Bild: dpa/Karlheinz Schindler

Der Journalist Deniz Yücel sitzt seit 365 Tagen in Gefängnis. Der "Welt"-Korrespondent wurde vor einem Jahr, am Valentinstag 2017, inhaftiert. Die türkische Justiz beschuldigt ihn, ein Terrorist zu sein. Eine Anklage wurde aber bis heute nicht erhoben.

Die meiste Zeit des vergangenen Jahres saß Deniz Yücel in Einzelhaft – und immer schrieb ihm eine deutsche Bloggerin Postkarten. Tag für Tag.

Marie Sophie Hingst bloggt als "Fräulein Read On" und arbeitet als Historikerin an der Universität in Dublin. Seit 334 Tagen – also seit fast einem Jahr – schickt sie Postkarten nach Istanbul.

Dahinter steckt eine einfache Idee, sagt sie dem "Deutschlandfunk" im Interview:

Er hat ganz am Anfang mal geschrieben, was er aus seiner Zelle sieht: einen Streifen blauen Himmel. Und damals habe ich gedacht, ich will erzählen, wie es hinter dem Fenster aussieht.
In den Postkarten öffnet Marie also die Welt. 

Sie schreibt von Regentagen und kleinen Mädchen mit großen Flamingo-Regenschirmen, sie schreibt von alten Schallplattenspielern, bei denen die Musik kratzt. 

Die Postkarten sind auf Deutsch, Englisch oder Türkisch verfasst, je nach Laune von Marie. 

Sie postet jede auch auf Instagram, hier kannst du einige nachlesen:

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Mit Yücel sind gegenwärtig 157 Journalisten in der Türkei inhaftiert. Die türkische Regierung wirft den meisten vor, Terrorpropaganda zu verbreiten – Yücel selbst sitzt im Gefängnis, weil er über den Kurdenkonflikt berichtet hatte.

Tatsächlich geht es dem Regime um Präsident Recep Tayyip Erdogan darum, Kritiker mundtot zu machen. Mehrere Zeitungsredaktionen und TV-Sender wurden in den vergangenen anderthalb Jahren geschlossen, viele Journalisten sind geflohen.

Marie sagt, mittlerweile gebe es mehrere andere, die sie beim Schreiben der Postkarten unterstützen:

Wir versuchen ein bisschen einen Freundeskreis auf die Beine zu stellen. Es gibt acht weitere Frauen, die auch jeden Tag eine Postkarte an Deniz Yücel schreiben.

Auch anderen Inhaftierten würden regelmäßig Briefe und Karten geschrieben. Ob sie wirklich ankommen, ist unklar. 

Es kann sein, dass die türkische Justiz keine einzige Postkarte weiterleitet – und Deniz Yücel sie nicht zu sehen bekommt. Sicher ist aber: Irgendwer liest sie, mindestens ein Polizist oder Geheimdienstler. Deshalb will Marie auch weitermachen:

Ein Regime, das sich vor Postkarten fürchtet, also vor ganz einfachen Postkarten mit Schafmotiven oder Kunstpostkarten, das kann gar nicht genug Postkarten bekommen.
Ob und wann Yücel freikommt, ist völlig unklar.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim hat am Mittwoch in einem ARD-Interview erneut betont, die türkische Justiz sei unabhängig – er streitet damit ab, dass die Regierung Einfluss auf den Fall nehme. Gleichzeitig sagte Yildirim, es werde "in kurzer Zeit eine Entwicklung geben". Was das heißt, wird sich zeigen.


Gerechtigkeit

AfD-Politiker verurteilt, weil er gegen Homosexuelle hetzte

Der AfD-Politiker Kay Nerstheimer ist wegen Volksverhetzung verurteilt worden – weil er auf Facebook Homosexuelle verunglimpft hat. Er muss eine Geldstrafe von 7.000 Euro zahlen, wie das Amtsgericht Tiergarten am Dienstag beschlossen hat. (rbb)

An Nerstheimer gerichtet sagte die Richterin: "Es ging Ihnen vordergründig darum, die Homosexuellen als minderwertig und nicht gleichwertig darzustellen."