Bild: dpa/Roland Weihrauch
Hier begründen sechs Türken, warum sie Erdogan unterstützen.

Erdogan darf die Türkei in ein Präsidialsystem umwandeln: Bei dem Referendum am Sonntag stimmte eine Mehrheit der Bürger für eine entsprechende Verfassungsänderung (bento). In der Türkei selbst war das Ergebnis knapp; etwa 51 Prozent stimmten dort für das Präsidialsystem. In Deutschland hingegen fiel das Ergebnis sehr viel deutlicher aus (bento):

Nach vorläufigen Ergebnissen stimmten 63,2 Prozent der in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger für die Verfassungsänderung.

In Deutschland lebende Türken durften bereits vorab ihre Stimmzettel in den Konsulaten abgeben. Viele gelten als Unterstützer Erdogans – und damit als Unterstützer eines politischen Systems, das nur wenig mit Gewaltenteilung zu tun hat. 

bento hat sechs von ihnen gefragt, warum sie Erdogan unterstützen.
Furkan, 24 aus Duisburg, Elektroniker für Betriebstechnik
(Bild: privat)

"Ich bin in Deutschland geboren und fühle mich integriert und wohl. Trotzdem bin ich hier nicht wahlberechtigt. Ist das fair? Dank meines türkischen Passes habe ich jedoch das Recht für die Türkei zu wählen. Ich wünsche das Beste für mein Vaterland und meine Familie, die in der Türkei lebt – deshalb habe ich bei dem Referendum für 'Evet' gestimmt. Ich kann mir vorstellen, später in die Türkei zurückzukehren, daher ich habe ich jetzt schon für die Politik dort mit abgestimmt.

Ich will ein Präsidialsystem, damit das Volk die richtige Person direkt wählen kann. Ich sehe dieses System als eine Chance für die Türkei, sich wirtschaftlich als auch politisch zu verbessern, da neue Gesetze schneller erlassen werden können.

Jahrzehntelang standen sich die Oppositionsparteien in der Türkei gegenseitig im Weg. Sie haben stets nur kritisiert und den regierenden Parteien kaum Verbesserungen angeboten. In einem Präsidialsystem können sich diese Vorfälle in Zukunft nicht mehr wiederholen. 

Kritik an Erdogan halte ich für angebracht, solange sie konstruktiv ist. Es gab in letzter Zeit oft den Fall, dass Herr Erdogan nicht kritisiert, sondern auch beleidigt wurde. Die türkische Verfassung verbietet eine Beleidigung des Präsidenten und erkennt dafür sogar eine Haftstrafe an. Die Verhaftung von Menschen, die ihn beleidigt haben ist also rein rechtlich."

Kemal, 24, studiert Geschichte 

(Kemal möchte nicht erkannt werden. Deshalb haben wir seinen Namen geändert.)

"Ich hätte zur Wahl gehen können, war aber nicht wählen. Ich bin Muslim und sehe es als unvereinbar mit meiner Religion, in einem säkularen System meine Stimme für eine Partei abzugeben. Die Mehrheit der Muslime sieht das nicht so eng, aber für mich ist das eine strenge Regel. Ich könnte mir deshalb auch vorstellen, nach meinem Uniabschluss in die Türkei auszuwandern. Das Land besinnt sich gerade zurück auf seine Religion.

Deshalb hätte ich auch für 'Evet' gestimmt, wenn ich wählen gegangen wäre. Die Vorteile eines Präsidialsystems sind offensichtlich: wirtschaftliche Stabilität, weniger Bürokratie und keine Gelegenheiten mehr für Putschversuche. 

Die Kritiker, die sagen, dass sich die Türkei in eine Diktatur verwandeln wird, kann ich nicht ernst nehmen. Das sind dieselben Leute, die Obama den Friedensnobelpreis übergeben haben. 

Erdogan herrscht nun mal mit führender Hand. Und dafür bekommt er ja rigoros Zustimmung vom Volk. Das ist ein kleiner aber feiner Unterschied. In welchem anderen Land gehen innerhalb von Minuten Millionen Menschen auf die Straße und riskieren ihr Leben, um zu verhindern, dass ihr Präsident gestürzt wird?"

Hüseyin, 28, aus Offenbach. Studiert International Business Administration

"Ich finde das Präsidialsystem sehr geeignet für die Türkei. Ich bin immer für starke Regierungen, die mit viel Spielraum erfolgreicher handeln können – damit bin ich auch für eine starke Türkei. Bei Koalitionen hingegen muss jede Partei Abstriche machen und ihre Wähler enttäuschen, die sie ja für ihr Programm gewählt haben.

In Deutschland finde ich den Posten des Bundespräsidenten überflüssig. Das Volk hat Angela Merkel gewählt, also sollte sie auch regieren können. 

Dass die Türkei sich mit der Verfassungsänderung in eine Diktatur verwandeln würde, ist komplett falsch. Ich weiß, dass das Parlament gestärkt wird und habe in den 18 Punkten der Verfassungsänderung nichts gelesen, das einer Diktatur ähnelt. Kein diktatorisches System hält alle vier Jahre Wahlen ab, in denen die gleiche Person nur zweimal gewählt werden kann. 

Politik ist hart und am Ende entscheidet das Volk und benotet die Politiker durch Wahlergebnisse. Und das türkische Volk ist fest davon überzeugt, dass Erdogan jeden so behandelt, wie er es verdient."

Cemre, 38, Friseurin aus Bielefeld 

(Cemre möchte nicht erkannt werden. Deshalb haben wir den Namen geändert.)

"Ich habe mit 'Evet' gestimmt, weil ich will, dass der Terror in der Türkei endlich ein Ende hat. In einem Land, wo sich so viele Terroristen wie die PKK, PYD oder der IS aufhalten, halte ich persönlich die Todesstrafe für lebenswichtig. 

In einem Land, wo so viele Menschen durch Terror sterben, müssen Journalisten deshalb ihre Aufgabe vernünftig ausüben und dürfen nicht Terrororganisationen dabei unterstützen, noch mehr Anschläge zu verüben. Viele Journalisten sitzen nicht in Haft, weil sie Journalisten sind, sondern weil sie Straftaten begangen haben.

Ich stehe hinter meinem Präsidenten und unterstütze ihn mit allen Mitteln – so wie 65 Millionen Türken auch. Ich befürchte nicht, dass sich die Türkei in eine Diktatur verwandeln könnte. Dafür haben wir hier zu lange für Demokratie gekämpft. 

In anderen Ländern funktioniert ein Präsidialsystem ja auch, zum Beispiel in Frankreich. Erdogan ist ein demokratischer Mensch und würde sich selbst nie zum Diktator in der Türkei aufschwingen wollen."

Ali, 24, studiert Physik in NRW

(Ali will nicht erkannt werden. Deshalb haben wir seinen Namen geändert.)

(Bild: privat)

"Ich habe einen deutschen Pass und kann deshalb nicht wählen. Aber hätte ich wählen können, hätte ich aber mit 'Evet' gestimmt, denn ich denke nicht, dass Erdogan eine Diktatur in der Türkei installieren wird. Wenn er sich zum Diktator aufschwingen wollte, würde er das nicht mit Volksabstimmung durchsetzen. Er hat genug Macht im Militär und Rückhalt in der Bevölkerung, dass er das auch so könnte. 

Ich selbst bin gegen die Todesstrafe, auch wenn mich der Putschversuch im vergangenen Jahr mental schwer getroffen hat. Ich gehe auch nicht mit jeder Haltung Erdogans konform, aber eins sollte wirklich gebetsmühlenartig wiederholt werden: Die inhaftierten HDP-Politiker haben öffentlich die Terrororganisation PKK verherrlicht. 

Und was die Journalisten angeht, einige Artikel dieser 'Journalisten' habe ich mir selber angeschaut: Das jüngste Beispiel ist das Cover eines Magazins mit 'Hängt Erdogan auf' (der Redakteur wurde vor Gericht freigesprochen). Gäbe es sowas in Deutschland mit Merkel statt Erdogan, hätte der Staatsanwalt ebenfalls ermittelt, oder nicht?

Viele türkische Medien wollen die Bevölkerung nur aufwiegeln und spalten statt versöhnen. Wer aber fair, objektiv und neutral berichtet, sollte nichts zu fürchten haben."

Mehmet, 45, Kaufmann aus Bielefeld

"Erdogan ist in der Türkei schon seit 14 Jahren an der Macht. In den vergangenen 14 Jahren hat sich viel zum Positiven verändert, zum Beispiel das Gesundheits- und Sozialwesen, das Bildungssystem, der Bau von Straßen und Krankenhäusern oder der Kampf gegen Korruption. 

Ich habe das Gefühl, dass sich in der Zukunft noch mehr verbessern wird, deshalb habe ich mit 'Evet' gestimmt. Ich habe mir extra ein Flugticket gebucht und fliege am Sonntag nach Istanbul, um die Wahlergebnisse direkt vor Ort feiern zu können.

Dazu kommt, dass ich Kurde bin. Seit Erdogan kann ich endlich überall in der Türkei Kurdisch sprechen, kurdische Musik hören und kurdische Sender schauen – alles war vorher verboten. Das ist für mich das Größte! Ich bin mir sicher, dass viele Kurden meiner Meinung sind.

Ich habe keine Angst, dass es eine Diktatur geben könnte, denn ich bin der türkischen Sprache mächtig und folge den türkischen Nachrichten. Mich wundert stattdessen, warum Deutschland und die EU sich so sehr dafür interessieren, was Erdogan tut. Die Sprache wird nicht verstanden, die Kultur ist unbekannt und von dem Glauben hält man gar nichts, verbindet ihn sogar oft direkt mit Terror."


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