Die türkische Polizei hat die Jagd eröffnet.

Morius E. ist in der Türkei gerade ein berühmter Mann. Als "deutscher Agent" wird er bezeichnet, er soll in Istanbul Flugblätter gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan verteilt haben. 

Mithilfe eines ferngesteuerten Druckers habe der 26-jährige E. die Anti-Erdogan-Flyer direkt aus einem Hotelzimmer am Istanbuler Gezi-Park verteilen lassen. Nun sei er auf der Flucht, wahrscheinlich ist er schon wieder in Deutschland. 

Die türkischen Behörden haben seinen angeblichen Ausweis an die Medien weitergegeben:
Ob es Morius überhaupt gibt, ist unklar – denn die Flugblätter gehen eigentlich auf das "Zentrums für politische Schönheit" zurück.

Das "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) ist ein Künstlerkollektiv, das mit gewagten Aktionen auf Missstände hinweisen will – und politische Reaktionen provozieren möchte. Unter anderem planten sie die Versteigerung von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier auf eBay (Süddeutsche Zeitung) oder drohten, geflüchtete Menschen hungrigen Tigern zum Fraß vorzuwerfen (Die Zeit).

Manchmal blieben die Aktionen theoretisch, außer eine Homepage und ein paar PR-Stunts passiert oft nichts. 2015 beerdigten sie allerdings in einer vielbeachteten Aktion eine verstorbene Syrerin in Berlin. Menschen, die auf der Flucht nach Europa starben, sollen in Berlin bestattet werden, direkt bei ihren "bürokratischen Mördern", wie es auf der Website hieß. (SPIEGEL

Nun geht auch die Aktion in Istanbul auf ihr Konto, wie Philipp Ruch vom "Zentrum" bento am Sonntag bestätigte. Dem Stunt in Istanbul ging ein Aufruf von Anfang vergangener Woche voraus. Dabei wollte das Zentrum Menschen dazu animieren, Flugblätter in Diktaturen abzuwerfen:

Am Freitag passierte also in Istanbul genau das: Flugblätter mit dem Slogan "Tod dem Diktator" wurden in Istanbul abgeworfen.

Auf dem Flugblatt soll es unter anderem heißen: "Seid keine willenlose Herde von Mitläufern, die zulässt, dass Nachbarn getötet oder eingesperrt werden." Und: "Gemeinsam sind wir stärker als jedes System. Tod dem Diktator!" Außerdem gibt das zweisprachige Flugblatt offenbar an, aus Mitteln des Freistaates Bayern und der Bundesregierung finanziert worden zu sein. 

Türkische Medien wie "Hürriyet" und "Daily Sabah" berichteten über die Aktion. Philipp bestätigte den Werdegang ebenfalls. 

Demnach haben sich mehrere Freiwillige in mehreren Hotels in Istanbul eingemietet und die Aktion vorbereitet. "Eigentlich hatten wir vier Drucker", sagt Philipp, "wir haben sie Churchill I bis IV genannt". 

Die Drucker wurden so präpariert, das sie automatisch drucken können und die Blätter aus einem geöffneten Fenster flattern.

Allerdings habe es mit drei Geräten dann doch Probleme gegeben beziehungsweise die Hotels lagen nicht günstig. Am Ende funktionierte nur ein Drucker in dem Zimmer direkt am Gezi-Park. Von den Freiwilligen, die das Projekt vorbereitet hatten, sei keiner mehr vor Ort gewesen. Zum angeblichen Morius E. sagt Philipp nichts. 

"Der Drucker hat in dem Moment losgelegt, als die Maschine gerade im Landeanflug in Deutschland war."
Philipp Ruch

In einer Pressemitteilung schildert das "Zentrum für politische Schönheit" weitere Details der Aktion. Auf Facebook und Twitter zeigen die Aktivisten zudem Videos und Fotos, die die Drucker-Installation in dem Hotelzimmer zeigen sollen.

Ob es weitere Aktionen in anderen Diktaturen und Autokratien geben wird, will Philipp nicht sagen. Allerdings hätten sich auf den Aufruf von Anfang der Woche mehr als 70 Interessenten gemeldet: 

"Wir haben also genug Freiwillige sowie einen technischen Weg, um niemanden in Gefahr zu bringen."
Philipp Ruch

Hinweis

In einer ersten Version des Artikels hatten wir noch keine Stellungnahme vom "Zentrum für politische Schönheit". Das wurde jetzt aktualisiert.


Gerechtigkeit

Mehr als 10.000 Menschen haben in Hamburg gegen G20 protestiert

Eine große Weltkugel rollt am Sonntagmittag durch die Hamburger Innenstadt, langsam vorwärts gedrückt von tausenden Menschen. Aus der Ferne sieht es aus, als tanze ein Ball wie auf einem Meer von Demonstranten. Auf Banner steht "Global umfairteilen" und "Kohle stoppen".

"Protestwelle" heißt die erste große Demonstration, die sich am Sonntag gegen den bevorstehenden G20-Gipfel richtete. Laut Polizei haben etwa 10.000 Demonstranten teilgenommen, die Veranstalter sprechen von mehr als 18.000 Menschen.