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Wie es ist, wenn deine Verwandten wahrscheinlich in chinesischen Umerziehungslagern leben.

Erzwungener Propaganda-Unterricht, Folter, sexuelle Gewalt: Was ehemalige Häftlinge aus "Berufs- und Umerziehungscamps" im Nordwesten Chinas beschreiben, beunruhigt Menschrechtsorganisationen schon lange. 

Amnesty International geht davon aus, dass die chinesischen Behörden seit 2018 bis zu einer Million Uiguren in Internierungs- und Umerziehungslager eingewiesen haben. Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnet das Lagersystem als eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit, Experten sprechen von einem "kulturellen Genozid" (Tagesschau). 

Für Journalisten ist es nicht möglich, aus der Region selbst zu berichten. Deshalb stammen viele Informationen von Augenzeugen. 

Auch die Oma von Shahnura Kasim (17) soll in einem solchen Umerziehungslager sein, ihre Tante sei verschwunden und ihr Onkel soll in einem Lager verstorben sein, heißt es. 

Es ist üblich, dass Uiguren, die China verlassen haben, jeden Kontakt zu ihren Familien abbrechen, um sie vor Vergeltung zu schützen. Häufig werden die Zurückgebliebenen als Erpressungsmethode genutzt, um Geflohene zur Heimkehr zu bewegen. (Amnesty International)

Shahnura will jetzt auf die Unterdrückung der Uiguren in China aufmerksam machen. Deshalb hat sie sich vor kurzem an die Öffentlichkeit gewendet - via Instagram. Shahnura ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und besucht in München ein Gymnasium, nach der Schule will sie Politik studieren. 

Wir haben mit ihr über ihre Verwandten gesprochen - und über die Angst, die unter Uiguren auch hier in Deutschland herrscht.

bento: Shahnura, du hast ein Video auf Instagram geteilt, in dem du davon berichtest, dass deine Verwandten in Umerziehungscamps in Xinjiang sind. Was ist mit ihnen passiert?

Shahnura: Die einzigen Informationen, die ich habe, sind, dass meine Oma wahrscheinlich in einem Umerziehungscamp ist und durch das Lager psychisch krank wurde. In welchem Lager sie sein könnte, wissen wir nicht. Meine Familie und ich haben das letzte Mal 2015 mit ihr gesprochen. Außerdem ist meine Tante verschwunden und mein Onkel ist wahrscheinlich tot. Aber mit Sicherheit kann ich es nicht sagen.

bento: Wieso weißt du so wenig?

Shahnura: Weil es kaum Informationen gibt. Meine Oma hat 2015 das letzte Mal angerufen und gesagt, dass es ihr gut geht und dass wir nie wieder anrufen sollen. Dann ist der Kontakt abgebrochen. Auch zu meiner Tante und zu meinem Onkel besteht seit Jahren kein Kontakt, weil es fast nicht möglich ist, mit seinen Verwandten, die in der Provinz Xinjiang leben, Kontakt zu haben. Sie verschwinden einfach und keiner weiß wieso und wo sie sind. Die Informationen über meine Verwandten haben wir von einem Bekannten, der noch ganz wenig Kontakt zu seiner Familie in Xayar hat. 

Shahnuras Oma in besseren Zeiten

bento: Wie war das für dich, als du davon erfahren hast?

Shahnura: Das war ungefähr vor zwei Monaten. Ich hatte das Gefühl, alles bricht zusammen. Ich kam von der Schule und habe meine Mutter weinen gesehen. Sie erzählte unter Tränen, was sie von einem Bekannten gehört hat, der ihr die Informationen weitergegeben hat. Ich war total schockiert und konnte es nicht glauben. Ich habe meine Familie in Xayar nie wirklich kennengelernt oder gesehen. Aber sie waren trotzdem immer meine Familie und ich hatte immer eine Verbindung zu ihnen, auch wenn wir nie wirklich Kontakt hatten.

Mein Vater ist in den 1990er Jahren aus Xayar geflüchtet, weil die Uiguren damals schon unterdrückt wurden. Gerade junge Männer wurden immer wieder von Polizisten kontrolliert, festgenommen und verhört. Auf die Familie meines Vaters wurde nach seiner Flucht immer wieder Druck ausgeübt, weil die chinesische Regierung wollte, dass er zurückkommt und sie ihn für die Flucht bestrafen können. Aber mein Vater wusste, wenn er nach Xayar zurückkehren würde, würden sie ihn vermutlich töten.

bento: Wann wurde dir bewusst, dass das Leben deiner Familie wahrscheinlich in Gefahr ist?

Shahnura: Wir haben früher zuhause kaum darüber geredet. Ich wusste fast nichts über die Unterdrückung der Uiguren. Ich habe mich auch früher immer etwas geschämt, wenn ich gefragt wurde, woher ich eigentlich komme, weil ich nicht viel wusste. Aber je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich mit meinen Wurzeln auseinandergesetzt, weil ich mich gefragt habe, wer ich bin und woher ich komme. In den deutschen Medien wurde dann auch häufiger darüber berichtet und seit ungefähr zwei Jahren ist das für mich ein sehr zentrales Thema.

bento: Redet ihr jetzt zuhause öfter darüber?

Shahnura: Ja, auf jeden Fall. Wir reden offen darüber und ich habe auch ein paar uigurische Freunde hier in München. Mit ihnen spreche ich auch viel über das Thema. Aber das ist nicht überall so. Viele Uiguren sprechen nicht über da Thema, weil sie Angst haben.

bento: Wovor haben sie Angst?

Shahnura: Sie haben Angst, verhört zu werden und vor allem haben sie Angst um ihre Angehörigen, die in der Provinz Xinjiang leben. Denn auf ihre Angehörigen wird immer wieder Druck ausgeübt. Ihnen wird auch Geld als Belohnung für zurückgekehrte Verwandte versprochen. 

Mein Vater und seine Familie haben diesen Druck jahrelang erlebt. Er wurde immer wieder von Uiguren angerufen, die ihn überreden wollten, wieder zurück nach Xayar zu gehen. Aber mein Vater wusste, dass es sich eigentlich um Menschen handelte, die für die chinesische Regierung arbeiteten. 

bento: Du hast doch auch Verwandte dort, hast du keine Angst?

Shahnura: Ich weiß, dass es meinen Verwandten nicht gut geht und vielleicht beeinflusst meine Tätigkeit hier im Ausland tatsächlich ihre Situation. Aber es geht ja nicht nur um mich und meine Familie. Es geht um ein ganzes Volk, das die chinesische Regierung assimilieren will. Da kann ich nicht einfach stumm bleiben. Ich glaube sowieso nicht, dass die Situation meiner Verwandtschaft sich ändern würde, wenn ich stumm bliebe. Meine Eltern sehen das genauso.

bento: Aber kannst du auch verstehen, wenn andere Uiguren nicht so denken wie du?

Shahnura: Ich kann verstehen, wenn die Menschen nicht darüber reden wollen, weil sie Angst haben. Aber ich finde, man muss diese Angst überwinden und über das Thema in der Öffentlichkeit sprechen. Wir leben hier in einem freien demokratischen Land und ich fühle mich hier sicher. Wenn wir sogar in Deutschland still sind, dann wird sich nie etwas ändern. 

bento: Wie hat dein Vater damals auf die Erpressungsversuche reagiert?

Shahnura: Er hat deutlich gemacht, dass er nicht nach Xayar zurückkehren wird. Und seit 2013 hat er gar keinen Kontakt zu seiner Familie. Seine Eltern waren einige Jahre zuvor verstorben. Was mit seinen restlichen Familienmitgliedern ist, wissen wir nicht. 

bento: Wieso seid ihr so wenige?

Shahnura: Eigentlich leben in München rund 1000 Uiguren. Aber sie verbünden sich nicht, weil sie Angst haben. Viele werden – ähnlich wie mein Vater - sogar hier in Deutschland von Leuten angerufen oder kontaktiert, die für die chinesische Regierung arbeiten. Und es ist immer dieselbe Masche: Wenn sie demonstrieren oder wenn sie nicht zurückkommen, wird ihnen damit gedroht, es den Angehörigen in Xinjiang schwer zu machen. Viele sind, so wie mein Vater, vor Jahren aus dem Gebiet geflüchtet, weil die Unterdrückung der muslimischen Minderheiten nicht erst vor ein paar Jahren mit den Lagern angefangen hat. Sie war schon immer da.


Uni und Arbeit

Bienen zählen und Cyborg-Weihnachten: Wie ein Spiel die Zukunft simuliert
30 Berufe, eine Aufgabe – zu Besuch beim Future Game in einem Berlin Thinkspace.

Ich unterhalte mich mit Florian darüber, wie ein Cyborg-Weihnachtsmann im Jahr 2050 durch die Luft fliegt und Geschenke verteilt. Wir sind "Human Enhancement Advisor", beraten also Menschen, die sich durch Computerchips oder Roboterprothesen selbstoptimieren wollen. Gerade müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir Weihnachten retten können. "Nein, warte", sagt Florian, "wir pflanzen den Menschen einen Chip ein, der an Heiligabend alle einsamen Leute, zumindest in ihrem Kopf, zusammenbringt und glücklich macht." – "Geile Idee", sage ich, "so haben wir einen viel größeren gesellschaftlichen Impact."

Was klingt, als wären wir gerade auf einem ziemlich abgefahrenen Trip, ist eine Zukunftssimulation. 

Wir beschäftigen uns mit neuen oder veränderten Jobs. Gemeinsam mit drei Dutzend anderen Leuten stehen Florian und ich in einem Thinkspace in Berlin, einem offenen Raum, in den Menschen zum kreativen Austausch zusammenkommen sollen. Heute wird hier das "Future Game 2050" gespielt.