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Besuch im türkischen Konsulat Hamburg am ersten Wahltag

Schon vor dem Verfassungsreferendum am 16. April in der Türkei können türkische Staatsbürger in Deutschland ihre Stimme abgeben. Seit Montag sind die Wahllokale dafür geöffnet – etwa beim türkischen Konsulat in Hamburg-Rotherbaum.

Den Weg von der S-Bahn-Station dorthin markieren rote Aufkleber auf Ampeln und Mülleimern. Auf ihnen steht groß "Hayir", "Nein".

Viele Menschen sind auf dem Weg zum Konsulat – einige sitzen auf Bänken und lesen in einem mit "Ja" betitelten Prospekt. Es ist das Wahlprogramm des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, mit dem er und seine Partei AKP für ihr Referendum werben wollen.

Schon am frühen Vormittag herrscht viel Betrieb vor den schwarzen Toren des Konsulats, Sicherheitspersonal kontrolliert die Wähler am Eingang, Wahlbeobachter aller türkischen Parteien sind anwesend.

Eindrücke vom ersten Wahltag in Hamburg – zum Klicken:
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Erkan ist Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Hamburg. Für den 35-Jährigen ist das größte Problem, dass die Menschen überhaupt nicht wissen, über was sie abstimmen – wie er, sagt er:

Die Stammwählerschaft wählt Erdogan, weil sie ihn sympathisch findet und beschäftigt sich eher weniger damit, worum es eigentlich geht.

Gestern hat Erdogan zum Beispiel erklärt, dass er nach der Verfassungsänderung nicht die Macht hätte, das Parlament aufzulösen. Und das stimmt einfach nicht – genau das hat die AKP ja in ihr Programm geschrieben.

Und das zeigt doch, dass die meisten seiner Wähler nicht nach den Fakten gehen, sondern nach Sympathie entscheiden. Es geht nur darum: Bin ich für Erdogan oder bin ich gegen Erdogan? Damit wird Stimmung gemacht.

Die türkische Gemeinde sei angespannt. "Es gibt überhaupt keine ruhigen Debatten über die Verfassungsänderung", sagt Erkan.

"Ich hoffe, dass sich die Türkei für Demokratie entscheiden wird", sagt Erkan, Vorsitzender der türkischen Gemeinde(Bild: bento)

Dennis sieht die Sache entspannter. Er ist seit Kurzem volljährig und hat heute seinen türkischen Pass für den deutschen aufgegeben. "Ich hab mich gerade ausgebürgert, ich bin eigentlich nicht wegen der Wahl hier", sagt er.

Trotzdem habe er noch schnell vor der Ausbürgerung von seinem Wahlrecht Gebrauch gemacht. "Einfach, weil ich das noch nie gemacht habe, ich dachte, ich nehme das noch mal mit." Was er gewählt hat, will er nicht sagen.

Die Wahl habe ihn auch nicht besonders interessiert. Weil er in Deutschland geboren sei und hier lebe, sei es für ihn ganz selbstverständlich, auch den deutschen Pass zu besitzen:

Deutschland ist mein Land und die Türkei eher ein Urlaubsort. Ich könnte dort auch gar nicht leben, hier habe ich meine Freunde, meine Familie, hier habe ich mir mein Leben aufgebaut.

Wir als Außenstehende haben nicht mitzuentscheiden. Und wir dürfen auch nicht sagen: 'Ey, das was ihr da macht, das ist falsch'.
"Die Wahl interessiert mich nicht besonders", sagt Dennis.(Bild: bento)

Von einem Sprecher des Konsuls hineingebeten geht es ins Innere des Konsulats. Im Hinterhof wurde für die Wahl ein provisorisches Zelt aufgestellt.

Drinnen ist es stickig, es herrscht ein Kommen und Gehen. Neben den sieben Wahlkabinen werden die Umschläge in großen Boxen gesammelt – sie werden ungeöffnet erst nach Berlin und dann in die Türkei geschickt. Dort werden die Stimmen dann ausgezählt.

Blick in den Wahlraum(Bild: bento)

Kurz vor Mittag stehen die Menschen draußen nun schon in einer Schlange. Vor allem Ältere kommen zur Abstimmung, manche mit ihrer ganzen Familie. Stress liegt in der Luft, es ist laut. Das große Medieninteresse – es sind auch mehrere Journalisten-Teams vor Ort – gefällt den meisten nicht.

Stress liegt in der Luft

"Eigentlich rede ich gar nicht mehr mit deutschen Medien", sagt eine Frau mit hellem Kopftuch, die ihren Namen nicht sagen möchte. Sie hat mit Ja gestimmt – und ärgert sich wie viele über die Berichterstattung in Deutschland. Dann sagt sie aber doch noch, warum sie Erdogan und sein Verfassungsreferendum unterstützt:

Die Türkei ist erst durch Erdogan ein Sozialstaat geworden. Er hat als Erster Krankenhäuser, Schulen und Straßen gebaut. Und wenn Sie sehen, was er in der Vergangenheit Gutes getan hat, lässt sich doch leicht daraus schließen, was er in Zukunft machen wird.

Sie wolle einen starken Präsidenten, sagt die Frau, eine starke Türkei, "damit der Westen die Türkei nicht wieder aufmischt."

"Erdogan ist auf dem richtigen Weg", findet Erhan.

Auch Erhan glaubt, Erdogan sei auf einem guten Weg – und hat für ihn gestimmt. "Ich selbst habe drei Jahre in Istanbul gelebt und gesehen, wie gut es den Menschen dort geht. Vor Erdogan hat kein Präsident Brücken gebaut, er tut so viel für die Zukunft, für uns junge Leute." Was er über die Verhaftungen von Journalisten denkt? – "Ja das kann sein, aber was man nicht selbst sieht, davon kann man ja auch nicht wissen, ob es stimmt."

Viele sagen ja, Erdogan sei gegen die Kurden oder die PKK, das stimmt gar nicht. Früher durften die Kurden ja noch nicht mal Kurdisch sprechen, jetzt dürfen sie es. Ich kenne auch viele Kurden hier in Deutschland, die Erdogan unterstützen.
"Wir Sportler müssen unsere Stimme erheben", sagt der Profiboxer Ismail Özen.

Der kurdische Profiboxer Ismail Özen ist keiner von ihnen. Er ist gekommen und wollte mit Nein stimmen. Allerdings: das durfte er nicht.

"Bei den letzten beiden Wahlen konnte ich abstimmen, jetzt haben sie mir gesagt, das ginge nicht, weil ich nicht registriert sei. Dabei habe ich mich nie woanders gemeldet", sagt der 36-Jährige.

"Dass Menschen nicht zur Wahl gelassen werden, ist falsche Propaganda" sagt der türkische Generalkonsul Mehmet Fatih Ak.(Bild: bento)

Der türkische Generalkonsul Mehmet Fatih Ak ist auch da und gibt ein Statement ab. Er nennt es Propaganda – die Gerüchte, dass bestimmte Menschen nicht zur Wahl zugelassen werden. Ismail habe sich wohl vorher in der Türkei gemeldet und sei nun nicht mehr in Deutschland zur Wahl zugelassen.

Doch Ismail sagt, er sei seit zwei Jahren nicht mehr in seinem Heimatland gewesen – dort bestehe Haftbefehl gegen ihn. Ihm werde Mitgliedschaft in der als Terrororganisation geltenden kurdischen PKK vorgeworfen. Auch in Deutschland erhalte er Drohungen von Erdogan-Anhängern. Diskutieren wolle er mit den Beamten jedoch nicht, lieber bei anderen Wählern für ein Nein werben:

Wir als Künstler und Sportler müssen uns äußern und unsere Stimmen in die Presse bringen. Wenn jeder ruhig bleibt und Angst hat, wird Erdogan nur noch mächtiger. Wir wünschen uns eine Welt, in der jeder die Freiheit hat, seine Meinung zu äußern.

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