Nur noch etwa einen Monat, dann stimmt die Türkei über die Einführung eines Präsidialsystems ab, das sämtliche Macht im Staat bei Präsident Recep Tayyip Erdogan bündeln würde.

Erdogan setzt alles daran, dass die Bürger am 16. April für diese Verfassungsänderung stimmen. Dafür machen er und sein Team ordentlich Werbung – auch außerhalb der Türkei. In Deutschland leben rund drei Millionen Türken, 1,4 Millionen haben einen türkischen Pass – und dürfen daher von hier aus wählen (mehr dazu hier).

Doch die anstehende Entscheidung spaltet das Land. Soll die Macht künftig allein bei Erdogan liegen – oder nicht?

Wir haben vier Menschen mit deutsch-türkischer Staatsbürgerschaft gefragt: Was denkt ihr über die politische Situation in der Türkei?
Göker, 23
Göker, 23, aus Duisburg

"Zurzeit kommen einige türkische Politiker nach Deutschland und machen Werbung für das Referendum. Ich finde, das sollten sie lieber in der Türkei machen, weil der Wahlkampf eines Landes vorrangig die Menschen was angeht, die in diesem Land leben. Die Menschen in der Türkei leben und arbeiten dort, sie werden ihre Zukunft dort verbringen. Über ihre Zukunft sollten nur sie entscheiden – nicht auch die, die irgendwann mal in der Türkei gelebt haben.

Nur weil ich eine doppelte Staatsangehörigkeit habe, heißt das noch nicht, dass ich viel in der Türkei bin. Ich bin in Deutschland geboren, lebe die deutsche Kultur und genieße hier Bildung.

Und was denkst du?

Die jüngere Generation der Deutsch-Türken kennt die Türkei nur noch als Urlaubs- und eben als Herkunftsland. Viele haben keinen richtigen Bezug zu der Kultur, auch wenn unsere Familien dort herkommen. Wir sind vielleicht einmal im Jahr in der Türkei – und das nur für wenige Tagen oder Wochen.

Auch wenn unsere Wurzeln türkisch sind, heißt das nicht, dass wir die Zukunft dieses Landes zwingend mitbestimmen sollten. Die Menschen aus der Türkei, die vor Ort sind, wissen wahrscheinlich besser, wofür sie sich entscheiden sollten.

Trotzdem: Ich werde wählen gehen. Jetzt, da ich das Recht dazu habe, sehe ich es als meine Pflicht, es zu nutzen. Hätte ich kein Recht, wäre das auch okay, und wie gesagt: Es wäre sogar richtig. Was ich wählen werde, behalte ich übrigens für mich – Wahlgeheimnis!"

Betül, 21
Betül, 21, aus Aachen

"Ich finde es erschreckend, dass Deutsch-Türken mit doppelter Staatsbürgerschaft die Wahl im April entscheiden könnten. Die Gruppe von Menschen, die am wenigsten von den Wahlergebnissen betroffen sein wird, könnte entscheiden, was in diesem Land passiert! Das ist ja wahrscheinlich auch der Grund, warum Erdogan unbedingt in Deutschland auftreten möchte.

Es ist schwierig, von außen die Zustände in einem Land zu verstehen, in dem man nicht lebt. Deshalb finde ich es nicht gut, dass den ausländischen Türken das Wahlrecht in der Türkei gegeben wird. Ein Volksentscheid sollte von dem Volk ausgehen, das in dem Land lebt und das von dem Beschluss auch betroffen ist.

Meine Familie will unbedingt, dass ich mein Wahlrecht nutze abstimme.

Meine Familie will, dass ich abstimme – ich nicht
Betül

Umso enttäuschender ist es für sie, dass ich da definitiv nicht mitmache. Nicht nur, weil ich gerade ein Auslandssemester in England mache – sondern auch, weil ich es schrecklich finde, dass hier zur Debatte steht, ob einer einzigen Person wirklich so viel Macht eingeräumt werden soll."

Hilal, 19
Hilal, 19, aus Münster

"Viele Menschen denken immer, dass die doppelte Staatsangehörigkeit die Integration der Deutsch-Türken hemmt.

Ich finde das nicht. Wir sind schon so weit, dass wir hier mit doppelter Staatsbürgerschaft leben können, in Vielfalt und ganz ohne Stress. Die Deutsch-Türken wachsen zwischen verschiedenen Kulturen auf, sehen zwei Länder als ihre Heimat an und fühlen sich beiden Ländern verbunden.

Es wäre nur integrationshemmend, wenn man Menschen dazu zwingt, sich für die eine Kultur zu entscheiden – oder wenn man sie nur in der einen Kultur wählen ließe.

Deutsch-Türken sollten nicht ausgeschlossen werden
Hilal

Das Referendum ist sehr wichtig für die Zukunft der Türkei. Das komplette System ändert sich vielleicht, und an dieser Entscheidung möchte ich mich beteiligen.

Deutsch-Türken sollten nicht ausgeschlossen werden. Viele haben eine emotionale Bindung zu dem Land, es ist ihre Heimat, ihre Familien leben dort oder sie planen, später einmal in der Türkei zu leben.

Wer bin ich, wohin gehöre ich? Unsere besten Texte dazu:
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Hier lebe ich in einem offenen Land, hier darf jeder frei seine Meinung äußern. Außerdem gibt es die Versammlungsfreiheit. Deswegen ist es in Ordnung, wenn türkische Politiker hier über das Referendum informieren und dafür Werbung machen.

Man darf das nicht so eng sehen, wenn auch nicht-deutsche Politiker hier ihre Meinung kundtun. Es gibt schließlich keine Anzeichen dafür, dass die Auftritte von türkischen Politikern eine Gefahr darstellen."

Samet, 22
Samet, 22, aus Berlin

"In den Medien werden die Auftritte türkischer Politiker diskutiert und meistens sind alle der Meinung, dass man diesen Politikern hier keinen Raum geben sollte. Klar, das ist kontrovers. Aber Pegida-Anhänger dürfen hier doch auch ihre Meinung kundtun – warum dann nicht auch Erdogan-Anhänger?

Ich könnte mir vorstellen, später einmal in der Türkei zu leben oder zu arbeiten. Dann wäre ich von der Entscheidung, die im April getroffen wird, betroffen. Ich fühle mich hingezogen zur Türkei – kulturell und emotional. Ein Teil meiner Familie lebt dort, ich fliege regelmäßig in die Türkei.

Entweder, man ist für oder gegen Erdogan
Samet

Die vielen Diskussionen haben die Türken richtig gespalten. Entweder, man ist für oder gegen Erdogan, eine andere Meinung gilt oft nicht mehr.

Doch das Wahlrecht ist ein Privileg für alle mit doppelter Staatsbürgerschaft. Ich werde meine Stimme deswegen abgeben. Die Entscheidung kann uns, die wir aus der Türkei kommen, nicht einfach egal sein."


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Wenn sich unser Nachbar in der Mensa "wie ein Neandertaler" ernährt, ist das nur selten ein Kompliment. Meistens heißt es eher: Ein Typ verschlingt unbeholfen und gierig einen Berg voll Fleisch. So weit, so unsexy. Doch eine neue Studie zeigt jetzt: Unsere Vorfahren konnten auch ganz anders. Schon die Steinzeitmenschen waren oft Vegetarier oder Veganer! Und wer es nicht war, zählte meistens immerhin zu den "Flexitariern". (Nature)