Ein Twitter-Bot meldet Landeanflüge von Diktatoren-Privatjets auf Genf.

Die Schweiz hat ein sehr strenges Bankgeheimnis. Kunden, die hier Geld anlegen, wollen oft unerkannt bleiben. Das gilt für Manager und Fußball-Funktionäre, aber auch für Diktatoren.

Der Schweizer Journalist François Pilet und sein Cousin Julien Pilet wollen darauf aufmerksam machen. Auf Twitter haben sie den Bot @GVA Dictator Alert eingerichtet, der An- und Abflüge von Privatjets am Flughafen Genf meldet.

Das sind die Tweets zum Durchklicken:
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Es handelt sich nur um Jets, die Diktatoren und Autokraten zugeordnet werden können. Die Pilets wollen damit zeigen, wie die Diktatoren Schwarzgelder auf Schweizer Konten beiseite schaffen und oft schon Stunden später wieder abfliegen.

Was genau die Staatsmänner in Genf tatsächlich tun, wissen sie jedoch nicht. Nur, dass die Jets kommen und wieder verschwinden. Etwa 100 Maschinen aus 21 Ländern sind gelistet.

Kürzlich wurde unter anderem Russland aufgenommen:
Warum machen die das?

Er wolle so eine "sehr verschworene Welt" aufzeigen, sagt François. "Vielleicht sind viele Diktatoren tatsächlich nur zum Shopping in Genf, aber wir sollten uns trotzdem jedes Mal, wenn ein Flugzeug landet, erneut fragen: Warum kommen diese Typen her?"

François kam die Frage bei einer Recherche. Er arbeitete an einer Geschichte über Teodoro Obiang Nguema Mbasogo, den Präsidenten von Äquatorial-Guinea. Obiang führt das Land seit mehr als 30 Jahren, unterdrückt die Opposition und verfolgt Minderheiten (Amnesty International). Er sei einer der korruptesten Diktatoren der Welt, sagt François.

François fiel auf, dass der Sohn des Autokraten regelmäßig mit einer Privatmaschine in Genf landete – die aber im europäischen Luftraum eigentlich gesperrt ist. "Zu diplomatischen Gesprächen konnte er daher nicht im Land sein", sagt François. "Ist es also, weil die Familie das Geld verstecken will, dass sie der Bevölkerung gestohlen hat?"

Die Schweiz weiß um ihr schlechtes Image als Geldwäschestandort. Eine Koordinationsgruppe zur "Bekämpfung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung" wurde bereits 2013 eingesetzt. Kritisch bleibt die Lage dennoch: Erst vergangene Woche verkündete die Finanzaufsicht, dass 15 Banken in der Schweiz beim Thema Geldwäsche "im roten Bereich" seien ("Handelszeitung").

Wie funktioniert der Bot?

Die technische Arbeit leistete vor allem François' Cousin Julien. Jedes Flugzeug sendet ständig Signale seiner Flugnummer, seiner Position und Reisegeschwindigkeit, der Dienst FlightRadar24 nutzt sie zum Beispiel. Die Signale kann man schon mit einfachen Antennen empfangen.

Die Pilets haben die Flugnummern bekannter Maschinen von Diktatoren und ihrer Familienmitglieder gelistet. Erkennen ihre Antennen in Genf ein registriertes Flugzeug, postet ein Twitterbot automatisch die entsprechenden Informationen. Das sieht dann so aus:

Wer ist alles auf der Diktatoren-Liste?

Neben Russland unter anderem der Iran, Saudi-Arabien und kleinere Golfstaaten wie Katar und Bahrain. Außerdem afrikanische Diktaturen und zentralasiatische Autokratien. Aufgenommen werden Länder, die im Democracy Index des "Economist" schlecht abschneiden. "Als wir gesehen haben, dass Russland gelistet ist, haben wir sofort die Maschinen von Putin herausgesucht", sagt François.

Was der Radar nicht verrät: Wer mit den Maschinen anreist und aus welchen Gründen. Nur, weil ein Jet Putin gehört, muss der nicht drin sitzen. Und nur, weil russische Maschinen in Genf landen, müssen die nicht wegen Bankgeschäften landen. Vor allem der russische Außenminister Sergej Lawrow kam in den vergangenen Monaten regelmäßig zu den in Genf stattfindenden Friedensgesprächen im Syrienkonflikt – die Stadt ist also auch ein Ort internationaler Beziehungen.

Welche Maschinen landen am häufigsten in Genf?

"Der absolute Gewinner ist die Obiang-Familie", sagt François, 25-Mal seien Maschinen im vergangenen halben Jahr gelandet. "Im Grunde kommen sie im Wochentakt." Auf Äquatorial-Guinea würden Katar und Aserbaidschan folgen.

Katar war immer wieder zu den Syriengesprächen geladen. Ob sie auch mit Geld anreisen, kann François nicht wissen. Aber spätestens, wenn Diktatorensöhne mit ihren Maschinen landen, ist für ihn alles klar: "Dann geht es nur ums Geld."

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