Bild: EPA/Mohamed Messara

In ihrem Land wächst etwas Dunkles heran, das wurde den tunesischen Behörden früh bewusst. Bereits im Dezember 2012 rief die tunesische Armee die "Operation Chambi" aus – eine Militäroffensive gegen Islamisten im Land. Sie dauert bis heute an, Dutzende Dschihadisten und Elite-Soldaten wurden getötet (Jeune Afrique I).

Benannt ist der Militäreinsatz nach dem Djebel Chambi, einem gewaltigen Bergmassiv an der Grenze zu Algerien im Westen des Landes. Islamistische Gruppen verschanzen sich in seinen Schluchten und agieren über die Grenze hinweg. Mit dem Schmuggel von Öl und Drogen verdienen sie Geld, mit Anschlägen werben sie für ihre Sache.

Denn die tunesischen Islamisten wollen attraktiv sein – für eine von der Revolution enttäuschte Jugend im Land. Einer dieser Enttäuschten: Anis Amri, der verdächtigt wird, den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz verübt zu haben.

Bei der Lkw-Attacke kamen am Montagabend zwölf Menschen ums Leben, Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt. Am Freitag wurde Amri in Italien erschossen (bento I). Der 24-jährige Tunesier gehörte in seinem Land zur Generation Arabischer Frühling. Sein Heimatstadt Waslatia, auch Oueslatia geschrieben, liegt im Schatten des Djebel Chambi.

In Amris Heimat hatte vor sechs Jahren der Arabische Frühling begonnen.

Auch wenn es bei ihm keine Anzeichen gab, dass er sich noch in Tunesien radikalisiert hat – bisherigen Erkenntnissen nach wendete er sich erst in seiner Zeit in Europa den Islamisten zu (SPIEGEL ONLINE) – gibt es viele Jugendliche im Land, die in die Fänge von Dschihadisten geraten.

Vor allem junge Tunesier hatten sich neue Freiheiten und sichere Arbeit erhofft (bento II). Von diesen Träumen ist wenig geblieben, Geld lässt sich vor allem im Hinterland mit Schmuggel verdienen – oder indem man sich Dschihadisten anschließt und anfängt zu kämpfen. Viele Milizen zahlen ihren Kämpfern Sold.

Sechs Jahre nach der Revolution ist Tunesien zu einem Hotspot für Terroristen geworden.

Die meisten ausländischen Extremisten, die sich Terrorgruppen in Syrien, dem Irak und Libyen angeschlossen haben, kommen aus dem nordafrikanischen Land. Nach Schätzungen kämpfen bis zu 7000 Tunesier für die Terrormiliz "Islamischer Staat" oder das Netzwerks Al-Qaida in Syrien und Libyen (McClatchy DC).

Vor allem zwischen 2011 und 2014 hatten sich viele Jugendliche radikalisiert. Die tunesische Regierung gab an, allein zwischen 2013 und 2015 weitere 12.000 Islamisten an der Ausreise gehindert zu haben ("Le Figaro").

Was wie ein Erfolg der Behörden klingt, bedeutet in Wahrheit: Das kleine nordafrikanische Land beherbergt eine enorme Zahl junger gewaltbereiter Dschihadisten. Die meisten sind Kinder des Arabischen Frühlings.

In der Fotostrecke – Tunesien seit dem Arabischen Frühling:
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Alles begann mit Verzweiflung: Der Obsthändler Mohamed Bouazizi hatte sich im Dezember 2010 aus Protest gegen Polizeiwillkür öffentlich selbst verbrannt. In der Folge ging die Jugend des Landes auf die Straße, Langzeitdiktator Zine el-Abidine Ben Ali wurde entmachtet (bento III).

Der Arabische Frühling setzte sich in anderen Ländern fort, doch nur Tunesien galt bislang als geglücktes Beispiel. Eine islamistische Regierung konnte sich nicht durchsetzen, die neue Verfassung wurde als fortschrittlich gelobt. Das nationale Dialogquartett erhielt 2015 sogar den Friedensnobelpreis, weil es sich für eine Demokratie im Land eingesetzt hat.

Von diesem Stolz auf die Demokratie ist in den ländlichen Gegenden heute nur noch wenig übrig.

Radikale Prediger haben Zulauf, die Jugend fühlt sich vom Staat im Stich gelassen. Einer Studie des nationalen Jugendobservatoriums zufolge sympathisiert ein Drittel der tunesischen Jugend mit den Ideen des radikalen Salafismus ("La Presse Tunisie").

Und beinahe 80 Prozent aller nicht studierten Jugendlichen betrachtet international gelistete Terrorgruppen nicht als Extremisten – sondern lediglich als Jugendorganisationen. Der Salafi wird zum Kumpel von nebenan, zum "ouled houma", wie sich junge Tunesier vom Land nennen (Mehr dazu in der Studie von International Alert).

"Arbeitslosigkeit ist hier ein Lifestyle"
Ein Jugendlicher aus Kasserine

Dass sich junge Tunesier islamistischen Ideen zuwenden, liegt dabei weniger am Koran als viel mehr an Perspektivlosigkeit: Rund 75 Prozent der tunesischen Volkswirtschaft konzentriert sich entlang der Küste. Abseits großer Städte wie Tunis und Sousse gibt es keine Jobs und keine Chance, mit innovativen Ideen voranzukommen. "Arbeitslosigkeit ist hier ein Lifestyle", sagt Hossam Yahyaoui, ein junger Radiomoderator in Kasserine (CS-Monitor).

Die Provinz Kasserine – in der der umkämpfte Djebel Chambi liegt – bildet im tunesischen Entwicklungsindex das Schlusslicht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 23 Prozent, deutlich über dem offiziellen Landesschnitt von 15 Prozent (Konrad-Adenauer-Stiftung). Wenig besser sieht es in Kasserines Nachbarregionen Kairouan und Sidi Bouzid aus. In Sidi Bouzid hatte 2010 der Aufstand gegen Ben Ali begonnen.

(Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung)
Die Profiteure der Armut sind Terrorgruppen wie "Ansar al-Scharia" und die "Uqba ibn Nafi"-Brigade.

Die Brigade wird der Al-Qaida im Maghreb zugeordnet, Ansar al-Scharia soll lose mit dem IS verbunden sein. Beide Terrornetzwerke wurden erst nach 2010 gegründet, sie verfügen über Maschinengewehre, Landminen und Panzerfäuste und verschanzen sich in den Bergen des Djebel Chambi. Nachwuchs rekrutieren sie über radikale Imame in den Moscheen des Landes. Die tunesische Regierung hat bereits begonnen, Imame staatlich zu kontrollieren.

Denn am meisten leidet Tunesien selbst unter den Dschihadisten:

  • Im Globalen Terrorindex 2016 belegt das Land Platz 35 – von insgesamt 130 Ländern.
  • Beim verheerendsten Anschlag auf die Armee seit der Unabhängigkeit 1956 kamen im Sommer 2014 14 Soldaten in einem Hinterhalt um (Jeune Afrique II).
  • Noch schlimmer war der Anschlag auf das Bardo-Museum in März 2015 in Tunis: Zwei Attentäter hatten mit Kalaschnikows auf Touristen geschossen, die gerade aus Reisebussen stiegen. Insgesamt 24 Menschen kamen ums Leben ("Neue Zürcher Zeitung").
bento-Hintergründe zum Thema Islamismus:
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Diesen Terror tragen Tunesiens radikale Jugendliche nun auch immer häufiger nach Europa. Anis Amri, der mutmaßliche Attentäter von Berlin, war nicht der erste Tunesier, der einen Lastwagen in eine Menschenmenge steuerte. Er hatte ein Vorbild in seinem Landsmann Mohamed Lahouaiej Bouhlel (bento IV).

Bouhlel war im Juli mit einem Lastwagen über die Uferpromenade von Nizza gerast. Bei dem Anschlag starben 84 Menschen.

Weiterlesen: Die Hintergründe zu Anis Amri


Grün

Die Temperaturen am Nordpol erreichen den Schmelzpunkt

Glaubst du an den Weihnachtsmann? Dann weißt du ja sicher auch, dass er am Nordpol wohnt. Nach neuen Messungen kann er in diesem Jahr den Schlitten stehen lassen – und sich stattdessen ein Boot nehmen. Denn in der Arktis kletterten nun die Temperaturen bis zum Schmelzpunkt bei 0 Grad Celsius. Das zeichnete eine Messstation am Donnerstag des North Pole Environmental Observatory auf.

Der Grund? Der Klimawandel.

Durch den Ausstoß von Treibhausgasen erhöht sich stetig die Temperatur der Erde. Diese Erderwärmung ist gefährlich für den Planeten: Sie sorgt für heftigere Stürme und Wetterphänomene, vor allem aber sorgt sie für das Schmelzen der Eisflächen an den Polen. Das bedroht den Lebensraum von Tieren und lässt den Meeresspiegel steigen – eine Gefahr vor allem für Städte in Küstennähe.