Bild: Frederick Vidal

Karg wirkt der Arbeitsplatz von Ida Westphal. In anderen NGO-Büros schreien bunt plakatierte Wände und herumstehende Fahnen schon beim Hereinkommen nach politischer Aktion. Bei ClientEarth gibt es ein paar Stühle, Tische, Computer und einen Meetingraum. 

Die juristische Vertretung der Erde ist auffällig unaufregend. Denn Idas Organisation ähnelt einer Anwaltskanzlei. Plakatieren geht hier niemand. ClientEarth setzt auf etwas anderes: Vorschriften, Gesetze, Gerichtsverhandlungen.

Ida ist Umweltjuristin – und ihre Mandantin die Erde. 

Die 32-Jährige trägt Kurzhaarfrisur und schwarzen Rollkragenpullover. Sie lächelt viel und wählt ihre Worte mit Bedacht. Ida ist selbstbewusst, eine ruhige Zuhörerin. Ihre eigenen Argumente hinterfragt sie manchmal noch im gleichen Satz, versucht immer wieder, sich zu präzisieren.

"Wir wollen zeigen, dass der Klimawandel ein Unternehmensrisiko ist", sagt sie.

Der Amerikaner James Thorton hatte die Organisation 2007 in London gründet. Er fand, dass im Umweltschutz zu wenig auf bereits geltendes Recht gesetzt wurde. Inzwischen sind Gerichtsprozesse im Namen des Umweltschutzes ein effizientes Mittel für NGOs. So hatte zum Beispiel eine Klage des BUND den Rodungsstopp im Hambacher Forst möglich gemacht. 

Jura für die Umwelt – das ist genau das Richtige für Ida. 

Die Norddeutsche ist für das Studium in Potsdam nach Berlin gezogen. Nur der passende Job fehlte danach: "Für mich war immer klar, dass ich nicht in eine Wirtschaftskanzlei gehen könnte", sagt sie. Auch die Stationen am Gericht gefielen ihr nicht, die Arbeit hatte einen zu werkzeughaften Charakter.  "Ich habe während meiner gesamten Ausbildungszeit mit Jura gehadert." 

Im September 2018 eröffnete ClientEarth ein Büro in Berlin. Doch als Volljuristin, nach fast zehn Jahren Studium, für eine kleine Organisation arbeiten, die sich mit Stiftungsgeldern und Spenden über Wasser hält? Deren Budget etwa durch die Versteigerung von 127 Pink Floyd-Gitarren entsteht? In einer klassischen Kanzlei könnte Ida viel mehr verdienen. Es gibt deutlich größere Anwaltskanzleien, die deutlich kleinere – besser zahlende Mandanten als die Erde annehmen.

Doch Ida möchte die Umwelt vertreten.

"Ich glaube, viele Leute studieren Jura ohne den Impuls, etwas auf der Welt verändern zu wollen." Ida wollte ihr Wissen anders einsetzen: "Wir müssen auf eine nachhaltige Gesellschaft umstellen, das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Ich sehe das Recht als ein Instrument, um das zu erreichen." 

Idas tägliches Geschäft ist die rechtliche Recherche. Sie muss sich mit anderen Organisationen abstimmen und immer wieder in neue Fälle einarbeiten. Ihr Job ist es, Unternehmen genau auf die Finger zu schauen. ClientEarth streitet gegen Überfischung, Vergrößerungen vom Tagebau oder gegen die Zerstörung von Naturschutzgebieten für den Bau einer Autobahn. 

Damit haben sie immer häufiger Erfolg. In Deutschland führten sie gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe einen Prozess gegen das Land NRW und mehrere Städte, weil deren Luftqualitätspläne gegen geltendes EU-Recht verstießen. Auf der Webseite heißt es: 

„Unser Ansatz funktioniert, weil das Recht eine Sprache ist, die Regierungen und Unternehmen verstehen.“
Webseite von ClientEarth

ClientEarth reichte eine Beschwerde an die BaFin über mutmaßliche Marktmanipulation von RWE über die Auswirkungen der Gerichtsentscheidung zum Hambacher Wald vergangenen Oktober ein. Gemeinsam mit dem BUND Brandenburg beantragten sie, dass Behörden in Brandenburg vom Tagebaubetreiber LEAG endlich ausreichende Sicherheiten für Umweltschäden einfordern. In Nordrhein-Westfalen unterstützt die NGO Anwohnerinnen am Tagebau Garzweiler, die sich gegen die Umsiedlung für Kohle wehren und einen rechtlichen Präzedenzfall herbeiführen wollen: Enteignungen für Kohle seien in Zeiten des Klimawandels nicht mehr im Interesse der Allgemeinheit. (ClientEarth/ClientEarth/ClientEarth)

Die NGO wächst. Neben den Büros in London und Berlin ist ClientEarth in Brüssel, Warschau, Madrid und Peking vertreten. In Polen konnten sie gerade ein Kraftwerk stoppen (Client Earth). Und während das Berliner Team mit Ida Westphal und ihrem Kollegen Hermann Ott, einem ehemaligen Bundestagsabgeordnete der Grünen, noch übersichtlich ist, arbeiten im Londoner Hauptsitz inzwischen 120 Juristinnen.

Idas Gegnerin ist die Kohleindustrie. 

Gerade versucht Ida, die Vergrößerung und Laufzeitverlängerung des Braunkohletagebaus im polnischen Turów zu verhindern. Der liegt am Dreiländereck zu Deutschland und Tschechien und hat daher auch Auswirkungen auf die sächsische Grenzstadt Zittau. 

"In Tschechien sollen Menschen für den Tagebau ihre Dörfer verlassen und auch auf deutscher Seite haben Tagebau und Kraftwerk Auswirkungen. Die Feinstaubbelastung steigt und das Grundwasser sinkt ab", sagt Ida. Sie prüft derzeit, ob die Betreiber die Umweltfolgen für Deutschland richtig und umfassend genug dargestellt haben – und kreidet Fehler an. 

Der Job ist nicht immer angenehm.

Für die Umwelt zu streiten heißt manchmal auch, sich gegen Firmenchefs und Kohleangestellte einzusetzen. Im September musste Ida bei einer öffentlichen Anhörung vor knapp 300 Menschen in Polen ihre Bedenken zum Tagebau äußern. 

"Die Belegschaft des Unternehmens hat alles ausgebuht, was man zum Thema Klima gesagt hat und bei jedem Beitrag ihrer Chefs natürlich stark applaudiert." Eine unangenehme Situation. Aber Ida glaubt, dass  Umweltschutz einen langen Atem braucht: "Den habe ich und bin bereit, ihn einzusetzen."

Eine eigene Klage gegen Energiekonzerne könnte das deutsche Büro von ClientEarth noch nicht stemmen. Das Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz sieht vor, dass gemeinnützige Umweltverbände mindestens drei Jahre in Deutschland tätig sein müssen, bevor sie vor Gericht ziehen dürfen. 

Bis dahin unterstützt Ida andere Umweltorganisationen oder Bürgerinneninitiativen bei rechtlichen Fragen. "Wir haben auch so genug zu tun", sagt sie. Im Mai veröffentlichte Client Earth, gemeinsam mit Greenpeace, einen Vorschlag eines Kohleausstiegsgesetzes: "Wir wollten damit zeigen: Rechtlich ist das überhaupt kein Problem, man muss nur den politischen Willen haben, ein solches Gesetz zu verabschieden. Der ist nur leider nicht da."

Idas Tage sind voller Termine. 

Sie stimmt sich mit anderen NGOs ab und fährt alle zwei Monate nach Brüssel  – mit dem Zug, versteht sich. Währenddessen gehen Zehntausausende bei Fridays For Future auf die Straße. Klimaaktivismus wird immer lauter und radikaler. Die Aktivistinnen und Aktivisten von Extinction Rebellion brechen medienwirksam das Recht für den Klimaschutz. Von Idas Arbeit merken die meisten nichts. Muss Klimaaktivismus laut sein?

"Ich verstehe total den Frust, der sich darin äußert und er ist wichtig, um ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen", sagt sie. Zivilen Ungehorsam für den Klimaschutz kann sie sehr gut nachvollziehen und die großen Demos machen ihr Hoffnung. Aber sie nutze eben das Recht, statt es zu brechen. "Es ist wichtig, dass beide Seiten da sind."

Hinweis: In einer früheren Version haben wir ClientEarth als "Anwaltskanzlei" bezeichnet, die Mitarbeiterinnen sind aber keine zugelassenen Rechtsanwältinnen. Nicht 60 sondern 120 Juristen arbeiten in der NGO.

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