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Wie junge Istanbuler über die Anschläge in ihrem Land denken.

Am Dienstag haben sich am Istanbuler Atatürk-Flughafen drei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt (bento) – es ist der jüngste von allein vier schweren Terrorangriffen in Istanbul seit Anfang 2016. Dutzende weitere gab es im Rest der Türkei, vor allem in der Hauptstadt Ankara und im Süden nahe der Grenze zu Syrien. Der Krieg zwischen Militär und der kurdischen PKK und die mutmaßlichen Angriffe des "Islamischen Staates" spalten das Land.

bento hat junge Türken aus Istanbul gefragt:

Wie empfindest du die Lage im Land?
Seda, 24, Executive Assistant, geboren in Bodrum
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"Ironischerweise habe ich vom Angriff auf den Atatürk-Flughafen erst gehört, als mich Facebook bat, zu markieren, ob ich sicher bin. Ich war schockiert und habe gedacht: 'Nicht schon wieder!' Klar war ich physisch in Sicherheit, aber mental, spirituell und psychologisch war ich ganz und gar nicht in Ordnung. Nach den Anschlägen hier in Taksim und in Brüssel habe ich mich an überfüllten Orten wie der U-Bahn oder dem Metrobus schon fast paranoid verhalten. Ich habe gedacht, dass es immer und überall wieder passieren kann.
Optimismus fällt mir derzeit wirklich schwer.
Früher ging es mir beim Thema Sicherheit um Schutz vor Diebstahl oder Raub. Heute denke ich daran, nicht in die Luft gesprengt zu werden – im Jahr 2016. Ich will nicht dramatisieren, aber nach all dem fällt es mir wirklich schwer, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Die aktuelle Regierung – um ehrlich zu sein – bringt keinen Fortschritt. Wir sind in einer Sackgasse angekommen.

Es ist eine Schande, dass die türkische Gesellschaft zwar in den sozialen Medien ihre Profilbilder ändert, aber alles nach drei Tagen vergisst. Ich erwarte nicht von den Leuten, gegen die Regierung zu rebellieren, stattdessen sollten wir in Ruhe und vorsichtig handeln. Alles andere hat die Türkei bisher nur weiter vom Westen isoliert."
Burak, 24, studiert Politics and International Relations, geboren in Düzce
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"Ich denke ernsthaft darüber nach, die Türkei zu verlassen. Klar ist es nicht einfach, seine Heimat zu verlassen. Aber was kann ich hier schon tun? Nach den Wahlen 2011, als die AKP an die Macht kam, dachte ich, alles würde besser werden. Aber seitdem ist alles nur schlimmer geworden. Besonders in den letzten sechs Monaten mit all den Anschlägen.
Seit die AKP an der Macht ist, ist alles nur noch schlimmer geworden.
Ich bin zutiefst schockiert. Der Atatürk-Flughafen ist das Zentrum Istanbuls, das Tor in die Türkei. Ich weiß, wie strikt die Sicherheitsvorkehrungen dort sind. Wenn Terroristen dort zuschlagen können, können sie das überall tun. Was soll denn bitte als nächstes kommen? Das Parlament? Der Angriff auf den Flughafen bringt das Fass zum Überlaufen. Die Türkei bekommt die Konsequenzen ihrer Nahostpolitik zu spüren."
Şeyma, 24, Social Media Managerin aus Istanbul
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"Ich persönlich war nie Zeuge eines Anschlags, aber meine Familie war im vergangenen Oktober in Ankara, als dort der schwerste Anschlag in der Geschichte der Türkei passierte. (Bei einer Friedensdemo zündeten Extremisten am 10. Oktober zwei Bomben. 105 Menschen kamen ums Leben, mehr als 500 wurden verletzt, Anm. d. Red.) Ich konnte sie über eine Stunde lang nicht erreichen. Das war der schrecklichste Moment meines Lebens. Glücklicherweise waren sie okay.
Wir jungen Türken sind apathisch geworden, wir sind nicht mehr politisch.
Die Dinge waren in der Türkei aber nicht immer so. Die Ereignisse der letzten Monate machen uns natürlich auch im Alltag Sorgen. Die Leute begegnen sich auf der Straße mit mehr Vorsicht. Aber das ist ja nicht nur in der Türkei so, sondern auch in Brüssel, Paris oder den USA. Unser Verständnis von Sicherheit hat sich global verändert. Das darf aber unseren Alltag nicht beeinflussen – wir müssen trotzdem weiter unser Leben führen.

Die Menschen besonders in meinem Alter sind in gewisser Weise apathisch geworden, sind nicht mehr politisch. Junge Leute kritisieren gern alles, ohne viel über die Materie zu wissen. Um hier in unserem Land irgendetwas verändern zu können, ist das allererste Mitgefühl. Wenn die Menschen versuchen, sich gegenseitig zu verstehen, gibt es kein Problem, das wir nicht lösen können."
Ata, 29, arbeitet als Unternehmer im Bereich Digital Marketing, geboren in Konya
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"Ich bin viel mit dem Flugzeug unterwegs, Flughäfen sind wohl die Orte, an denen ich mich neben meinem Zuhause und dem Büro am meisten aufhalte. Wenn das Attentat einen Tag später stattgefunden hätte, hätte ich auch einer der Toten sein können.
Ich fliege selbst sehr oft – ich hätte einer der Toten sein können.
Ich hatte bisher nie Angst, mich in der Öffentlichkeit zu bewegen. Bis zum ersten großen Attentat in Ankara, letztes Jahr im Oktober. Jetzt haben wir Angst, unser Zuhause zu verlassen, aber ich werde nicht aufhören, trotz dieser Angst, mein Leben weiterzuleben.

Ich glaube daran, dass es noch Hoffnung gibt. Es braucht aber Zeit und viel Aufwand, um in jeder Ecke des Landes den Menschen beizubringen, was es bedeutet, den Lebensstil anderer Menschen zu respektieren. Die Menschen müssen lernen, was wirklich in der Welt vor sich geht, sie sollten alles, was sie in den Medien sehen, hinterfragen. Bisher tut das niemand."
Ece, 20, studiert Psychologie, geboren in Izmir
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"So langsam werde ich paranoid, wenn ich auf der Straße viele Leute um mich herum habe. Ich lebe wirklich mit dem Bewusstsein, dass ich das Risiko eingehe, jeden Moment zu sterben. Bei einigen Anschlägen in Istanbul, wie bei dem auf der Istiklal, war ich sehr nah dran. Wenn ich nicht in der Stadt bin, mache ich mir Sorgen um meine Freunde.
Ich lebe mit dem Bewusstsein, jeden Moment zu sterben.
Jedes Mal, wenn ich aus dem Ausland wieder in der Türkei gelandet bin, habe ich mich wohlgefühlt – wie zuhause halt. Das hat sich für mich seit den letzten Anschlägen verändert. Auch die Leute in meinem Alter haben sich verändert. Früher haben wir nicht so viel über Politik geredet. Mit Erdogan hat sich das geändert: Es gibt jetzt viele junge Leute, die Erdogans Weltsicht nicht teilen und auf die Barrikaden gehen.

Ich erinnere mich an die Gezi-Park-Proteste 2013. Am Anfang hatten wir noch gehofft, etwas verändern zu können. Aber als wir merkten, dass die Regierung nicht zurücktreten würde, haben wir verstanden, dass sie die Polizei und die Medien gekauft hatten. Jetzt sind wir in der Situation, dass wir viele ungebildete Leute haben, die diese Regierung noch unterstützen. Bis diese engstirnigen Menschen nicht aus dem Parlament zurücktreten, können wir in der Türkei gar nichts verändern.“

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