Früher hat Tuba einmal im Jahr die türkischen Verwandten im Kölner Umland besucht. Dann kochte ihre Tante manchmal, um sich bei ihr einzuschmeicheln, Cigköfte: Weizengries-Frikadellen, ein veganes Gericht aus der Türkei. "Wenn sie etwas für mich machen, denken sie, ich bin milder gegenüber Erdogan gestimmt", sagt Tuba. 

Tuba mag den türkischen Präsidenten nicht, während ihn ihre Verwandten, vor allem ihre Tante, bewundern. Regelmäßig schauen sie sich Erdogan-Kundgebungen im Fernsehen an. "Sie glauben, weil Erdogan einen Koran in der Hand hält, sei er einer von ihnen", sagt Tuba. "Dabei werden sie von ihm völlig verarscht."

Tuba Sarica, 28 Jahre alt, studiert Germanistik in Köln. Sie wohnt im Quartier Latäng, dem Kneipenviertel der Stadt. Tuba fühlt sich wohl an Orten, an denen viel los ist. Dass ihre Verwandten Erdogan unterstützen, sei für sie so, als würde "meine Familie mit Nazis sympathisieren". 

(Bild: Ben Pieper )

Um einen Einblick in die "Parallelgesellschaft", wie Tuba sie nennt, zu geben, schreckt sie nicht davor zurück, persönlich zu werden. Deshalb schreibt sie seit vergangenem Sommer einen Blog, seit mehr als fünf Jahren ein Buch

Das Thema: ihre Erdogan-liebende Verwandtschaft.

"Wenn meine Familie meine kleine Cousine davon abhalten will, auf die Straße zu laufen, sagen sie: Pass auf, der Deutsche kommt", sagt Tuba. Vor allem an ihrer Tante lässt Tuba kein gutes Haar. "Meine Tante nennt die türkisch-griechischen Menschen 'dreckig'. Sie kann nicht ertragen, dass einige Türken europäische Wurzeln haben."

Pass auf, der Deutsche kommt

Ihre Verwandten finden, Tuba nutze ihre Familie aus, um mit ihrem Blog bekannt zu werden und Karriere zu machen. "Ich finde es aber wichtig, dass die Deutschen erfahren, wie die Parallelgesellschaft funktioniert", sagt Tuba.

Es leben etwa drei Millionen türkischstämmige Deutsche (BAMF) und weitere anderthalb Millionen Türken in Deutschland (Destatis). Auch wenn die meisten hier gut integriert sind – manche fühlen sich der alten Heimat mehr verbunden. Die, die es mit ihrer Türkeiliebe aus Sicht von Tuba übertreiben, ordnet sie unter dem Begriff "Parallelgesellschaft" ein.

An der Diskussion mit ihrer Tante sieht Tuba immer wieder diesen Konflikt, der so oft in den Medien thematisiert wird.

Es ist die Frage, die viele Deutsche nicht verstehen: 

Warum unterstützen die Türken Erdogan? Einen Mann, der Oppositionelle, Journalisten, Künstler, Wissenschaftler einsperren lässt, wenn sie ihm zu kritisch werden?

Tuba erklärt sich das so: "Die, die Erdogan gut finden, wollen keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen", sagt Tuba. "Es ist einfacher, wenn Erdogan sagt, der Westen sei an der eigenen Misere Schuld." Dann müssen sie nicht an ihrer eigenen Integration arbeiten.

Als Erdogan die Türken im März abstimmen ließ, ob sie ein Präsidialsystem wollten, hat Tubas Verwandtschaft den Präsidenten verteidigt. 

Tuba ist die einzige in ihrer Familie, die Erdogan kritisiert.

Schon als Teenager hat sie das Verhalten ihrer Familie hinterfragt. Sie wächst in Bergneustadt auf, fünfzig Kilometer südlich von Köln. Ihre Großeltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. 

Früh bemerkt sie Unterschiede zwischen Türken und Deutschen. So haben in ihrer Familie Männer mehr zu sagen als Frauen. Auch wenn türkisch und türkischstämmige Frauen heute studieren, gibt es immer noch bei manchen Männern ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.

Früher haben wir Heiligabend zusammen mit unseren Nachbarn gefeiert. Doch als sie vergangenes Jahr einen Baum in meiner Wohnung gesehen hatte, murmelte sie, Gott solle ihr ihre Sünden vergeben.
Tuba über ihre Tante

Sie kann sich gut erinnern, als in ihrer Kindheit ein Onkel zu Besuch kam. Der riss, als er das Zimmer ihrer Schwester betrat, die Echt- und Take-That-Poster von der Wand ihrer Schwester –; weil das sich das für ein türkisches Mädchen nicht ziemte.

Wenn Tuba mit ihrer Mutter redet, schimpft Tuba über die türkischen Machos und schwärmt für deutsche Männer. Manchmal denkt sie auch darüber nach, das Heiraten gleich sein zu lassen. 

Für ein türkischstämmiges Mädchen sind das seltene Gedanken, Tuba eckt an.


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Den ersten großen Krach mit ihrer Mutter hat Tuba aber erst, als sie mit 22 von zu Hause auszieht. Für türkische Mädchen ist es üblich, bei der Familie zu bleiben, bis sie heiraten, oder der Job es erfordert. "Ich hatte aber keine Lust mehr, wie Cinderella behandelt zu werden", sagt Tuba. Sie wollte nicht mehr sagen müssen, wann sie mit wem wohin oder nach Hause geht. 

Tuba liebt ihre Mutter, aber sie will ihr eigenes Leben, in einer eigenen Wohnung.

Seitdem Tuba ausgezogen ist, sieht sie, wie ihre Tante die Gedanken ihrer Mutter beeinflusst. Das macht ihr Sorgen. "Meine Mama wird immer seltsam, wenn sie oft mit meiner Tante zusammen ist", sagt Tuba. "Zum Beispiel letztes Weihnachten. Früher haben wir Heiligabend zusammen mit unseren Nachbarn gefeiert. Doch als sie vergangenes Jahr einen Baum in meiner Wohnung gesehen hatte, murmelte sie, Gott solle ihr ihre Sünden vergeben."

Inspiriert bei ihrer Arbeit wird Tuba von Lena Dunham, der Produzentin der US-Serie "Girls"

Es gibt hier viele Türken, die gerne deutsche Feste mitfeiern, dass sie an Heiligabend Weihnachtsbäume aufstellen, ist für sie ganz normal. Aber es gibt eben auch Familien, für die genau solche Handlungen verpönt sind. Oft finden sie in türkischen Gemeinden Bestätigung, die von der türkischen Religionsbehörde Diyanet betreut werden.

Aus der Türkei heraus betreut Diyanet rund 900 Moscheevereine in Deutschland – und entsendet türkische Imame. (WDR

Diese sprechen oft kein Deutsch und kennen sich auch sonst nicht mit dem Leben in Deutschland aus. In ihren Predigten berichten sie vor allem: von der Türkei, von Erdogan, vom Islam daheim. Dass das an der Lebenswirklichkeit vieler junger Deutschtürken vorbeigeht, stört Diyanet nicht. 

Tuba will solche Schieflagen aufdecken.

Inspiriert bei ihrer Arbeit wird Tuba von Lena Dunham, der Produzentin der US-Serie "Girls". "Die Protagonistin will auch Autorin werden und dokumentiert gnadenlos alles, was um sie passiert", sagt Tuba.

Die Kritik, die sie bekommt, ist überwiegend positiv. 

Leser finden es gut, dass "endlich mal eine etwas sagt", den Mut hat, "auch ungeliebte Wahrheiten auszusprechen". 

Trotzdem wuchs ihre Fangemeinde zu Beginn langsam. Erst, als Tuba bei einer Podiumsdiskussion in Bonn als Zuschauerin den Erdogan-Anhänger Fatih Zingal kritisiert, lernt sie eine Journalistin kennen. Der gefällt Tubas Art, einfach in die Menge zu schreien, was sie denkt. Sie bittet sie um ein Interview. 

Für ihre Familie ist Tuba eine Deutsche, und das ist kein Kompliment

Der Artikel, der im Herbst 2016 im "Kölner Stadt-Anzeiger" erscheint, beginnt mit dem Satz: "Für ihre Familie ist Tuba eine Deutsche, und das ist kein Kompliment." Als ihre Mutter den Text liest, ist sie wütend

Sie beschuldigt Tuba, den Erfolg auf den Rücken ihrer Verwandten einzufahren. Sie fragt, was sie als Mutter falsch gemacht habe. Schließlich habe Tuba doch alles gehabt. Jahresurlaub, Klassenfahrten, Einfamilienhaus im Grünen, es habe ihr doch an nichts gefehlt. 

Aber Wohlstand, sagt Tuba, verändert das Bewusstsein nicht. Nur die richtigen Gedanken helfen, das eigene Leben zu verbessern. Und dazu gehöre, sich nicht von der Verwandtschaft einlullen zu lassen, weil die einem Halt gibt.

Tubas Mutter versteht nicht, dass Tuba Politik so wichtig ist.

Mit ihrem Buch, das im Frühjahr 2018 erscheint, will Tuba verhindern, dass junge Deutschtürken sich von Erdogan-Anhängern manipulieren lassen.

Auch, wenn sie weiß, dass der Inhalt im Buch ihre Familie verletzten wird. "Mir ist dieser Gang in die Öffentlichkeit so wichtig, dass ich keine Rücksicht auf die Auswirkungen nehmen kann", sagt Tuba. "Ich will den jungen Deutschtürken sagen, dass sie nicht sofort wieder einknicken sollen, wenn der türkischen Familie etwas nicht passt." 


Haha

Verstehst du badisch?
Denn detsch emol des Quiz mache...

Den einen Dialekt für alle Badener gibt es nicht. "Badisch" ist ein Sammelbegriff für die verschiedenen Mundarten, die in einer Region von Baden-Württemberg gesprochen werden. Mit fließenden Grenzen vom Alemannischen im Süden zum Südfränkischen und Kur-Pfälzischen im Norden. 

An den Grenzen zu Württemberg und Bayern haben auch das Schwäbische und das Ostfränkische stärkeren Einfluss. Ganz schön kompliziert, gell? Awa, des kasch du scho. 

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