Die meisten Männer haben nachts keine Angst vor Übergriffen. Bei vielen Frauen ist das anders. Das liegt auch an der Erziehung – und muss sich ändern.

Es war Sommer, vor etwa 13 Jahren. Ein paar Freunde und ich malträtierten einen Mückenschwarm im Park mit einer Dose Pfefferspray. Schauen, was passiert.

Neulich musste ich an diese Situation zurückdenken. Nicht, weil ich von einer Mücke gestochen wurde. Sondern weil das Pfefferspray ein Symbol für ein Privileg ist, das ich habe.

Wir hatten das Spray von einer Freundin geborgt, die es in ihrer Handtasche dabeihatte. Nix Ungewöhnliches, fast alle Mädchen in meinem Freundeskreis besaßen Pfeffersprays. Sie gaben ihnen Sicherheit. Wir waren 15 und lebten in einer Kleinstadt im Schwarzwald. 

Männer sind priviligiert. Sie verdienen mehr Geld, sind überproportional in Macht- und Führungspositionen vertreten, leisten weniger unbezahlte Arbeit (SPIEGEL). Ich weiß das, in meinem persönlichen Leben blieb das bisher aber eher abstrakt. Ich habe keine Führungsposition, keinen höheren Stundenlohn als Kolleginnen und keine Kinder, um die ich mich zu wenig kümmern könnte. Das Privileg des sorgenfreien Heimwegs begleitet mich dagegen direkt, seit Mädchen in meinem Alter anfingen, Pfefferspray in der Handtasche zu tragen.

Schlüssel zwischen den Fingern, keine Kopfhörer

Wenn ich mich nach einem Kneipenabend auf den Heimweg mache, sind meine größten Sorgen, dass ich 20 Minuten auf die S-Bahn warten muss oder dass ich meine Kopfhörer nicht dabei habe. Für viele Frauen und Trans*- oder nicht binäre Personen kommt es gar nicht infrage, nachts auf dem Heimweg laut Musik zu hören. Sie haben das Gefühl, wachsam sein zu müssen. Bereit zur Verteidigung.

Pfefferspray und leise oder gar keine Musik sind bei weitem nicht die einzigen Schutzmaßnahmen, die Frauen auf dem Heimweg treffen. Die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl fragte einmal auf Twitter nach den Maßnahmen derjenigen, die keine Cis-Männer sind. Sie bekam mehr als 100 Antworten, die mir vor Augen führen, wie wenig Gedanken ich mir machen muss. Manche klemmen sich schlagbereit Schlüssel zwischen die Finger, manche telefonieren laut oder tun so, manche bleiben nüchtern. Viele meiden Männer.

Das Magazin Freundin bewirbt Tipps zum sicheren Heimweg so: "Der Mädelsabend hat mal wieder länger gedauert, draußen ist es mittlerweile stockdunkel und Sie müssen alleine nach Hause gehen? Kein Grund zur Sorge, denn zum Glück gibt es mittlerweile viele Erfindungen, die Sicherheit für den Heimweg versprechen." Es gibt Apps, die Begleitanrufe anbieten, Notrufe absetzen oder Kontaktpersonen alarmieren können (ZDF).

Der Fokus liegt falsch

Die Tricks und Gadgets mögen für einige das Sicherheitsgefühl erhöhen oder sogar mal wirklich aus einer misslichen Lage helfen. Bestimmt hat ein Taschenalarm schon mal einen übergriffigen Mann in die Flucht geschlagen. Dass das Thema Sicherheit auf dem Heimweg hauptsächlich darüber verhandelt wird, wie sich Frauen schützen können, suggeriert aber auch, dass sie in der Verantwortung sind. Als könne man nichts dran ändern, dass der Heimweg für sie gefährlicher ist. Frauen sind halt schwächer und Männer sind halt so, was sollen wir machen?

Warum 2020 die bento-Männer alle Artikel zum Frauenkampftag verantworten

Der Kampf für mehr Geschlechtergerechtigkeit wird meist vor allem von Frauen, Intersexuellen, Trans*- und nicht binären Menschen geführt. Für Sonderhefte und Themenspeziale zum 8. März müssen auch in deutschen Medienhäusern jedes Jahr vor allem sie die Überstunden leisten. 

Wir wollten das dieses Jahr umdrehen – und haben unsere Beiträge dazu von Cis-Männern planen, schreiben und produzieren lassen. Hier liest du mehr zu unserer Aktion #männerfürfrauen.

Dass körperliche Schwäche nicht der Grund für das ungleich verteilte Sicherheitsgefühl sein kann, sehe ich an mir. Ich bin nicht breit gebaut und wäre vielen Menschen, die ich nachts treffe, körperlich unterlegen. Trotzdem kann ich sorgenfrei angesoffen durch dunkle Gassen schlendern und Musik hören. 

Auch als Cis-Mann erlebt man ab und an unangenehme Situationen. Man wird angerempelt oder für einen "falschen Blick" bedroht. Aber nicht so regelmäßig, dass man schon davon ausgeht. Nicht so selbstverständlich, dass man sich bewaffnet. 

Um mein Privileg und den gesellschaftlichen Umgang damit besser zu verstehen, habe ich der Geschlechterforscherin und Soziologin Susanne Richter Fragen gestellt. Sie betont, dass der Fokus auf Betroffene von Übergriffen den Eindruck vermittle, dass Täter ohnehin nicht geändert werden könnten. So werde vermieden, über die strukturellen Hintergründe des Problems zu sprechen und sie zu hinterfragen – nämlich das "kulturelle Verständnis von Männlichkeit" und die Erziehung von Jungen.

Susanne Richter

(Bild: BGHS, Universität Bielefeld)

Männliche Stereotype zu bekämpfen und Jungs dazu zu erziehen, nicht übergriffig zu werden, klingt als Gegenmaßnahme logisch. Aber auch in der Erziehung von Mädchen läuft offenbar teilweise etwas falsch.

Wen bitten wir, auf sich aufzupassen?

Die "männliche Privilegien Checkliste" von Queertopia (pdf) nennt als Privileg Nummer 8: "Mir wird nicht beigebracht Angst zu haben, wenn ich im Dunkeln in der Öffentlichkeit unterwegs bin."

Ich frage eine Freundin, ob sie dem zustimmen würde. Sie hat schon öfter übergriffige Situationen erlebt, sieht ihre Ängste aber auch eher in der Erziehung begründet als in den Vorfällen. Bereits als kleines Kind sei ihr immer wieder erklärt worden, was ihr in der Öffentlichkeit alles zustoßen könne. Ihre Mutter habe ihr eingebläut, dass sie vorsichtig sein müsse. 

Aber nicht nur die elterliche Erziehung habe dabei eine Rolle gespielt: "Schau dir Märchen an. Die Männer erleben die Abenteuer und die Frauen müssen aufpassen, nicht in den Turm gesperrt zu werden".

Auch Susanne sieht das weibliche Rollenbild als Teil des Problems. "Wem wünschen wir am Ende einer Party, dass sie gut nach Hause kommen und auf sich aufpassen sollen?" Man müsse die "Herstellung von Frauen und Mädchen als ängstliche Subjekte, deren Verletzlichkeit im Vordergrund steht", überdenken. Deshalb könnten etwa Selbstverteidigungskurse für Frauen durchaus eine empowernde Wirkung haben, auch wenn die Verteidigungsverantwortung der Frau nicht im Fokus der Diskussion stehen soll.

"Es vermeiden, nachts hinter Frauen zu gehen"

Das Aufbrechen von Geschlechterrollen ist ein gesellschaftlicher Prozess, für den sich viele Menschen einsetzen, der aber lange dauern wird. Was können Männer jetzt im Alltag tun, um das Heimweg-Privileg abzubauen – außer natürlich, niemals übergriffig zu werden?

Sich mit der Thematik auseinandersetzen, sagt Susanne. Darüber sprechen. Und ganz konkret: "Es vermeiden, nachts hinter Frauen zu gehen, um ihnen kein unbehagliches Gefühl zuzumuten." Und nachts tendenziell darauf zu verzichten, fremde Frauen anzusprechen.

Sich daran zu halten, ist einfach. Es sollte das Mindeste sein. 

Ich habe es lange nicht hinterfragt, wenn Freundinnen von mir Pfefferspray dabeihatten oder einander baten sich Nachrichten zu schicken, wenn sie sicher zuhause angekommen sind.

Wie jedes Privileg ist auch das männliche Heimweg-Privileg nicht gottgegeben, sondern kann und muss hinterfragt, bekämpft und abgebaut werden. Weil jeder Übergriff einer zu viel ist. Weil das Unsicherheitsgefühl die Freiheit so vieler Menschen einschränkt. Und einfach weil es wunderbar ist, nachts sorgenfrei und angesoffen durch die Stadt zu schlendern und Musik zu hören. Alle sollten das können. 


Fühlen

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Selten kommt man im Alltag in so eine verletzliche Position wie auf dem Gynäkologenstuhl. Deshalb ist besonders wichtig, dass die Ärztin oder der Arzt respektvoll und sensibel mit ihren Patientinnen umgehen. 

Nicht immer ist das der Fall. Studien zeigen, dass für viele Frauen der Gang zur Gynäkologin mit Angst oder Scham verbunden ist. Die Internetforen sind voll von Berichten über abfällige Kommentare von Gynäkologen, über ruppige, schmerzhafte Untersuchungen und unnötige intime Fragen. Wer beispielsweise trans* oder lesbisch ist, ein Kopftuch trägt oder einen Rollstuhl benutzt, ist in dieser ausgelieferten Situation demnach manchmal noch zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt.