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​"Sie sind so einfach zu manipulieren"

Der Putschversuch in der Türkei am vergangenen Freitag endete schnell, sehr schnell. Ungewöhnlich für eine Armee, die schon mehrmals in der Geschichte erfolgreich gegen die Regierung geputscht hatte. Das könnte auch am fehlenden Zusammenhalt innerhalb der türkischen Armee gelegen haben.

Nun stellt sich die Frage: Wussten die Soldaten überhaupt, dass sie an einem Putschversuch teilnahmen?

Im Slider: Übersicht der Putsche

Das türkische Militär sieht sich traditionell als Verfechter der demokratischen Grundordnung der Türkei. Bereits drei Mal kam es in der Geschichte des Landes zu einem Militärputsch.
27. Mai 1960: Das Militär stürzt den Ministerpräsident Adnan Menderes, weil es die demokratische Grundordnung in Gefahr sieht. Die Regierung hatte zuvor die Pressefreiheit und die Rechte der Opposition eingeschränkt. Die Streitkräfte lassen Menderes und seine zwei Minister hängen und bleiben 17 Monate an der Macht.
12. März 1971: Gewalttätige Angriffe linker Terroristen nehmen in der Türkei zu. Infolgedessen zwingt die Armee Ministerpräsident Süleyman Demirel zum Rücktritt. Ein Jahr später setzt sie wieder eine zivile Regierung ein.
12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit einem Putsch. Das Militär verhängt als Antwort auf linken und rechten Terror das Kriegsrecht. 650.000 Menschen werden festgenommen, viele hingerichtet. Die Militärherrschaft geht erst drei Jahre später offiziell zu Ende.
15. Juli 2016: Mehrere hochrangige Militärs versuchten in einer Nachtaktion, die Macht im Land an sich zu reißen und Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen. Dieser rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf – knapp 300 Menschen kamen bei Straßenkämpfen ums Leben. In den frühen Morgenstunden galt der Putsch als gescheitert. Erdogan startete in den Wochen danach eine "Säuberungswelle".
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Der Verein für Kriegsdienstverweigerung Vicdani Ret Derneği will Aussagen der am Putsch beteiligten Soldaten unterster Ränge gesammelt haben. Der Verein gründete sich vor drei Jahren in Istanbul, um sich gegen die Strafverfolgung sogenannter "Deserteure" und für ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung einzusetzen.

Die Aktivisten erklären in ihrem Statement, viele Soldaten hätten gar nicht gewusst, dass sie an einem Putschversuch teilnahmen.

Einfache Soldaten sperrten auf Anweisung ihrer Generäle in dieser Nacht die Bosporus-Brücke und den Atatürk-Flughafen in Istanbul; sie sollen gedacht haben, dass es sich um eine Übung handelt, so der Verein. Als sie diesen Irrtum realisierten, seien einige desertiert. (Imc TV)

Im Slider: Was in der Nacht passiert ist

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Ihre Angst ist berechtigt:

Nach dem gescheiterten Putschversuch wurden viele Soldaten von Erdogan-Anhängern angegriffen. Die prokurdische Partei HDP berichtet von Lynchmorden islamistischer Gruppen (Blog der HDP). Außerdem denkt Präsident Recep Tayyip Erdoğan darüber nach, die Todesstrafe wiedereinzuführen (bento). Davor müssten sich vor allem jene Soldaten fürchten, die an dem Putsch beteiligt waren.

Sicherlich sind nicht alle der am Putsch beteiligten Soldaten unschuldig: Einige sollen während der Kämpfe gezielt auf Zivilisten geschossen haben; so starben in der Putschnacht insgesamt mehr als 250 Menschen. Und trotzdem: Es ist erschreckend, wie Soldaten nach ihrer Festnahme behandelt werden.

Wer sind die Männer, die als Putschisten verhaftet wurden?

Der Großteil der mittlerweile mehr als 6000 verhafteten Militärs sind Mitglieder unterster Ränge. Also vor allem einfache Wehrpflichtige. (sueddeutsche.de)

In der Türkei ist ein Militärdienst von 15 Monaten verpflichtend für alle Männer ab 20 Jahre. Nur wer nach der Schule zu studieren anfängt, kann den Dienst verkürzen und um einige Jahre nach hinten verschieben. Einen Zivildienst gibt es in der Türkei nicht. Allerdings besteht regelmäßig die Möglichkeit, sich "freizukaufen": Das kostet allerdings Tausende Euro. Für die meisten jungen Männer ist das zu viel Geld. (Al Monitor)

Sie sind wahnsinnig leicht zu manipulieren.
Adil, 26

Es können sich also nur gut gebildete, wohlhabende Türken leisten, den Wehrdienst zu umgehen; dementsprechend bilden die untersten Ränge der Armee vor allem junge Männer aus ärmeren Verhältnissen. "Man kann sich nicht vorstellen, wie ungebildet die meisten Wehrpflichtigen sind", berichtet Adil, 26, der im vergangenen Jahr seinen Militärdienst in Zentralanatolien absolviert hat. "Ich sage das nicht, weil ich auf diese Menschen herabsehe. Sie sind dadurch nur wahnsinnig leicht zu manipulieren."

Die Wahrscheinlichkeit, dass viele von ihnen einfach blind Befehle ihrer putschenden Vorgesetzten befolgten, halte ich für hoch.
Kerem Schamberger

Der linke Aktivist Kerem Schamberger schreibt auf Facebook: "Wenn man sich die Fotos vieler Soldaten auf den Bosporus-Brücken anschaut, wird deutlich, dass es sich zum großen Teil um niedrigste Ränge handelt, ohne irgendein Abzeichen. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele von ihnen einfach blind Befehle ihrer putschenden Vorgesetzten befolgten, halte ich für hoch." Kerem, 30, ist Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei, setzt sich schon lange mit der Türkei-Politik auseinander und wird immer wieder zitiert, auch von deutschen Medien wie dem NDR.

Der Verein für Kriegsdienstverweigerung Vicdani Ret Derneği hat soeben eine sehr interessante Erklärung abgegeben. Er...

Posted by Kerem Schamberger on Sunday, July 17, 2016
Viele Menschen in der Türkei teilen seine Meinung.

Unter dem Hashtag #askerimedokunma ("Hände weg von meinem Soldat") bekunden Türken ihre Solidarität mit den Soldaten, die sie für unschuldig halten. Sie teilen Bilder von jungen, verschreckten Männern und ihre Wut darüber, wie diese nun unter Misshandlung leiden.

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