Bild: Thomas Baldischwyler
Sie stehen auf der Reeperbahn und lotsen Kundschaft rein

Ehe die Nacht auf der Hamburger Reeperbahn vorbei ist, wurde man als Passant mit Sicherheit mindestens einmal angekobert. Kobern, das bedeutet in Hamburg so viel wie Anwerben. Die Koberer stehen neben den Türstehern auf dem Bordstein herum und wollen Menschen überreden, in ihren Laden zu gehen.

Es gab auf der Reeperbahn mal knapp 80 Koberer, die vor allem junge Männer in den Live-Sex-Club oder die Tabledancebars lockten. Geblieben sind heute noch etwa 25, und die nennen sich auch lieber "Portiers", das klingt nicht ganz so anrüchig.

Wir haben drei Koberer erzählen lassen: über den Kiez und ihren Job.

Fabian, Olivias Wilde Jungs

(Bild: Thomas Baldischwyler )
Zum ersten Mals stand ich Anfang der neunziger Jahre vor der Tür. Ich war gerade 19 und ein Niemand. Nicht du entscheidest, ob du nach St. Pauli gehst – St. Pauli entscheidet, ob es dich aufnimmt. Bis dahin heißt es am Rand kratzen, jahrelang.

Peep-Show, Puff, Tabledance-Bar, zack, zack, zack. Die ganze Straße runter. So sah das damals hier aus. Wenn man hier nicht zum Mann wird, wo dann? An der Tür waren wir die Macker, die großen Zampanos. Betäubungsmittel, Prügel, das ganze Programm. Polizei? Die brauchten wir nicht. Wir regelten die Dinge selber, Mann gegen Mann. Die Gäste hatten noch Respekt – Respekt vor der Tür, den anderen Besuchern, den Frauen und dem Stadtteil.
(Bild: Thomas Baldischwyler )
Mittlerweile gehe ich in mein 24. Jahr als Türsteher, acht Jahre arbeite ich als Koberer. Zwischenzeitlich hatte ich auch mal die Schnauze voll von St. Pauli. Ich hatte keinen Bock mehr, mich jedes Wochenende zu prügeln, ich hatte keinen Bock mehr, 300 Mark zu verdienen und 4000 Mark für eine Gerichtsverhandlung bezahlen zu müssen.

Aber irgendwann klingelte das Telefon, Jeff Pierron war dran. Der Betreiber des Live-Sex-Clubs Safari wollte wissen, ob ich nicht Urlaubsvertretung für Siggi machen könne. So bin ich am Ende doch wieder hier gelandet.

Siggi war 76, davon 50 Jahre Koberer, jedes Jahr zwei Wochen Urlaub an der Ostsee. Vom Kobern hatte ich keine Ahnung, das sollte ich als Siggis Vertretung lernen. Nach drei Tagen war die Lernphase vorbei – Siggi starb im Urlaub.

Zwei Jahre stand ich dann vor der Safari-Tür, während drinnen bis zu 17 Paare auf der Bühne vögelten. 2013 dann das Ende des Ladens – nach 50 Jahren Live-Sex. Zeiten ändern sich eben. Da machte ich aber schon für Olivia Jones die Tür, die hatte gerade einen neuen Laden eröffnet. Nun stehe ich also vor der einzigen Men-Stripbar Europas. Das Wichtigste ist heute meine Sprache, nicht mehr die Muskeln.

Torsten, Kiez Alm

(Bild: Thomas Baldischwyler )
Ganz ehrlich, ich sehe mich nicht als Koberer. Der Begriff hat wie das Rotlichtmilieu ein negatives Image. Ich sehe mich darum einfach als Promoter. Nicht mehr und nicht weniger.
Ein paar Jahre lang habe ich Promotion für Fitnessprodukte gemacht, nun für unseren Laden, unsere Partys. Vor allem aber für die gute Zeit, die man bei uns haben kann. Seit zwei Jahren mache ich das.
(Bild: Thomas Baldischwyler )
Ob du nun vor einem Tanzlokal stehst oder vor einer Tabledancebar, du möchtest in jedem Fall, dass die Leute in deinen Laden kommen. Bleiben sie stehen, ist das schon mal die halbe Miete. Das Wichtigste sind ein gepflegtes Aussehen und eine vernünftige Ausdrucksweise. Bei "Ey Alter, komm mal rüber" geht doch jeder weiter.

Hinter den Leuten herlaufen oder sie gar anfassen, das geht gar nicht. Außerdem ist es wichtig, sich auf unterschiedliche potentielle Kunden einstellen zu können: Junge, Alte, Paare, Gruppen, Touristen.
Die anderen Promoter-Jungs und ich stehen auf dem Bordstein, mit bunten Gutscheinen in der Hand – "Der erste Drink umsonst, 2 für 1", sowas halt. Neben Menschenkenntnis und überzeugenden Worten sind diese Gutscheine das Wichtigste. Jeder Promoter hat eine andere Farbe, am Ende des Abends wird gezählt und abgerechnet.

Mit den Kollegen anderer Läden gibt es keine Probleme. Wir sitzen ja irgendwo alle im gleichen Boot. Man grüßt sich, wenn man zur Arbeit kommt, man wünscht sich 'nen schönen Tag, wenn man geht. Will ein Paar nach dem Feiern noch eine Stripteaseshow sehen, empfehlen wir auch schon mal 'nen Laden, umgedreht schicken Kollegen auch Leute zu uns, die noch irgendwo Tanzen gehen wollen.

Früher bin auch ich hier Feiern gegangen und nun stehe ich auf der anderen Seite. Auf der Seite, die zu mir passt.

Shaun, A La Charme

Shaun, (Bild: Thomas Baldischwyler )
Ich mache das seit cirka dreieinhalb Jahren. Eigentlich habe ich KFZ-Mechaniker gelernt, Koberer oder Portiers, wie wir uns nennen, sind mir ehrlich gesagt früher gar nicht aufgefallen – obwohl ich Hamburger bin. Ich bin immer straight in den Club rein.
Irgendwann erzählte mir ein Freund, er habe einen coolen Job auf dem Kiez, ob ich mir das vorstellen könne. Ich hab's mir dann mal angeschaut, gemerkt, dass mir das liegt – und seitdem bin ich hier.
(Bild: Thomas Baldischwyler )
Wir punkten mit dem Laden. Das A La Charme ist anders - größer, modernerer, sauberer, keine Absteige. Sowas wie ´ne Duschkabine direkt hinter der Bar, in der Striptease Frauen tanzen, findest du woanders eben nicht. Dazu haben wir eine Preisgarantie. Das heißt, man zahlt nur, was auf der Preistafel steht – nicht mehr.

In Läden, die nichts anzubieten haben, ist es schwer für den Koberer. Da muss der Koberer schon Geschichten erfinden, um die Leute überhaupt in den Laden reinzubekommen, und die Gäste bekommen dann am Ende nichts geboten, fühlen sich verarscht, sie wurden ja auch verarscht.

Bei uns gibt es auch keinen weiteren Bestellzwang, das ist vor allem für das ältere Publikum sehr wichtig. Willst du 'nen Private Dance, dann bezahlst du im Voraus – genau wie alles andere. Kein Aufschreiben, keine Rechnung, so kommt es am Ende nicht zu bösen Überraschungen.

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