Bild: Hatice Ince
Ich hasse mein Land nicht, nur weil ich Erdogan kritisiere.

Mein fünfter Geburtstag war der schönste in meiner Kindheit. Ich erinnere mich noch heute ganz genau: Meine Tante hatte mir eine Schokotorte gebacken und viele Kinder waren gekommen, um mich zu feiern, mit allen war ich verwandt. Diesen Geburtstag feierte ich in Zonguldak, einer kleinen Stadt an der Schwarzmeerküste der Türkei. In jenem Jahr war ich das erste Mal in der Türkei.

Immer wieder verbrachte ich in den folgenden Jahren meine Sommerferien dort. Die Türkei, die ich kennenlernte, war bunt, frei und unbeschwert. Bei meiner Abreise weinte ich jedes Mal, wenn der Flieger wieder abhob. Ich träumte sogar davon, irgendwann nach Istanbul zu ziehen und von dort als Journalistin zu arbeiten. Ich liebe diese Stadt bis heute.

Die Türkei, die ich jetzt sehe, ist eine andere.

Nach dem versuchten Militärputsch vor zwei Wochen wurden mehr als 1000 Privatschulen geschlossen, 21.000 Lehrer wurden entlassen sowie 3000 Richter und Staatsanwälte. 6000 bis 10.000 Soldaten wurden festgenommen. Es gilt der Ausnahmezustand und die türkische Regierung hat angekündigt, die Europäische Menschenrechtskonvention teilweise auszusetzen.

Mich macht das ratlos, traurig, wütend – und ich habe Angst vor Gegenwart und Zukunft. Mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass die Türkei sich isoliert und irgendwann alleine dasteht. Dass die Lage sich noch mehr anspannt und im schlimmsten Fall zu einem Bürgerkrieg führt.

Im Slider: Was in der Putschnacht passiert ist

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Selbst wenn ich in Deutschland wohne, trifft das alles auch mich. Schließlich wohnen der Großteil meiner Familie und einige Freunde in der Türkei. Außerdem haben wir meinen Vater in der Türkei begraben, er ist vor sechs Jahren gestorben.

Ja, Erdogan hat viel Gutes in die Türkei gebracht, eine neue Brücke zum Beispiel, einen neuen Flughafen, einen prunkvollen Palast. Das zählen Erdogan-Anhänger gern auf.

Ich aber erinnere mich vor allem daran, dass er kritische Journalisten und politische Gegner festnimmt. Selbst jene, die ihn mit Gollum vergleichen, zitiert er vor Gericht. (bento)

Deswegen haben inzwischen selbst einfache Bürger in der Türkei Angst, ihre Meinung zu äußern.

Während der Putschnacht habe ich mit einer Bekannten aus Bremen via Facebook gechattet, die schon länger in Istanbul lebt, sie schrieb mir, wie viel Angst sie vor der Zukunft hat. Vor dem Putsch hat sie auch immer mal wieder was Kritisches auf Facebook gepostet. Seit der Putschnacht ist es recht ruhig um sie geworden.

Auch meine anderen Bekannten in der Türkei sind auf Facebook verstummt.

Kein Wunder: Die Polizeidirektion Ankaras hat Bürger zur Mithilfe aufgerufen; sie sollen Personen melden, die in den sozialen Netzwerken "terroristische Aktivitäten" unterstützen und "dunkle Propaganda" verbreiten.

Aber auch in Deutschland merke ich, dass sich die Stimmung verändert hat – nicht erst seit dem Putschversuch: Als "extra 3" im Frühjahr das Lied "Erdowie, Erdowo, Erdogan" veröffentlichte, habe ich als Fan der Sendung meine Witze über diesen Fall gerissen. Wie meine Landsleute dieses Lied nur persönlich nehmen können, fragte ich. Wie können sie nur befürworten, dass Erdogan deswegen Diplomaten zu sich zitiert.

Das kam nicht so gut an: Einige Facebook-Freunde beleidigten und entfreundeten mich. Ob ich vergessen hätte, wo meine Wurzeln sind, fragten sie. Dass ich den Deutschen in den Arsch krieche. Für diese Personen bin ich ganz klar eine Verräterin, weil ich unser Land lächerlich mache.

Dabei sehen sie nicht, dass ich nur die Politik kritisiere – nicht das Land an sich. Dass es mir nur um Erdogan ging. Es interessiert sie auch nicht, dass es in der Türkei auch schon Satire-Sendungen gab, die die Regierung kritisieren, früher einmal.

Das stört mich an der Situation in Deutschland derzeit am meisten:

Wenn ich Erdogan kritisiere, sagen seine Befürworter sofort, ich würde mein Vaterland hassen. Das stimmt nicht. Wenn mir nichts an meinem Land liegen würde, würde ich mich nicht mit ihm beschäftigen. Wie langweilig wäre es, wenn wir alle einer Meinung wären? Meinungen gehen auseinander, das gehört zu einer Demokratie dazu.

In der türkischen Community gibt es allerdings derzeit nur zwei Lager: Erdogan-Befürworter und -Gegner, beide Parteien stehen sich unversöhnlich gegenüber. Mich macht es traurig, dass die türkische Community gespalten ist und offenbar verlernt hat, miteinander zu kommunizieren.

Vielleicht sollten wir alle einmal tief durchatmen. Vielleicht finden wir einen Weg, wieder vernünftig miteinander umzugehen. Mich würde es freuen.

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