Bild: Jakob John Seewald
Fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling

Liest man von Tunesien, kommen einem gemischte Bilder in den Sinn: Nach dem Arabischen Frühling vor fünf Jahren begann das Land einen hoffnungsvollen demokratischen Prozess. Gleichzeitig gehört Tunesien zu den arabischen Ländern mit den meisten Anhängern der islamistischen Terrormiliz "Islamischer Staat".

Dabei steht gerade die Hauptstadt Tunis für eine weltoffene Gesellschaft. Die Jugendlichen hier lieben es zu feiern und die Liebe zu leben. Sie knipsen Selfies, lassen sich tätowieren und schmieden Pläne für ihre Zukunft. Diese unterscheiden sich nicht viel von denen deutscher Jugendliche.

Acht junge Tunesier haben uns erzählt, wie sie auf ihr Land und ihre Zukunft schauen.

Youssef Gontara, 23, Architekturstudent aus Tunis
(Bild: Jakob John Seewald)

An Tunesien mag ich vieles. Den Umgang mit Mädchen und Frauen zum Beispiel: Wir schätzen sie mehr, als es in anderen arabischen Ländern der Fall ist.

Was ich jedoch nicht mag: Unser Land könnte in vielen Bereichen gut sein, wird aber von der Korruption ausgebremst. Unser Denken muss sich verändern, das wird noch lange dauern. Ich möchte dazu beitragen. Wenn ich mit meinem Studium fertig bin, möchte ich ein ehrlicher Architekt sein. Mein Vorbild ist Oscar Niemeyer. Er hat in den 1950er Jahren die brasilianische Hauptstadt Brasilia gebaut.

Religion ist ein schwieriges Thema bei uns. Leider ist es in der islamischen Welt oft ein Problem, über Glauben zu diskutieren. Ich selbst halte aber den Islam für eine logische und ausdrücklich gute Religion.

Fotostrecke: Die Lage in Tunesien
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Sonia Sallem, 21, Jurastudentin aus LaSukra
(Bild: Jakob John Seewald)

Ich bin in Tunis auf eine französische Schule gegangen und studiere mittlerweile im vierten Jahr Jura in Paris.

Auch wenn ich es überwiegend als schön empfinde, alleine zu wohnen, war es am Anfang schwierig für mich. Umso stolzer bin ich darauf, jetzt stark und unabhängig zu sein. Aber gerade im Winter vermisse ich nicht nur die Wärme des tunesischen Klimas, sondern vor allem die Wärme der Menschen und natürlich meine Familie.

Mein Studium hat mir geholfen, mich bei Problemen auf meine Ziele zu konzentrieren. Jura passt gut zu meiner Persönlichkeit. Schon als Kind habe ich mir geschworen, die Welt zu verändern, indem ich Menschen unterstütze. Und ich habe in meiner Heimat gemerkt, wie wichtig es ist, für seine Rechte zu kämpfen.

Badreddine Ghali, 29, selbständiger Art Director aus Rades
(Bild: Jakob John Seewald)

Meine größte Leidenschaft ist Musik. Ich höre seit 20 Jahren Hip Hop. Für mich ist es ein Teil meiner Persönlichkeit. In den Straßen werde ich wegen meines Kleidungsstils schräg angeschaut. Aber darauf gebe ich nichts.

Die tunesische Revolution hat mein Leben ziemlich durcheinander gebracht. Am Anfang war es toll – eine Atmosphäre wie bei einem Fußballspiel. Wir jungen Leute konnten plötzlich alles rauslassen, unserer Wut über die Politiker. Mit der Revolution verlor ich allerdings meinen Job beim Fernsehen. Als dann Politiker erschossen wurden, fühlte ich mich vollends verloren. Der Arabische Frühling war für viele eine große Hoffnung.

Fatma Mosbah, 25, Architekturstudentin aus Ariana
(Bild: Jakob John Seewald)

Adrenalin und Spaß – das liebe ich! Letzten Sommer war ich auf dem Ephemere-Festival in der tunesischen Küstenstadt Hammamet. Der absolute Hammer: 6000 gut gelaunte Menschen, elektronische Musik und die Polizei lässt einen in Ruhe. Leider hatten einige DJs aus Angst vor Terroranschlägen abgesagt. Ich finde: Damit spielt man den Extremisten in die Hände.

Sehr wichtig ist mir Respekt, vor allem der vor meinen Eltern, unserer Gesellschaft und unserer Kultur. Ein Beispiel: Mit meinem Freund bin ich seit sechs Jahren zusammen. Aber er war noch nie bei mir zuhause. Erst wenn die Hochzeit ansteht, werden wir zusammenziehen.

Amir, 24, Bauer und Künstler aus Kasserine
(Bild: Jakob John Seewald)

Irgendwann habe ich einen Pinsel in die Hand genommen und gemerkt, dass ich mich durch das Malen gut ausdrücken kann. Eigentlich habe ich Landwirtschaft studiert, meine Familie hat einen Bauernhof. In Zukunft möchte ich beide Bereiche vereinen.

Momentan versuche ich mich im Surrealismus und orientiere mich an Dali und Modigliani. Am liebsten male ich draußen in der Natur. Manchmal bringe ich drei Monate lang keinen einzigen Strich fertig, manchmal zeichne ich drei Bilder in einer Woche. So wechselhaft bin ich. Für mich heißt Leben ständige Veränderung. Jeder Tag bringt etwas Neues.

Ich liebe es einfach, vom Leben überrascht zu werden.

Mariem Nasfi Karo, 23, Privatlehrerin für Englisch aus Gabes
(Bild: Jakob John Seewald)

Der glücklichste Moment meines Lebens? Ich war mit Freunden im Norden Tunesiens zelten. Dort am Meer gibt es bezaubernde Strände. Wir haben in einer Höhle mit Blick auf das Meer Schutz vor plötzlich einsetzendem Regen gesucht. Gegen fünf Uhr hatte der Regen aufgehört, alles war friedlich. Und als ich auf das Meer schaute, schwammen Delphine vorbei.

Die bisher schlimmste Zeit in meinem Leben war, als mein Großvater Mustafa mit 72 Jahren gestorben ist. Ich mochte ihn sehr. Er besaß eine Oase in der Nähe von Gabes, meiner Heimatstadt im Süden Tunesiens. Immer wenn ich Probleme mit meinen Eltern hatte, ging ich zu meinem Opa.

„Viele Tunesier haben sich zutiefst geschämt nach den schlimmen Anschlägen in Sousse und Tunis“

Tunesien ist für mich ein Land der Freude, der Liebe und des liberalen Islam. Ich habe in Gabes bisher noch keinen einzigen Islamisten gesehen. Wenn in Tunesien ein junger Mann mit Bart herumläuft, versuchen ihn seine Eltern zu verstecken, weil sie sich für den "islamistischen" Bart schämen. Generell haben sich viele Tunesier 2015 nach den schlimmen Terroranschlägen am Badestrand von Sousse und dem Bardo-Museum in Tunis zutiefst geschämt.

Abbes, 25, Architekt aus Sfax
(Bild: Jakob John Seewald)

Ich liebe Tunesien, deshalb will ich auch etwas bewirken. Vieles muss sich wirtschaftlich und gesellschaftlich ändern: Stell dir vor, du studierst fünf Jahre und verdienst danach 200 bis 300 Euro im Monat.

Ich habe den Moment genossen, während der Revolution öffentlich über die Regierung sprechen zu können und keine Angst vor der Polizei haben zu müssen. Dieses Gefühl der Freiheit war toll, aber leider nur von kurzer Dauer.

Den Arabischen Frühling sollten wir trotzdem als Chance für einen Neuanfang begreifen. Wir müssen auf Tunesiens Stärken setzen, zum Beispiel beim Tourismus. Tunesien hat tolle Strände und eine unglaubliche Geschichte, es gibt viele Partys und Festivals, leckeres Essen und jeden Tag Sonne. Unser Kampf für die Freiheit hat sich nur gelohnt, wenn wir dem Terror etwas entgegnen können.

Kenza, 20, Journalistin aus LaSukra
(Bild: Jakob John Seewald)

Weder die Revolution noch die Terroranschläge haben mein Leben wirklich verändert. Natürlich hat mich das schockiert und mir auch weh getan. Mir macht aber noch mehr Angst, dass ich irgendwann meine Motivation und mein Engagement verlieren könnte. Ich möchte gerne ins Ausland gehen, um einen Master zu machen. Einen Bachelor in Business Administrations habe ich bereits. Dann möchte ich in einer Produktionsfirma arbeiten.

"Remote madness" war der Titel meines ersten selbst gedrehten Films. Er wurde auf einem internationalen Kurzfilm-Wettbewerb für die originellste Idee ausgezeichnet.

Mein Ziel ist es, Filme selbst zu produzieren. Ich bin vernarrt ins Kino. Außerdem habe ich den Traum, irgendwann ein eigenes Start-Up zu gründen.

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