Bild: privat
Jährlich werden Hunderte Frauen in der Türkei ermordet. Endlich wird der Femizid zum Politikum.

Sie sangen und tanzten, bis das Tränengas kam: Am vergangenen Sonntag versammelten sich mehr als 300 Frauen in Istanbul, um gemeinsam den Protestanz des feministischen Kollektivs "Las Tesis" aufzuführen. Mit verbundenen Augen prangerten sie sexualisierte Gewalt und Morde an Frauen an.


Kaum eine Viertelstunde später lösten behelmte Polizistinnen und Polizisten die Performance auf, mit Schildern und Pfefferspray trieben sie die Teilnehmenden vom Platz. Auf Videos ist zu sehen, wie sich die Frauen der "Plattform gegen Frauenmorde" mit ausgestreckten Armen dagegen wehrten. Sechs von ihnen wurden in Gewahrsam genommen. (SPIEGEL)

Aleyna war eine von ihnen. "Ich denke, es gibt keine Frau in der Türkei, die noch nicht von Männern erniedrigt wurde", sagt sie. "Wir kämpfen dafür, dass männliche Gewalt als gesellschaftliches Problem anerkannt wird."

Izil, 22, eine der Organisatorinnen des Protests erzählt: "Sie sagten uns, dass es illegal sei, spanische Texte zu singen", sagt  "Ich weiß natürlich, dass das nicht stimmt." 

So geht es seit Monaten. 

Im März verhinderte die Istanbuler Polizei mit Gummigeschossen die Demonstration zum Weltfrauentag. Ende November stoppte sie mit Tränengas einen Marsch gegen Gewalt an Frauen.

Dass die Behörden mit so großer Aggressivität vorgehen, sei kein Zufall, sagt Güneş Koç, Assistenzprofessorin an der Istanbuler Arel-Universität mit einem Schwerpunkt auf Geschlechterforschung. 

„Das ist Geschlechterkampf.“
Güneş Koç

Koç sieht in der Diskussion um Frauenrechte eine der größten Konfliktlinien in der türkischen Gesellschaft. Im vergangenen Jahr wurden in der Türkei laut der Organisation "We Will Stop Femicide" 440 Frauen von ihrem Vater oder einem Familienmitglied umgebracht. In diesem Jahr sollen allein im November 39 Frauen von Männern getötet worden sein. 

Die Gruppe kämpft dafür, dass die Taten nicht länger verdrängt werden können. Sie wurde 2010 nach dem Mord an einer Jugendlichen gegründet, der besonders viele Türkinnen und Türken empörte. Die junge Frau war von ihrem Freund getötet worden, der ihre Leiche anschließend in einem Müllcontainer versteckte. 

Inzwischen gibt es die Gruppe in mehreren großen Städten, die Aktivistinnen organisieren Proteste. Das in der Diskussion häufig verwendete Wort Femizid ("Frauenmord") soll daran erinnern, dass es kein Zufall war, von wem und warum die Frauen getötet wurden. 

"Diese Taten geschehen nicht spontan", sagt Koç. "In den vergangenen Jahren ist die Zahl der dokumentierten Morde an Frauen immer weiter gestiegen." Ob es mehr Femizide gibt oder die Taten öfter bekannt werden, ist unklar. 

Güneş Koç hat gerade eine Studie fertiggestellt, die die Gewalt anhand von 296 Fällen untersucht. Aus dem Ergebnis lässt sich schließen, dass es um strukturelle Gewalt geht: 

70 Prozent der getöteten Frauen hatten sich zuvor an die Polizei gewandt, Anzeige erstattet oder um Schutz gebeten.  

Die Politikwissenschaftlerin Asli Polatdemir untersucht an der Universität Bremen die Repräsentation der Geschlechterbewegung in der Türkei im Internet. In den vergangenen Jahren sei der Protest gegen Femizide immer wichtiger geworden, sagt Polatdemir. "Nach den Gezi-Protesten haben sich viele Bewegungen zurückgezogen. Die Frauen sind immer noch da."

Einen wichtigen Grund für die anhaltenden Proteste von Frauen sieht Polatdemir darin, dass die Diskussion die ganze Gesellschaft betreffe. 

„Auch gläubige und konservative Frauen in der Türkei erwarten, dass die Regierung glaubwürdig gegen Femizide vorgeht.“
Asli Polatdemir, Sozialwissenschaftlerin

Die Sozialwissenschaftlerin beobachtet, dass sich das konservativ-religiöse Lager in den vergangenen Jahren in unterschiedliche Richtungen entwickelt hat. Neben Vereinen wie der regierungstreuen Frauenbewegung "Kadem" (SPIEGEL) gebe es auch eine wachsende Zahl von jungen Frauen, die konservativ, gläubig und dennoch AKP-kritisch seien, sagt Polatdemir. 

Auch Güneş Koç von der Istanbuler Arel-Universität sieht es so. "Die jungen Frauen, die in den Neunzigerjahren in einem selbstbewusst-religiösen Umfeld aufwuchsen, sind heute an den Universitäten. Sie tragen Kopftuch, aber sie wollen gemeinsam mit jungen Männern im Wohnheim leben und haben außerehelichen Sex."

Aus ihrer Sicht ist die wachsende Gewalt gegen Frauen auch eine aggressiv-männliche Reaktion auf die gestiegene Scheidungsrate. 

Allein zwischen 2017 und 2018 stieg die Zahl der Scheidungen nach amtlichen Angaben um mehr als zehn Prozent.

Auch in ländlichen Regionen ist die Zahl in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die Entwicklung sei Ausdruck eines gewachsenen Selbstbewusstseins vieler Frauen, sagt Koç. 

„Die Ehe hat in der Türkei an Bedeutung verloren.“
Güneş Koç

Dass Übergriffe durch verlassene Ehemänner und gewaltbereite Angehörige nicht länger verschwiegen würden, sei auch den Medien zu verdanken. "Verharmlosende Formulierungen wie 'Mord aus Leidenschaft' waren früher fast an der Tagesordnung", meint Koç. "Dass man heute den Begriff Femizid nutzt, zeigt, dass die Sensibilität in vielen Redaktionen gestiegen ist."

Durch soziale Netzwerke sei das Thema zusätzlich in den Blick gerückt, sagt die Politikwissenschaftlerin. Izil von der "Plattform gegen Femizide" sieht es ähnlich: "Ich glaube, dass es heute sogar einfacher geworden ist, für die Rechte von Mädchen und Frauen zu demonstrieren."

„Die Gesellschaft steht hinter uns.“
Izil

Für die AKP-Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan ist es deshalb schwierig, Frauengruppen direkt anzugreifen – obwohl erzkonservative Politiker genau das fordern. Vor allem das Gesetz Nr. 6284 zur Verhinderung von Gewalt gegen Frauen und die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung häuslicher Gewalt empören viele rechte Politiker, weil sie angeblich dem Erhalt von Familien schadeten.

Deshalb suchten Behörden meist Ausreden, wenn sie gegen feministische Demonstrationen vorgingen, sagt Asli Polatdemir. "Es geht dann meist um angebliche Anarchistinnen oder eben um spanischen Gesang."

Die Oppostion hingegen versucht, das Thema Frauenrechte zu nutzen, um trotz der angespannten Lage gegen die AKP-Herrschaft mobilisieren zu können. Als im Sommer eine 38-jährige Frau vor laufender Kamera von ihrem Ex-Mann erstochen wurde, twitterte Istanbuls Bürgermeister Ekrem Imamoglu: "Wir haben Emine B. wegen männlicher Gewalt verloren."

Der Sozialdemokrat war erst im Frühjahr trotz massiver Widerstände ins Amt gekommen. Inzwischen verweist er  regelmäßig auf das feministische Erbe seiner Partei: Die CHP führte unter Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk Anfang der Dreißigerjahre das Frauenwahlrecht in der Türkei ein. 

Die Sozialdemokraten sehen sich deshalb als natürliche Verteidiger der Frauenrechte. 

Die Partei wird aber auch als nationalistisch und staatstragend kritisiert. In der Auseinandersetzung mit den Kurden und nach dem Putschversuch 2016 stimmte die CHP immer wieder mit der regierenden AKP und der nationalistischen MHP. In der eigenen Parlamentsfraktion haben die Sozialdemokraten aktuell einen Frauenanteil von zwölf Prozent.

In den kommenden Monaten könnte das Thema Frauenrechte über die Zukunft des Landes entscheiden. 

Nach den Parteiaustritten des früheren Premierministers Ahmet Davutoglu und von Ex-Wirtschaftsminister Ali Babacan könnte Präsident Erdogan in den kommenden Wochen die Parlamentsmehrheit verlieren.

Statt zum 100. Geburtstag der Republik im Jahr 2023 müsste vielleicht schon im kommenden Jahr neugewählt werden. Die Wut der Frauen könnte dann ein entscheidender Faktor sein.

Fürchten die Istanbuler Feministinnen, dass es auch bei einem Machtgewinn von konservativen Hardlinern zu Rückschlägen für Frauenrechte kommen könnte? Izil will davon nichts wissen. "Wenn sie das versuchen sollten, starten wir eine Revolution."

*Auf ihre Bitte hin haben wir die Aktivistinnen nur bei ihren Vornamen genannt. Der Redaktion sind die vollen Namen bekannt.

Korrektur: In einer früheren Variante des Artikels stand, dass die Performance der Frauen "Las Tesis" heißt. Das ist falsch, das feministische Künstlerkollektiv, das die Performance erfunden hat, trägt diesen Namen.


Fühlen

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