dem Kampf gegen Rassismus zu tun hat:

„Für uns heißt diese Veranstaltung 'Fridays for Past, Present and Future', weil der Globale Norden uns und unseren Familien die Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft klaut!“
Abeni

Schon seit vielen Jahren engagiert sich Abeni für umweltpolitische Fragen. Abeni studierte Naturheilverfahren, Naturschutz und Ökologie.

Bei "Fridays for Future" (FfF) kommen Perspektiven wie die von Abeni oft zu kurz. 

Im März veröffentlichte das Institut für Protest- und Bewegungsforschung eine Studie über die Zusammensetzung von rund 800 FfF-Teilnehmenden in Bremen und Berlin. Das Ergebnis: 92 Prozent haben Abitur oder streben eines an. Viele haben studiert, mehr als 70 Prozent sehen sich als Teil der Mittel- und Oberschicht. Nur 16 Prozent hatten einen Migrationshintergrund – dabei hat den inzwischen fast jeder vierte Deutsche. (Protestinstitut)

Ist die Herkunft wirklich wichtig für Klima- und Umweltaktivismus? Die zentrale Forderung von "Fridays for Future" ist die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 1,5 Grad. Und unter den Folgen der Klimaerwärmung leiden wir am Ende alle gleichermaßen. Oder?

Abeni sieht das kritisch.

"Die Frage ist, wer in welchem Ausmaß leidet." Da sei zum einen die geografische Dimension. Bereits ein Durchschnittsanstieg von 1,5 Grad hätte in einem Land wie Mali verheerende Auswirkungen. (Paper) In Mali leben etwa 80 Prozent der Menschen von Landwirtschaft. Durch fehlenden Regen drohen ihnen Ernteausfälle und Hunger. Der Klimawandel entzöge mehr Menschen die Lebensgrundlage als in Deutschland – wo nur 1,4 Prozent der Erwerbstätigen im Agrarsektor arbeiten. (Statista)

Aber nicht nur global sind Menschen unterschiedlich stark von Umweltbelastungen betroffen, sondern auch innerhalb des globalen Nordens. Das ist die soziale Dimension der Umweltgerechtigkeit.

Das erkannte schon die Schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA.  

Die mobilisierte erstmals in den achtziger Jahren gegen sogenannten Umweltrassismus – das Gegenteil von "Umweltgerechtigkeit". Forscher untersuchten im Auftrag einer Kirche, wie Sondermülldeponien vor allem in Gegenden gebaut wurden, in denen die ärmere Bevölkerung und Schwarze, Indigene und Latino lebten (NRC). Die Forscher bezeichneten das als "institutionalisierten Rassimus".

Auf dem Protestmarsch gegen eine dieser Deponien entstand 1982 in North Carolina ein Foto. Es wirkt, als wäre es neulich auf einem FfF-Protest aufgenommen worden: Kinder mit selbstgemalten Schildern, auf denen steht, dass sie sich um ihre Zukunft sorgen. (Timeline)

Auch heute sind Umweltrisiken ungleich verteilt.

Die Gefahr, in den USA an den Folgen von Luftverschmutzung zu sterben, sind für Schwarze dreimal höher, berichtet Quartz. Eine der letzten großen menschengemachten Umweltkatastrophen, die Flint-Wasserkrise, traf eine überwiegend schwarze Gemeinde in den USA. Um Geld zu sparen, bezog die Stadt Flint ihr Wasser aus dem schwer verpesteten gleichnamigen Fluss. Die Anwohnerinnen klagten über fauliges, verfärbtes Wassers. Bei Kindern wurden erhöhte Bleiwerte festgestellt. Bis heute ist das Problem nicht gelöst. (NRDC)

In Deutschland ist es schwieriger zu erfassen, wer besonders von Umweltbelastungen und dem Klimawandel betroffen ist. Das beginnt schon bei den Begriffen: Welche ethnische Herkunft (englisch: "Race") Betrofffene haben, wird gar nicht erfasst. Daten beziehen sich oft auf den deutschen Pass und den Migrationshintergrund – dessen Definition variiert aber je nach regionaler Statistik.

Trotzdem zeigen die Daten auch in Deutschland, dass Umweltgerechtigkeit ein Problem ist.

Stefanie Jähnen arbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Sie erklärt, dass die Forschung zu Umweltgerechtigkeit sich in Deutschland oft auf das Einkommen bezieht. In einer umfangreichen Studie von 2018 hat sie sich mit ihrem Kollegen Marcel Helbig den Stand der Segregation in Deutschland angeschaut. Das heißt: Wie sehr die ärmere Bevölkerung in Deutschlands Städten räumlich konzentriert lebt.

"Man weiß, dass Menschen mit niedrigem Einkommen eher in benachteiligten Nachbarschaften wohnen. Diese Nachbarschaften haben Merkmale, die sie in den Augen anderer Leute unattraktiv machen, sodass die Menschen hinziehen, die keine Wahl haben", sagt Stefanie Jähnen. Sie meint schlechteren Zugang zu Infrastrukturen wie Schulen, längere Anfahrtswege zur Arbeit, aber auch schlechteren Zugang zu Natur und Parks.

"Die Menschen sind höherer Lärmbelästigung und Umweltverschmutzung ausgesetzt, leben zum Beispiel an größeren Straßen oder in der Nähe von Industrieanlagen", sagt sie. In der Studie wird auch deutlich, dass es eine Segregation nach ethnischer Herkunft gibt – auch wenn sie in den vergangenen Jahren leicht abgenommen hat.

Aber ist Umweltgerechtigkeit in Deutschland auch eine Frage der ethnischen Herkunft?

Studien der Universität Kaiserslautern legen das nahe. Die Forscherinnen verglichen Daten über industrielle Verschmutzung mit demographischen Daten. Das Ergebnis: Menschen mit Migrationshintergrund und Migrantinnen sind überdurchschnittlich oft von Umweltverschmutzung betroffen.

Der Zusammenhang zeigte sich sowohl in der gesamtdeutschen Betrachtung als auch innerhalb von Städten. Beispielsweise in Städten im Ruhrgebiet oder dem Berliner Bezirk Neukölln. Die Korrelation sei auch nicht mit dem niedrigen sozioökonomischen Status und dem Bedarf günstigen Wohnraum wegzuerklären, schreiben die Forscher.  (European Sociological Review/Social Science Research)

Dazu kommt: Umweltungerechtigkeit benachteiligt die, die am wenigsten am Klimawandel schuld sind.

Laut einer Studie des Bundesumweltamtes von 2017 verursachen ärmere Menschen weniger Emissionen als die wohlhabenderen. Wer mehr verdient, leistet sich mehr Wohnraum, größere Autos und öfter mal Urlaubsreisen in andere Länder. Selbst wenn wohlhabende Menschen sonst bewusst leben (Bio-Lebensmitteln kaufen, auf Fleisch verzichten und Müll trennen), hat das insgesamt gesehen einen geringeren Effekt als mangelndes Einkommen. (Umweltbundesamt)

Was heißt das für "Fridays for Future"? Fairness für zukünftige Generationen zu verlangen, ist redlich. Aber bereits jetzt sind wir unterschiedlich vom menschengemachten Klimawandel und Umweltzerstörung betroffen. Umweltpolitik muss sozial gerecht sein - das zeigte schon die Debatte um die CO2-Steuer.

Greta Thunberg sagte beim Klimagipfel: "Wir müssen den Fokus auf Gerechtigkeit lenken". Wenn "Fridays for Future" nicht schnell Platz am Tisch macht, bleibt das ein Versprechen für die Kinder der weißen Mittel- und Oberschicht. Denn Umweltgerechtigkeit beginnt schon jetzt.

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