Bild: Franziska Bulban
Je mehr Menschen, desto schlechter für die Erde?

Menschen zerstören den Planeten. Und spätestens seit die Klimakrise so viel Aufmerksamkeit bekommt, scheint man sich einig: Je mehr Menschen, desto schlechter ist das für die Erde. 

Dabei ist die reine Zahl nicht das Problem. Und sie wird benutzt, um sexistische und rassistische Argumente zu rechtfertigen.

Die Angst vor der Überbevölkerung ist nicht neu: 1798 wurde sie vom britischen Ökonomen und Pastor Thomas Malthus erfunden. Er sagte Krankheiten, Hunger und Verderben in ungekanntem Ausmaß voraus. Seither von der Geschichte widerlegt: Bis vor drei Jahren wuchs die Weltbevölkerung, während beispielsweise die Zahl der Hungernden, kontinuierlich sank. Seit 2016 steigt sie wieder (FAO).

Trotzdem starrt man jedes Jahr wieder auf die Zahl der Menschen auf dem Planeten, als sei sie ein Countdown – als würde die Erde aus dem Sonnensystem fallen, wenn acht Milliarden Menschen erreicht sind. Oder neun. Oder zehn.

Im Kampf gegen die "Überbevölkerung" wurden grausame Verbrechen begangen: 

1969 wurde der Weltbevölkerungsfonds mit der Maßgabe gegründet, die "Bevölkerungsexplosion" zu stoppen. Dabei wurden viele staatliche Programme "rigoros und nicht selten unter Missachtung von Menschenrechten" durchgeführt. (Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen)

Die Angst vor Überbevölkerung führte, häufig gepaart mit regionalem Rassismus, unter anderem zu Zwangssterilisation und zur "Ein-Kind-Politik". Hinter jedem dieser Worte verbergen sich Tausende Schicksale. 

Noch 2014 starben beispielsweise 15 Frauen in einem staatlichen Sterilisationscamp in Indien (BBC). Und bis heute glauben manche, Kinderleben in armen Ländern zu retten würde zu Überbevölkerung führen und den Planeten weiter in Gefahr bringen. Spoiler: Das Gegenteil stimmt. Je weniger Kinder sterben, desto weniger Kinder bekommen Frauen, hier ausführlich erklärt vom Entwicklungsexperten Hans Rosling: 

Seit etwa 20 Jahren gibt es daher einen Paradigmenwechsel in der internationalen Bevölkerungspolitik. Auf der Weltbevölkerungskonferenz 1994 wurde der Fokus auf die Stärkung von Frauenrechten gelegt. Die Idee: Wenn es Frauen besser geht, wenn sie gebildet sind und selbstbestimmt und wenn sie auf Verhütungsmittel zugreifen können, dann sinkt auch die Geburtenrate. 

Und so klingt auch das Video zum aktuellen Weltbevölkerungsgipfel ein bisschen, als hätten Edition F und Emma gemeinsam eingeladen: 

Der Fokus bleibt aber: die Frau in armen Ländern.

Und auch heute droht ein Gespräch über die Zahl der Menschen auf der Welt wieder in sexistische und rassistische Argumentationen abzurutschen, frei nach dem Motto: "Diese" Menschen in "diesen" Ländern sind zu arm und ungebildet und außerdem rückständig und sexuell aktiv und bringen uns damit alle in Gefahr, wo wir doch so viel besser wissen, was zu tun ist.

Jetzt spricht natürlich viel dafür, Frauen rund um die Welt zu schützen und zu unterstützen, bis heute sind die Lebensumstände vieler Frauen dramatisch. Aber diese Unterstützung als Mittel zum Zweck der Geburtenreduktion zu inszenieren, ist schon eingermaßen zynisch, als würde man sich zusammensetzen und sagen: "Wir müssten mal was für Frauen machen!" "Och nöö, die jammern doch schon seit Jahrhunderten!" "Aber dann bleiben sie doof und machen Kinder und dann geht die Welt unter..." "Ne, das geht nicht! Dann lass uns mal was für Frauen machen."

Zumal auf der anderen Seite Frauen in Deutschland bis heute durchaus das Gefühl vermittelt wird, ihr Land mit einer niedrigen Geburtenrate irgendwie verraten zu haben. Um einen müden Wortwitz zu bemühen: Wie frau es macht, macht sie es falsch.

Besonders absurd wird das alles vor dem Hintergrund des Klimakrise-Argumentes.

Denn die Tatsache, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, kann man nicht Menschen in Südsudan unterschieben. Wenn wir alle wie sie lebten, kämen wir mit unseren Ressourcen aus (BBC) – hätten aber auch oftmals keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Elektrizität oder Bildung.

Wenn hingegen alle auf der Welt ungefähr so lebten wie Menschen in Deutschland, wäre es um die Welt schlechter bestellt. Mit meinem Verbrauch (mittelgroße Wohnung in Hamburg, Fahrrad, eine große Urlaubsreise pro Jahr und etwa vier paar Schuhe) bräuchte es beispielsweise schon drei Erden – bei der Organisation "Global Footprint Network" kann sich das jeder für sein eigenes Leben berechnen lassen.

Wenn es also darum geht, die Zahl an Menschen zu reduzieren, um den Planeten zu retten, dann hätten weniger Menschen in Industrienationen den größten Einfluss auf die Rettung der Welt. Der Fernsehmoderator Markus Lanz fragte in einem Gespräch mit "Fridays for Future"- Aktivistin Luisa Neubauer neulich, was für ein "Menschenbild" hinter solchen Gedanken stecke, das "CO2 gegen Babys" aufrechne. (Utopia)

Die Sache ist: So lange es nicht um deutsche Babys geht, ist die Frage, wie sich die Weltbevölkerung reduzieren lässt, kein Tabu, sondern Standard. Was soll das dann für ein Menschenbild sein, das dahintersteckt?

Natürlich haben die Themen Bevölkerung und Klimakrise etwas miteinander zu tun. Die Ökonomin Kate Raworth hat dafür ein Modell entwickelt, das sie "Doughnut Economics" nennt:

Ihrer Meinung nach geht es darum, sich vom Bild des linearen Wachstums zu lösen – und die Wirtschaft stattdessen von Ressourcen und menschlichen Bedürfnissen her zu denken:

  • Bedürfnisse: Wo liegt das Minimum, das jeder Mensch zum Leben braucht?
  • Ressourcen: Was steht uns pro Person zur Verfügung?

Wenn man diese beiden Begrenzungen ernst nimmt, ist die große Herausforderung der Menschheit, die Balance zu finden: Wie schaffen wir es, alle Menschen über die untere Grenze zu heben, ohne dabei die obere einzureißen? 

Dass wir auf beiden Seiten die Begrenzungen überschreiten, ist der eigentliche Skandal: Wir haben noch nicht allen Menschen Zugang zum Minimum verschafft - verbrauchen aber schon mehr Ressourcen, als uns der Planet zur Verfügung stellt. 

Das Problem an dem Narrativ der Überbevölkerung ist, dass wir die Verantwortung für beides bei den Schwächsten der Weltbevölkerung suchen. Aber die Leben, die man mit Zugang zu sauberem Wasser und einer Wurmkur retten kann, bringen aktuell das Klima kaum in Gefahr. Wir tun es.

Die Frage ist also vielmehr: Wie sehr stehen "wir" Vielverbraucher in der Schuld der Wenigverbraucher? Und wie könnte man diese Schuld auch in politisches Kapital ummünzen? Ideen dafür gibt es viele, doch sie alle beinhalten eine Krux: 

Wir, das heißt Menschen mit Macht auf einer globalen Ebene und ihre Repräsentanten, müssen einsehen, dass unsere Art zu leben das Problem und nicht die Lösung ist. 

Und alles andere sind Ablenkungsmanöver.


Fühlen

"Wir wollen gucken, wie unterschiedlich Mösen aussehen"
Noch immer wissen viele Frauen zu wenig über die eigene Anatomie. Wie drei Frauen das ändern wollen.

Während es früher als unerhört galt, als Frau ein aktives Sexualleben zu haben und offen über den eigenen Körper zu sprechen, ist dies heute zum Glück normal. Trotzdem ist die weibliche Anatomie noch immer mit vielen Tabus behaftet – das zeigt schon das Wort "Schamlippen", das Aktivistinnen gerne durch den neutraleren Begriff "Vulvalippen" ersetzt sehen würden.

Die Vorstellung, das weibliche Geschlecht müsse perfekt sein, beeinflusst die Selbstwahrnehmung vieler Frauen. Blöde Witze, die Vagina würde nach Fisch riechen, leisten dazu noch ihren Beitrag.

Hinzu kommt, dass die Aufklärung Jugendlicher lückenhaft ist. Das Ergebnis: ein unvollständiges Bild der eigenen Sexualität. Doch viele Menschen arbeiten daran, dies zu ändern – zum Beispiel Ronja und Katrin mit ihrem Podcast "Clitoria's Secrets", sowie die Aktivistin Laura Méritt, die in ihre Wohnung zum Pornogucken einlädt.

"Wir haben mit Ausfluss angefangen, jetzt gehen wir da ein bisschen tiefer rein", sagt Ronja ins Mikro. Für die Folge "Muschis sind schrumpelig und stinken nach Fisch" musste ihre Kollegin Katrin ein wenig kämpfen: Ausfluss und Intimgeruch sind für viele Frauen noch immer schambehaftet. Das hat viele Gründe – von Erziehung, die Mädchen vermittelt, man solle sich selbst "da unten" nicht anfassen bis zu Mädchen- und Frauenmagazinen, die noch immer vermitteln, die Frau müsse alles tun, um dem Mann zu gefallen.

"Ich bin erschrocken, dass es auf Instagram eine Challenge gibt, bei der Frauen ihre Höschen fotografieren, wenn sie auf Toilette sitzen", erzählt Katrin in der Folge. Gewonnen habe die Frau, "die das sauberste Höschen hat. Das entspricht nicht der Realität und führt dazu, das Frauen sich dafür schämen." Das sei absurd, denn Ausfluss in der Unterhose sei ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem gut funktioniert.