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Istanbul, Mai 2013: Ein paar Dutzend Aktivisten haben sich im Gezi-Park versammelt, im Zentrum der Stadt. Der Park soll einer Shopping-Mall weichen. Das wollen die Demonstranten verhindern. Die Polizei rückt an mit Wasserwerfern und Tränengas, das Ordnungsamt zündet die Zelte der Protestierenden an.

Das brutale Vorgehen ist jener Funke, der den bis dahin winzigen Protest zu einer Massenbewegung macht.

Schon bald geht es nicht mehr um Grünflächen und Bäume, sondern um Demokratie und Freiheit. Die Jugendlichen sind es leid, dass der Staat sie gängelt. Sie wollen Alkohol trinken, wann sie es wollen. Sie wollen Kinder kriegen, wann und mit wem sie wollen. Sie wollen in einer modernen und säkularen Gesellschaft leben.

Es folgen Tage, an denen sich die Demonstranten in der Türkei heftige Straßenschlachten mit der hochgerüsteten Polizei liefern. Acht Menschen werden dabei in Istanbul und anderen Städten getötet. Tausende werden verletzt.

Der Taksim-Platz während der Gezi-Proteste im Juni 2013(Bild: Felix Huesmann)

Während die Kämpfe andernorts weiter gehen, zieht sich die Polizei im Zentrum Istanbuls zurück. Der Gezi-Park wird zur Kommune. Die jungen Leute demonstrieren hier nicht nur. Sie leben friedlich zusammen, teilen sich Zelte und Essen, richten in einer Ecke des Parks sogar eine Bücherei ein.

Selbst als die Polizei nach zwei Wochen erneut mit Wasserwerfern und einer schier unglaublichen Menge an Tränengas anrückt, um das Geschehen brutal zu beenden, lebt der "Spirit of Gezi" weiter. Zwischen den Bäumen des Parks und auf den Barrikaden haben sich die Aktivisten kennengelernt – über viele ideologische Grenzen hinweg. Viele politische Projekte entstehen. Die Menschen treffen sich fortan in den Parks ihrer Stadtteile, organisieren sich in Nachbarschaftsinitiativen. Neue Organisationen, die sich für die Rechte Homo- und Transsexueller einsetzen, werden ins Leben gerufen.

Häuser werden besetzt und zu Sozialen Zentren erklärt. Der neu gegründeten prokurdischen Partei HDP verhilft diese Aufbruchsstimmung zwei Jahre später zum Einzug ins türkische Parlament.

Was ist davon geblieben?
Ferhat Talan, Fußballfan und Aktivist
Ferhat Talan(Bild: Felix Huesmann)

Es gibt in der Türkei ein Sprichwort: Wenn ihr euch nicht gegen den Faschismus vereint, vereint euch der Faschismus im Gefängnis. Die Gezi-Proteste haben es geschafft, Einigkeit herzustellen. Plötzlich standen Kurden neben überzeugten Kemalisten, also den Anhängern des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. Die hättest du vorher niemals zusammenbringen können.

Wenn du für die gleiche Sache kämpfst und von der Polizei angegriffen wirst, dann merkst du, dass du Solidarität brauchst. Wir haben nicht nur gelernt, zusammen zu kämpfen, sondern auch, die anderen zu verstehen. Auch diejenige, die wir bis dahin nicht verstanden hatten.

Früher ging es im Beşiktaş-Stadion viel politischer zu. Heute wird alles überwacht, und wenn du mit einem politischen Banner erwischt wirst, bekommst du ein Jahr Stadionverbot.
Ferhat Talan

Ein bisschen ist davon erhalten geblieben. Ich habe viele Freunde, die vor Gezi überzeugte Kemalisten waren. Heute unterstützen sie die kurdische Bewegung. Als der "Islamische Staat" 2014 die syrisch-kurdische Stadt Kobane belagert hat, sind auch einige Kemalisten in den türkischen Grenzort Suruç gefahren, um ihre Solidarität zu zeigen.

Auch im Fußball hat sich vieles verändert. Früher ging es im Beşiktaş-Stadion viel politischer zu. Heute wird alles überwacht, und wenn du mit einem politischen Banner erwischt wirst, bekommst du ein Jahr Stadionverbot. Nach Gezi ist auch die "Karşı Lig" entstanden, die "Gegenliga". Da spielen verschiedene linke Gruppen gegeneinander. Gewerkschafter, Anarchisten, kurdische Feministinnen. Männer und Frauen spielen ohne Sexismus und Nationalismus zusammen. Das ist in der Türkei etwas völlig Neues.

Melis Özbakır, ehemalige Hausbesetzerin
Melis Özbakır(Bild: Felix Huesmann)

Wir haben im Gezi-Park die ganze Zeit irgendwas gemacht: Irgendetwas organisiert, gekocht, aufgeräumt. Dabei hat uns aber eins gefehlt: Anders als bei Occupy Wall Street hatten wir keine organisierten Diskussionsforen. Wir haben nur individuell darüber gesprochen, wie es weitergeht.

Wirklich geändert hat sich das erst, nachdem die Polizei uns aus dem Gezi-Park vertrieben hat. Die Leute haben dann angefangen, sich in den Parks in ihren Stadtteilen zu treffen und gemeinsam zu diskutieren. Daraus sind zum Beispiel die beiden besetzten Häuser im Stadtteil Kadıköy hervorgegangen, das Don Kişot und das Mahalle Evi. Ich war gerade mit meiner Mutter in einem Museum, als ich von der zweiten Besetzung erfahren habe. Ich habe ihr nur gesagt: Sorry, ich muss los, und habe sie im Museum stehen lassen.

Ich weiß nur, dass wir dickköpfig bleiben müssen.
Melis Özbakır

Wir haben das Haus zu einem Sozialen Zentrum für die Nachbarschaft gemacht. Es gab eine offene Küche, Workshops und Sprachkurse. Die Nachbarn fanden das super und haben uns dabei unterstützt. Diese Unterstützung wurde nach einigen Monaten allerdings deutlich weniger, nachdem wir eine Kampagne für die Kurden in Kobane gestartet haben, die vom IS bedroht waren. Wir haben Solidaritätsplakate im Stadtteil aufgehängt. Plötzlich wendeten sich die Nachbarn von uns ab. Wenig später hat die Polizei das Haus geschlossen. Damit starb eines der letzten Projekte, die aus den Gezi-Protesten hervorgegangen sind. Geblieben sind fast nur noch die privaten Freundeskreise.

Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Ich weiß nur, dass wir dickköpfig bleiben müssen. Dass wir die Hoffnung nicht verlieren dürfen. Und wir müssen uns selbst schützen. Vor ein paar Monaten habe ich angefangen zu boxen, damit ich mich zumindest auf der Straße etwas sicherer fühle.

Sedef Çakmak, LGBT-Aktivistin und Stadtratsabgeordnete von Beşiktaş
​Sedef Çakmak(Bild: Felix Huesmann)

Ich war schon vor den Gezi-Protesten lange in der LGBT-Bewegung aktiv – die für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen kämpft. Mit Gezi wurde für uns aber auf einmal vieles anders.

Wir waren unglaublich sauer auf viele Oppositionspolitiker. Sie haben zwar immer gesagt, dass sie uns unterstützen. Doch wenn es hart auf hart kommt, ist das das erste, was hinten rüber fällt. Also dachten wir uns: Warum gehen wir nicht selbst in die Politik und verändern etwas?

Mein Freund Boysan hatte die Idee, in die CHP einzutreten, die Republikanische Volkspartei, und für die nächsten Kommunalwahl zu kandidieren. Ich habe mitgemacht. Nach einer Weile hatten wir einen Termin bei dem Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, und kurze Zeit später standen wir tatsächlich auf den Wahllisten unserer Bezirke. Ich hatte sogar einen einigermaßen aussichtsreichen Listenplatz. Um direkt gewählt zu werden, hat es trotzdem nicht gereicht. Ich bin aber ein Jahr später nachgerückt.

Wir haben seitdem einiges erreicht.

Dabei ist die Polizei nicht mal die größte Gefahr. Wir fürchten uns heute viel mehr vor möglichen Selbstmordanschlägen.
​Sedef Çakmak

Wir haben eine große Plakatkampagne in Beşiktaş gestartet. Auf den Plakaten haben LGBT-Aktivisten gemeinsam mit unserem Bürgermeister posiert. Es ging vor allem darum, Homosexuelle und Transsexuelle sichtbarer zu machen. Dadurch ist nicht die Hölle losgebrochen, sondern den Menschen hat das gefallen.

Es gibt hier heute mehrere LGBT-Cafés, und die Leute können sich offener zeigen als vorher. Auch in der Stadtverwaltung schulen wir die Mitarbeiter, damit sie die Lebensumstände von Schwulen, Lesben oder Transsexuellen kennen. Das alles ist durch Gezi überhaupt erst möglich geworden.

Die politische Entwicklung im Land macht unsere Arbeit aber verdammt schwer. Nach Gezi waren mehr als 80.000 Leute bei der bunten LGBT-Pride-Parade. In den letzten beiden Jahren wurde die Parade verboten und von der Polizei angegriffen. Dabei ist die Polizei nicht mal die größte Gefahr. Wir fürchten uns heute viel mehr vor möglichen Selbstmordanschlägen. Eigentlich sollte der Staat uns davor beschützen. Er tut es aber nicht.

In der Slideshow: So kämpfen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle in der Türkei für ihre Rechte

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Ali Ergin Demirhan, Journalist des gewerkschaftsnahen Onlinemagazins Sendika.org
​Ali Ergin Demirhan(Bild: Felix Huesmann)

Als die Proteste 2013 anfingen, haben wir Artikel quasi im Minutentakt veröffentlicht. Die Aktivisten auf der Straße haben uns angerufen, und wir haben deren Infos dann verifiziert und veröffentlicht. Das war wichtig, weil die großen, Erdogan nahstehenden Medien alles gezeigt haben, nur nicht die Wahrheit. Nach ein paar Tagen haben wir einen Online-Fernsehsender gestartet und aus dem Gezi-Park heraus live ins Internet gestreamt. Wir haben die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Regierung uns angreift. Lange ist aber nichts passiert.

Erst einige Monate später hat sich das geändert. Am Anfang haben sie nur den Zugang zu einzelnen Artikeln gesperrt. Dann haben sie aber angefangen, unsere komplette Internetseite zu sperren. Wir haben uns daraufhin einfach von Sendika.org in Sendika1.org umbenannt. Mittlerweile sind wir bei Sendika12.

Allein schon aus wirtschaftlichen Gründen wird die Regierung das Internet nie langfristig abschalten. Kurzfristig hat sie es aber wiederholt lahmgelegt – und in ein paar Tagen kann eine Menge passieren. Darauf müssen wir reagieren können. Als das Internet vor kurzem wieder blockiert wurde, hat sich in Izmir jemand auf einer Fähre vor die Passagiere gestellt, und ihnen die Nachrichten zugerufen. Falls der Staat das Internet abschaltet, müssen wir auf die Straße gehen, Reden halten, Flugblätter verteilen und die Informationen an die Wände schreiben.

Ayser Ali, Literatur-Agentin
Ayser Ali(Bild: Felix Huesmann)

Wir waren alle so unterschiedlich. Und haben es nur kurz geschafft, eine Verbindung zueinander aufzubauen. Die Stadt hat sich seitdem stark verändert. Es gibt dieses Gefühl der Unsicherheit. Und die Gesellschaft wird immer religiöser und konservativer.

Vor ein paar Monaten, im Ramadan, hat ein Freund von mir eine Party gefeiert. Wir waren in einer privaten Wohnung, haben Musik gehört und getanzt. Auf einmal stand eine Gruppe junger Männer vor dem Haus und begann laut rumzuschreien. Was uns denn einfallen würde, im Ramadan zu feiern, Männer und Frauen zusammen? Wir haben dann das Licht ausgemacht und gewartet, bis sie weg waren. Die Party war vorbei. Wir hätten die Polizei rufen können, aber die hätte eh nichts unternommen.

Viele einstige Aktivisten fokussieren sich jetzt komplett auf ihre Arbeit und ihr Privatleben. Ich überlege, ob ich auswandern soll. Dabei will ich eigentlich nicht weg. Hier bin ich zuhause. Falls ich aber irgendwann ein Kind bekomme, wandere ich aus. In dieser Unsicherheit will ich kein Kind großziehen.


Sport

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"Windspiel" bekommt eine ganz neue Bedeutung – wenn es um Indoor Skydiving geht. Im Windkanal kombinierten Sportler Tanzbewegungen und Akrobatik – und das bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 230km/h. Wie grazil das Ganze dennoch aussehen kann, seht ihr im Video.