Viele zensieren sich nun selbst.

Die türkische Regierung geht nach dem gescheiterten Putschversuch hart gegen ihre Gegner vor. Nicht nur innerhalb des Militärs gab es Tausende Festnahmen (bento). Auch Journalisten wurden verhaftet, Schulen, Universitäten und Gewerkschaften geschlossen. Dies geschah unter dem Vorwand, sie stünden der Gülen-Bewegung nahe, die Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht (faz.net).

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete vergangene Woche, die Polizeidirektion Ankaras rufe Bürger nun zur Mithilfe auf: Sie sollen Personen melden, die in den sozialen Netzwerken "terroristische Aktivitäten" unterstützen und "dunkle Propaganda" verbreiten (aa.com.tr).

Die Aufforderung zur Denunziation hängt nun auch im türkischen Nahverkehr. Auf einem Plakat steht der Aufruf der Polizei, "den Terror unterstützende" Facebook-Profile zu melden.

"Viele haben nun Angst", sagt die 30-jährige Deniz, die ein Foto des Aufrufs in einer Istanbuler U-Bahn gemacht hat. "Meine Freunde löschen nun viele ihrer Facebook-Posts. Auch schließen sie private Whatsapp-Gruppen."

In der Slideshow: Eine Übersicht der bisherigen Putschversuche
Das türkische Militär sieht sich traditionell als Verfechter der demokratischen Grundordnung der Türkei. Bereits drei Mal kam es in der Geschichte des Landes zu einem Militärputsch.
27. Mai 1960: Das Militär stürzt den Ministerpräsident Adnan Menderes, weil es die demokratische Grundordnung in Gefahr sieht. Die Regierung hatte zuvor die Pressefreiheit und die Rechte der Opposition eingeschränkt. Die Streitkräfte lassen Menderes und seine zwei Minister hängen und bleiben 17 Monate an der Macht.
12. März 1971: Gewalttätige Angriffe linker Terroristen nehmen in der Türkei zu. Infolgedessen zwingt die Armee Ministerpräsident Süleyman Demirel zum Rücktritt. Ein Jahr später setzt sie wieder eine zivile Regierung ein.
12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit einem Putsch. Das Militär verhängt als Antwort auf linken und rechten Terror das Kriegsrecht. 650.000 Menschen werden festgenommen, viele hingerichtet. Die Militärherrschaft geht erst drei Jahre später offiziell zu Ende.
15. Juli 2016: Mehrere hochrangige Militärs versuchten in einer Nachtaktion, die Macht im Land an sich zu reißen und Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen. Dieser rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf – knapp 300 Menschen kamen bei Straßenkämpfen ums Leben. In den frühen Morgenstunden galt der Putsch als gescheitert. Erdogan startete in den Wochen danach eine "Säuberungswelle".
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Die Angst scheint berechtigt. Was "terroristische Aktivitäten" sind, wird von der türkischen Regierung nämlich ziemlich breit interpretiert. Oft bedeutet es einfach: Erdogan-kritisch.

Die Wissenschaftlerin Deniz hat dies selbst erlebt. Vor einigen Monaten unterzeichnete sie die Petition der "Akademiker für den Frieden". Das Schreiben forderte die türkische Regierung auf, die Kämpfe gegen die kurdische PKK im Südosten des Landes zu beenden und die Friedensverhandlung wieder aufzunehmen. In mehreren Reden bezeichnete Erdogan die Wissenschaftler daraufhin als Unterstützer von Terrorgruppen. Gegen alle Unterzeichner läuft nun ein Verfahren wegen "terroristischer Propaganda" (bento).

In der Slideshow: Was in der Nacht des Putschversuchs geschah
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Deniz postet seitdem nicht mehr viel bei Facebook. "Wegen des Verfahrens gegen mich bin ich in letzter Zeit schon vorsichtiger geworden und habe nichts Kritisches mehr geteilt", erzählt sie. "Deshalb lösche ich meine Facebook-Posts jetzt auch nicht. Aber ich zensiere mich, das schon."

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