Ya sev ya terk et!" Übersetzt bedeutet dieser türkische Satz "Entweder liebe oder verlasse sie!“ Gemeint ist die Türkei. Entweder, man nimmt die Türkei hin, wie sie ist. Oder man soll gehen. Die meist von Nationalisten ausgesprochene Parole wird für diejenigen benutzt, die anders oder kritisch über die türkische Politik denken. Auch Kurden bekommen sie zu hören.

Denn die Lage in der Türkei ist angespannt: Seit dem Einzug der pro-kurdischen Partei HDP ins Parlament gab es zwei Anschläge auf ihre Kundgebungen mit vielen Toten. In den Augen vieler Kurden ist die Regierung für die Anschläge mit verantwortlich, und sei es nur, weil sie diese nicht verhindern konnte.

Ich habe mit zwei jungen Kurden aus Istanbul gesprochen. Sie, Evin Inal, konnte sich keine Zukunft mehr in der Türkei vorstellen und probiert ihr Glück stattdessen in den Vereinigten Staaten. Er, Süleyman Gül, will in der Türkei bleiben und sich für mehr demokratische Rechte einsetzen.

Zwei Menschen, zwei Entscheidungen.

Sie ist gegangen.

Evin, was empfindest du nach dem letzten Anschlag in Ankara?

Von dem Anschlag auf den Friedensmarsch in Ankara habe ich über BBC erfahren. Ich habe mir die Bilder angesehen. Das ist einfach brutal und barbarisch. Ich bin zwar hier in den USA und lebe in Sicherheit, aber ich mache mir Sorgen um meine Familie und meine Freunde.

Evin hat sich unter anderem um die Straßenkinder in Istanbul gekümmert.

Warum hast du die Türkei verlassen?

Eigentlich habe ich gutes Leben in Istanbul. Ich konnte eine gute Ausbildung genießen und hatte auch einen guten Job. Aber trotzdem wusste ich nicht, was in der Zukunft auf mich zukommen würde. Ich komme aus einer alevitischen Familie mit kurdischen Wurzeln.

Diese Ungewissheit gilt nicht nur für mich, sondern für Angehörige aller Minderheiten. Wir alle spüren in den letzten Jahren den Druck und die Schroffheit der Politik, insbesondere der AKP-Regierung. Dieser Druck spiegelt sich irgendwann im Alltag wieder und ist bis in mein persönliches Umfeld vorgedrungen.

Obwohl ich die türkische Sprache sehr gut beherrsche, musste ich mich mit rassistischen Sprüchen meiner türkischen Bekannten auseinandersetzen. Schon bald traute ich mich nicht mehr, meine politische Meinung frei zu äußern. Wenn ich etwas kritisches posten oder twittern wollte, musste ich es mir immer zwei mal überlegen. Es ist schließlich mehrmals vorgekommen, dass Menschen wegen ihrer Äußerungen in sozialen Medien verhaftet oder angeklagt wurden.

Wie bewertest du die Situation in der Türkei?

Meiner Meinung nach herrscht in der Türkei ein Bürgerkrieg. Und ich denke, dass allein die Regierung für das Chaos und den Bürgerkrieg verantwortlich ist. Insbesondere Präsident Erdogan und seine übertrieben-islamischen Äußerungen stiften das Chaos. Nicht nur das, mit seinem Regierungsstil polarisiert er das Land immer mehr und spaltet die Gesellschaft.

Er macht Intellektuelle und Minderheiten zur Zielscheibe. Er richtet im ganzen Land ein Blutbad an, nur weil er Präsident werden will. Meiner Meinung nach ist er ein Diktator. Er zensiert die Medien, Menschen erfahren die Wahrheit nicht und der Rechtsstaat wird immer mehr ausgehöhlt.

Er bleibt.

Süleyman, was empfindest du nach dem letzten Anschlag in Ankara?

Ich empfinde Wut und Frustration. Es war ein unglaubliches Blutbad. Das hat uns alle emotional sehr mitgenommen. Aber ich will mich nicht von meinen Gefühlen leiten lassen. Stattdessen denke ich lieber darüber nach, wie ich oder wie wir den zivilen Widerstand in der Türkei stärken können, damit so etwas nicht noch einmal passiert.

Süleyman hat lange Zeit Theater gespielt. Darunter waren auch gesellschaftskritische Stücke.

Glaubst du als junger Mensch daran, etwas in der Türkei bewirken zu können?

Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Wir können ganz viel ändern. Und wenn ich von Veränderungen spreche, dann meine ich nicht solche, die mich oder meine egoistischen Bedürfnisse befriedigen sollen. Sondern ich spreche von einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, die wir alle gemeinsam aufbauen und in der wir alle friedlich leben können. Und Kurden arbeiten schon seit langem daran. Zum Beispiel durch die Selbstverwaltung. Dadurch wollen wir uns vor allen möglichen staatlichen Repressionen schützen.

Wenn ich etwas verändern will, dann muss ich zuallererst bei mir selbst anfangen. Dafür muss ich mich, meine Haltung, meine Denkweise aus den traditionellen Denkstrukturen oder Lebensweisen befreien und ändern. Nachdem ich mich geändert habe, versuche ich die Menschen zu ändern, die in meiner Umgebung leben. Nur so sind gesellschaftliche Veränderungen möglich.

Warum bleibst du in der Türkei?

Die Türkei ist ein Land, in dem anders denkende Menschen oder Kurden aus einfachsten Gründen getötet werden. Das ist ein Zustand, den ich nicht akzeptieren kann. Während die Menschen hier unter diesen Umständen leben, kann ich nicht an mein eigenes Wohl denken. Ich will stattdessen gemeinsam mit ihnen Widerstand leisten, damit solche schreckliche Dinge nicht mehr passieren und wir eine freiere Gesellschaft haben. Dieses Land und seine Menschen sind wie meine Seele. Und ein Körper ohne Seele wäre nichts wert.

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